Rezepte und Geschichten aus dem Gemeindebau
Kochbücher gibt es wie Sand am Meer. Ob für Afrikanische, Türkische oder traditionelle Österreichische Gerichte. Der „nicht-kulinarische“ Unterhaltungswert hält sich meist in Grenzen. Was aber, wenn Rezepte mit Lebensgeschichten aus der Türkei, Nigeria oder Wien verbunden werden?
Vom Projekt zum multikulturellen Kochbuch
Vier Studentinnen der Universität für angewandte Kunst haben, im Rahmen eines Projektes, Bewohnern der Siedlung „Am Schöpfwerk“, im 12. Wiener Gemeindebezirk, beim Kochen über die Schulter geschaut. Doch Köche und Köchinnen verrieten den Autorinnen neben ihren Lieblingsrezepten auch Geschichten aus ihrem Leben. Während die aus Bangladesh stammende Syede das Reisgericht Jall Morge zubereitet erzählt sie von ihrer Heimat und ihren Kindern. Ihre beiden Töchter und ihren Sohn möchte Syede zu guten Menschen erziehen, „denn sie seien, was von einem selbst in dieser Welt bleibe.“.
Gesammelt wurden die Rezepte, Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten schließlich im Buch:
Hier wird nur mit Liebe gekocht! – Rezepte und Geschichten aus dem Gemeindebau,
von Eva Engelbert, Marlene Hausegger, Tina Oberleitner und Roswitha Weingrill
erschienen im Folio Verlag.
Mit den ersten Seiten beginnt ein kulinarischer, wie auch kultureller Kurztrip nach Serbien, Ungarn, Nigeria, Ägypten aber auch viele Winkel Österreichs. Während in einer Wohnung Kümmelbraten gekocht wird, entsteht hinter einer anderen Tür Kofta, ein ägyptischer Fleischspieß. So verschieden wie die Gerichte sind auch die Menschen, die sie zubereiten, und die Geschichten, die sie erzählen.
Unterschiedliche Gemeinsamkeiten
Die individuellen und teils sehr persönlichen Unterhaltungen erlauben einen Einblick in den Alltag von Einwanderern und alteingesessenen Wienern. Bewegend, faszinierend, teilweise erschütternd. Doch egal wie groß die Unterschiede zu Beginn scheinen, die Lust am Kochen verbindet alle Bewohner.
„Wenn jemand mit mir isst, ist er wie ein Mitglied meiner Familie“, so die aus Ägypten stammende Frau Naglaa.
Auch die Autorinnen werden in den Prozess der Speisenzubereitung mit eingebunden, oftmals auch für kurze Zeit in das Leben der Akteure. „Bei unseren Kochterminen sind wir Kinderanimateurinnen, Erdäpfelschälerinnen, Gesprächspartnerinnen,…“. Etwa bei der Zubereitung von Börek. Bekommt man diese, oder andere türkische Speisen serviert, ist es Tradition, Koch oder Köchin „Eline saglik“ – Gesundheit für die Hände zu wünschen.
Analyse sozialer Strukturen
Innerhalb der Gemeindebausiedlung „Am Schöpfwerk“, die Heimat für rund 4.700 Menschen ist, sind Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn der einzelnen Einwohner nicht besonders ausgeprägt. „Offen zu legen, dass es in den Küchen eine Menge Gemeinsamkeiten gibt und dadurch Brücken gebaut werden können, ist Ziel des Projekts.“
Entstanden ist das Buch in Zusammenarbeit mit dem Bezirksvorstand von Meidling und Wolfgang Schlag im Rahmen des New Crowned Hope Festivals. Der Verkaufserlös kommt dem Stadtteilzentrum „Bassena“ zu. Dieses ist Treffpunkt für alle Bewohner, fördert bürgerliches Engagement und trägt zur Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität in der Siedlung bei.