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2007-04-02 00:10:51

Der deutsche Journalist und Autor Jürgen Bertram bringt in seinem neuen Buch „Mattscheibe – Das Ende der Fernsehkultur“ auf profunde Art und Weise den tatsächlich existierenden Nieder- bzw. Untergang des Mediums Fernsehen näher und nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund.

Sollte man angesichts der tatsächlich existierenden Verflachung des Mediums Fernsehen zynisch bleiben oder sich damit wirklich ernst auseinandersetzen? Jürgen Bertram, deutscher Journalist und Autor („Die Helden von Bern“) entschied sich für den zweiten Weg. Bertram, Jahrgang 1940, der u. a. für den NDR als Fernsehjournalist arbeitete und für diverse deutsche Tageszeitungen, für die Deutsche Presseagentur und für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zahlreiche Artikel schrieb und außerdem für 13 Jahre als ARD-Korrespondent in verschiedenen Ländern Südostasiens unterwegs war - was wohl auch seine kritische Einstellung zu einer provinziellen Einstellung begründet bzw. letztendlich auslöste – erklärt in seinem neuen Buch „Mattscheibe“ mit dem reißerischen Subtitel „Das Ende der Fernsehkultur“, wie sich das Fernsehen in seinen letzten Dekaden deutlich zum Negativen verändert hat. Dabei befragt er viele Publizisten, Medienwissenschaftler, Journalisten, Autoren oder nur Menschen, die sich mit diesem Medium schon lange beschäftigen in Interviews, die er dann geschickt einbaut oder berfut sich nur auf seine langjährige Erfahrung sowohl im In-, als auch im Ausland. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund und scheut vor keiner Kritik zurück.


Vom Aufstieg bis zum Absturz
Anfangs erklärt Bertram in seinem aus 24 Kapiteln (einige Titel lauten wie „Glaubt nie, was die das sagen!“, „AIDS ist unerotisch“ oder „Guten Morgen zu den Tagesthemen“) bestehendem Buch ein paar Fakten bzw. historische Hintergründe. Wie zum Beispiel alles beim Sender NDR im Jahre 1945 begann, als der englische Offizier Hugh Carleton Greene, der den Sender als höchster Kontrolloffizier und Generaldirektor übernimmt. Zwischen den Zeilen erkennt man, dass Greene, der dem Proporz deutlich eine Abfuhr erteilt, ein heimliches Vorbild von Bertram ist. Schließlich war es dieser Mann, der unter „öffentlich-rechtliche Anstalt“ wirklich noch das verstand, was es sein sollte und sein soll; nämlich ein „Fenster zur Welt“ und keine scheuklappendenkende Parteienvereinnahmung. So lautet danach ein Absatz, der sich wie ein roter Faden nicht nur durch sein Buch, sondern leider auch durch das Fernsehen zieht: „Die Zeiten, in den unabhängige Köpfe um die beste journalistische Lösung rangen und ausschließlich die Qualifikation zählte, sind jedenfalls passé – dank eines Proporzes, der von der Spitze (SPD-Intendant, CDU-Programmdirektor, SPD-Chefredakteur…) bis in die Redaktionen reicht. Meinungsvielfalt ist etwas anderes.“ Die den journalistischen Grundsätzen deutlich widersprechenden Fälle beschreibt er dann mit einer Wucht, die den Leser wie einen Schlag ins Gesicht trifft. So zitiert er den Intendanten des Sender Freies Berlin (SFB), Franz Barsig, mit folgenden Worten: „Der Druck der Parteien wird von Jahr zu Jahr stärker, und er hat in einem Maße zugenommen, dass dadurch praktisch das gesamte System in Frage gestellt ist.“ Oder erwähnt, im Zusammenhang mit dem Proporz und der Einnahem vonseiten der politischen Parteien, den damaligen CSU-Funktionär und späteren Entwicklungshilfe-Minister Carl-Dietrich Spranger, der sich klar für eine mediale Schönfärberei zugunsten seiner Partei ausspricht, als er den Mitarbeitern der diversen Anstalten erklärt, dass er Berichte „über die wirtschaftlichen Erfolge, wie viele Abermillionen Arbeit haben, über die positiven Lebensumstände, über gesunde Familien, vernünftige Kinder, fleißige Studenten, Politiker, die ihre Arbeit tun, Arbeitnehmer, die nicht demonstrieren“, haben will.


„Im Flachen kann man nicht ertrinken“
Einen subtilen Lösungsvorschlag gibt der Publizist Heinz Friedrich von sich, indem er auf die Frage „Was tun?“ folgende Antwort gibt: „Seit Menschengedenken gibt es nur eine Antwort: Man muss sich entscheiden. Und zwar nicht etwa zwischen der reinen Lehre und der mehr oder minder lässlichen Sünde, sondern (und nur darauf kommt es an) für eine bestimmte Tendenz – nämlich entweder für die Tendenz der kulturproduktiven Qualität oder für die Macht oder gar Übermacht der Einschaltquoten, die leider oft nicht mehr liefern als Beiträge zur Statistik des schlechten Geschmacks“. Eine Entscheidung aber, dessen Ergebnis bis jetzt mehrheitlich negative Folgen gebracht hat. Denn blättert man einmal in irgendeiner der endlosen TV-Magazine, so erfreut sich nur derjenige, der bereit ist, auch mit dem Teufel ins Bett zu gehen. Der an niveauvoller, reichlich intellektueller Fernsehnahrung interessierte Konsument wird sich nach Weglegen der Fernsehlektüre eher ein Buch greifen, als sich dem tristen Boulevard der Privat-Sender hinzugeben. Denn Sender wie ARTE und 3Sat – obwohl sie, was man nicht unter den Tisch fallen lassen darf, in der Unternehmensgruppe von ARD, ZDF (ARTE) und ZDF, ORF, SRG SSR idée suisse und ARD (3Sat) dabei sind – tanzen offensichtlich aus der Reihe. Weiter vorne im Buch spendet Bertram dem Deutschland-Radio-Intendanten Ernst Elitz Platz für eine signifikante Aussage bezüglich der Aufgabe der öfentlich-rechtlichen Anstalten: „Es ist aber gerade die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, nicht public interests, also die unreflektierten Wünsche der Öffentlichkeit, zu bedienen, sondern interst of the public, also gesellschaftliche Verantwortung, in den Vordergrund zu stellen.“ Ein schönes Sprichwort wendet der Regisseur Dieter Wedel in Richtung der dummen und seichten Sender, die Volksverblödung statt –aufklärung betreiben, an: „Im Flachen kann man nicht ertrinken.“Nebenbei erwähnt Bertram die drei journalistischen Todsünden, die sich jeder ernsthafte Journalist rot markieren sollte: „Schönfärberei, Sprachverfall, Vermischung von Berichterstattung und Kommerz“.

Von Gebühren, Quoten und anderen Reinlegern
Mitten im Buch bringt es der Komponist Wolfgang Rihm auf den Punkt: „Wir zahlen Gebühren für unsere Unterforderung.“ Oder auch das ewige Thema mit den erfolgsbringenden Quoten wird in diesem Buch angesprochen. So erklärt der frühere Fernsehchef und Autor, Wilhelm von Sternburg: „Jede Konferenz im Dritten Programm begann mit der Frage: Wie niedrig ist die Quote? Dabei hatten wir bei Bücher, Bücher etwa 70.000 Zuschauer. Wenn die Quote in der Kunst zum einzigen Kriterium wird, dann müssten wir eigentlich alle Theater schließen.“ Er gibt dem traurigen Quotenhinterherjagen somit eine deutliche Absage. Nahe dem Ende des Buches wird der Intendant des DeutschlandRadio, Ernst Elitz, noch einmal zitiert: „Die öffentlich-rechtlichen Sender sind in der Pflicht, in allen Genres klare Standards zu setzen, das heißt, auch für Serien und Unterhaltungssendungen gibt es positive Kennziffern für eigenproduziertes und eigenentwickeltes Programm, null Punkte für das Abkupfern von Stoffen und Formaten, mit denen schon andere auf Nummer sicher gegangen sind…Qualität ist die Abkehr vom ewig Gleichen und auch die Pflicht zur Provokation.“ Und auch der Debatte „Gebühren – ja oder nein?“ drückt er deutlich seinen Stempel drauf: „Wenn belegbar ist, dass er (gemeint ist ein öffentlich-rechtlicher Sender; Anm. d. Red.) sich an diese Standards hält, wären auch die Gebühren sicherer. Die Rundfunkgebühr ist nicht nur ein Finanzierungsinstrument. Sie muss auch eine Qualitätssicherungsgebühr sein, und als solche wäre sie weniger angreifbar, auch wenn sie mal einen Euro und ein paar Cent teurer wird. Qualität ist nicht zum Aldi-Preis zu haben.“


So bleibt als Resümee noch zu erwähnen, dass das Buch „Mattscheibe“ ein sehr gut durchdachtes, recherchiertes und ausgewogenes geworden ist und mit seiner reichlichen Kommentare anderer Experten nicht zu kurz kommt; denn bei manchen Büchern entsteht bei Herangehensweisen der alleine durchgeführten Recherche eher langweilige Monologe, die Wichtiges, das eben von anderen Menschen geholt werden kann, aussparen. Jürgen Bertram deckt nichts ab und zeichnet uns die Fehler der deutschen Medienlandschaft auf. Er beschreibt zwar nur das Bild Deutschlands, aber: Dass sich dieses Buch natürlich auch österreichische Medienzaren, deren Monopole nichts Gutes verheißen, kaufen müssen, muss wohl nicht extra erwähnt werden. (Ein tiefer Blick in das Fernsehprogramm des ORF genügt) In einem Land, das (medien- und gesellschaftsentwicklungstechnisch) hunderte von Jahren zurück ist, werden nämlich einige der in Deutschland bereits jetzt (oder bereits) stattfindenden Diskussionen erst lange später folgen, was der Entwicklung sicher nicht gut tun dürfte. Aber Österreich war bekanntlich immer schon eine „Insel der Seligen“…



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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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