2007-10-14 17:41:00
Der Grazer Musiker Binder-Krieglstein gastierte im Vöcklabrucker Foyer des Arts und lehrte dem Publikum balkanische Klänge. Was wie ein Märchen klingt, ist die Realität.
Doch diese (Welt-)Offenheit passte in dem kleinbürgerlichen Vöcklabruck nicht jedem.“ (Der Standard, Printausgabe 11.10. 2007, „Kopf des Tages“: Josef Friedl) Dieser Satz von Standard-Redakteurin Kerstin Scheller, der in Zusammenhang mit der aktuellen Posse rund um Arigona Zogaj verfasst wurde, stellt in Stelzhammer `scher Manier – Stichwort „Suam“ – die Kirche auf den Kopf: Denn die „Weltoffenheit“ soll sich überall einnisten, nur nicht in Vöcklabruck – oder, um im Underground-Jargon zu sprechen, Vöcklabrooklyn. Anknüpfend an diese triste Tatsache des offensichtlich nicht vorhandenen Kulturinteresses vonseiten der Stadtväter war ein mulmiges Gefühl nicht verwunderlich. Musste man sich doch die Frage stellen: Wird zum heutigen Konzert überhaupt jemand kommen? Hintergrund: Vöckes ist jene Stadt – wenngleich das Wort „Stadt“ hier ein klarer Fall von Euphemismus ist - , in der regelmäßig durchaus passable Künstler respektive Bands auftreten, die eben das Pech haben, vor einem Publikum, das an einer Donald Duck `schen Hand abgezählt werden kann, zu spielen. Schade, immerhin sind die Rahmenbedingungen existent: So ist Josef Gebetsroither, akademischer Kulturmanager und für die alternative Schiene bei dem Vöcklabrucker Freizeit- und Kulturverein FVF zuständig, im Stande, Musiker wie zum Beispiel den berühmten englischen Gitarristen Fred Frith, der nur in der Bundeshauptstadt und im Voralpenkaff seine einzigen Österreich-Konzerte gab, in das verdiente Foyer des Arts zu holen.
Alles verloren
Überraschenderweise füllte sich nach einiger Zeit der Saal und möglich wurde, was zuvor unmöglich erschien: Hey, hier interessiert sich ja noch wer für kluge zeitgenössische Popmusik! Der Grazer Schlagzeuger Rainer Binder-Krieglstein, der sich bereits bei namhaften musikalischen Projekten wie Fetish 69 und Toxic Lounge verdingte, war nicht nur mit der sich mit einem orangen X im Gesicht gerne ästhetisch und dadaistisch gebenden Sängerin Makki, sondern auch inklusive einem Geiger und Posaunisten angereist. Angereist, um den Balkan beim "Tor zum Salzkammergut" hereinzulassen. Was er nämlich bot, motivierte wohl auch das faulste Bein zum Schunkeln. Vereint mit gelungenen Visuals, preschte er mit seinen aus der Dose kommenden Samples und charmant groovigem Schlagzeugsound ungeniert nach vorne. Songs wie die bewusste Aufforderung zum Konsum flüssigen Goldes, „Drink all Day“, das völlig ausgeflippte Werk „You Know“ oder der karibisch angehauchte, auf dem aktuellen von Bucovina Club-Begründer Shantel produzierten Album „Alles verloren“ enthaltene, sowie vom Protestsongcontest bekannte gleichnamige Track: Der Schweiß tropfte, das Bier rann – oder umgekehrt! Schön! Denn dieser in mehrfacher Hinsicht rekonvaleszente Abend demonstriert einen hoffnungsvollen Umstand: Interesse ist da, Publikum wohl ebenfalls. Jetzt bleibt noch die Frage, ob jene oberösterreichische Dorfgemeinde nach der dieser Tage endenden Landesgartenschau nicht in das notorische schwarze Loch fällt…
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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