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Hauptsache Arbeit? - Ein gescheitertes Interview

2007-04-02 00:14:09

Das Arbeit Training Zentrum (ATZ) ist eine Einrichtung, in der Menschen mit psychischen Erkrankungen lernen sollen, sich im Arbeitsalltag zurechtzufinden. Aber wäre es nicht viel sinnvoller, sich dem menschenfeindlichen Prinzip "Arbeit" und seiner Lobpreisung entgegenzustellen, als "defekte Arbeitsmaschinen zu reparieren"? Dieses Interview: Ein weiterer gescheiterter Versuch diese Gedanken zu vermitteln.

Das Arbeit Training Zentrum Oberösterreich (ATZ OÖ) ist eine Maßnahme des Vereins pro mente Oberösterreich, um Menschen mit psychischen Krankheiten den Weg (zurück) in die Arbeitswelt zu erleichtern. 15 Monate lang arbeiten die KlientInnen in einem der ATZ-Betriebe (z.B. Tischlerei, Küche, Weberei oder Buchladen), in denen die Arbeitswelt unter professioneller Betreuung simuliert wird. Während dieser 15 Monate absolvieren die KlientInnen in der Regel diverse Praktiken bei verschiedenen Firmen, und werden idealerweise nach dem Ende der 15 Monate an eine Firma vermittelt.
Wir haben versucht, ein (arbeits)kritisches Interview mit der Leiterin des ATZ-OÖ, Frau Friederike Roithmeier-Ebner zu führen, und haben sie über das ATZ-Programm, sowie die aktuellen Arbeits(markt)entwicklungen befragt.



FM5: Was war die Grundidee/der Ursprung des ATZ (Arbeit Training Zentrum), und gibt es ähnliche Einrichtungen in Österreich, Deutschland und weltweit?

Roithmeier: Das Konzept ist in Deutschland vor fast 25 Jahren entwickelt worden. In Oberösterreich hat man damit begonnen es zu entwickeln, nachdem man gesehen hat, dass berufliche Integration für Menschen mit psychischen Erkrankungen mit den damals bestehenden Möglichkeiten schlecht umsetzbar war. Die Leute, die an psychischen Erkrankungen gelitten haben, und sich in Rehabilitationseinrichtungen der beruflichen Art befunden haben, haben in diesen unbefriedigende Erfahrungen gemacht. Deshalb ging man dazu über darüber nachzudenken, welche Form der beruflichen Integration für jene Menschen Sinn machen würde.
1983 ist das ATZ durch Christian Rachbauer, den jetzigen Geschäftsführer der pro mente OÖ, in Oberösterreich gegründet worden. Gestartet wurde mit 20 TeilnehmerInnen; in der Zwischenzeit hat sich das Konzept auf ganz Österreich ausgebreitet, und es umfasst 350-400 Plätze. Es gibt Trainingsmöglichkeiten in Tirol, Salzburg, Steiermark, Niederösterreich und Kärnten mit denen ATZ OÖ einen Dachverband bzw. eine lockere Arbeitsgemeinschaft bildet.

FM5: Wie viel Prozent der TeilnehmerInnen können nach dem Arbeitstraining an Firmen vermittelt werden?

Roithmeier: Langfristig gesehen können wir 50% der TeilnehmerInnen vermitteln, das heißt die Hälfte der Personen, die bei uns in der Maßnahme gewesen sind, können einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft oder im geschützten Rahmen einnehmen und auch langfristig halten. Aber berufliche Integration ist ein Prozess, gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, und abgesehen von den individuellen Voraussetzungen ist auch der Lebens- und Arbeitsprozess von diesen Menschen zu berücksichtigen. Das heißt, jegliche betriebliche oder konjunkturelle Schwankungen müssen von diesen Menschen auch getragen werden, keine Frage.
Langfristig kann man in Österreich aber davon ausgehen, dass wir die 50% Marke halten.

FM5: Welche Krankheiten sind unter den KlientInnen die häufigsten? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Erkrankung und der Arbeit?

Roithmeier: Das ist eigentlich nicht erforscht, da kann man nicht wirklich Aussagen dazu treffen. Ich kenne keine Untersuchungen, die belegen, welche Formen der Erkrankung besonders dazu beitragen, den Arbeitsplatz zu verlieren. Wir beobachten auch im Zulauf ganz unterschiedliche und schwankende Erkrankungsarten. Wir versuchen daher so individuell wie möglich durch unsere langjährig qualifizierten MitarbeiterInnen auf die verschiedenen Erkrankungen zu reagieren.

FM5: In welche Richtung zeigt die Entwicklung der letzten Zeit? Gibt es mehr Erkrankungen, KlientInnen?

Roithmeier: Wir befinden uns gerade im Rahmen eines Equal-Projekts in Zusammenarbeit mit der Volkshilfe und dem BBRZ (Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum), und haben bei der gestrigen Sitzung einige statistische Zahlen gehört. Generell ist der Anteil der Menschen mit psychischen Erkrankungen, wenn man sich die Pensionierungen ansieht, immer steigend.

FM5: Wie steht das ATZ-OÖ oder Sie zum Thema Arbeit und den aktuellen Entwicklungen am Arbeitsmarkt? Konkret: Erhöhung der Arbeitszeit, verschärfte Bedingungen, vermehrt Teilzeitjobs, zwei Jobs und mehr, höhere Arbeitslosigkeit, etc. Macht man sich über sowas Gedanken?

Rothmeier: Wir sind natürlich diesen Marktbedingungen ausgesetzt und versuchen durch unsere enge Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) immer am Trend zu sein und auf die Trends zu reagieren. Wir versuchen uns mit den Menschen, die betroffen sind, und mit den betroffenen Vereinigungen auch immer wieder zu überlegen, welche Formen der Arbeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen sinnvoll sind. Was brauchen diese Leute, und was entspricht ihren Anforderungen und Möglichkeiten. Insofern versuchen wir so gut wie möglich Nischen oder Räume auf diesem Markt zu entdecken, die wir gut bearbeiten können. Wir haben nie in größeren Dimensionen gearbeitet, sondern immer in kleineren, überschaubaren Einheiten. Wir haben immer versucht, dass wir bei den Produkten, die wir in den Betrieben und Werkstätten des ATZ anbieten, eine gute Position am Wirtschaftsmarkt erreichen. Unser Angebot beschränkt sich ja nicht nur auf die Dienstleistung der Rehabilitation, sondern wir benutzen die ganz normale Produktion von Produkten und Dienstleistungen dazu, ein möglichst betriebsnahes Klima für die KlientInnen zu schaffen.

FM5: Wo gibt es heute noch Arbeitsplätze, wo "Arbeiten in gesunden Rahmenbedingungen und unter Einsatz unserer Begabungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten" möglich ist, und "unserem Dasein das Gefühl von Ganzheit" gibt, wie es auf ihrer Website formuliert wird? Selbst wenn wir davon ausgehen, dass diese Faktoren in den 15 Monaten gegeben sind, wieso sollen sie auch in "freier Wildbahn" auftreten? Gerade diese Dinge müssen in der heutigen leistungsorientierten Konkurrenzgesellschaft untergehen!

Roithmeier: Das ist eine Form von Entwicklung die weniger mit uns zu tun hat. Diese "Globalisierung" - es gibt ja viele Schlagwörter dazu - Wertewandel, Vormarsch des Kapitalismus - dazu kann man sich aller möglichen politischen Polemiken bedienen. Wir sehen uns in diesem Zusammenhang als Möglichkeit für Menschen mit Behinderungen, und versuchen deren Chancen zu verbessern und anzuheben. Wir sind nicht blauäugig und stülpen 15 Monate Käseglocken über Menschen und sagen bei uns ist alles heil und gut, sondern wir bewegen uns genauso auf diesem Markt und sind ein Teil davon - wenn auch bloß eine Nische.
Dieses Zitat von unserer Homepage lehnt sich an die Menschenrechtskonvention an, wo die Verwirklichung und die Inanspruchnahme und Beteiligung an der Welt durch Arbeit, als Menschenrecht bezeichnet wird. Wir gehen davon aus, dass es nicht so sein soll, dass immer mehr Leute in Pension oder in die Armutsfalle gedrängt werden, sondern sich genauso auf dem Markt mitbewerben können. Dazu versuchen wir die Voraussetzungen zur Verfügung zu stellen, indem wir den Menschen eine Umgebung bieten, wo es darum geht zu reflektieren und auf die persönlichen Voraussetzungen zu schauen, sowie auf ihre Fähigkeiten einzugehen. Falls etwas durch die Krankheit nicht mehr zur Verfügung steht, greifen wir den Menschen unter die Arme und helfen ihnen ihre Orientierung zu finden, weil Menschen mit psychischen Erkrankungen oft eine starke Desorientierung erleben, da sich Familien-, Wohnungs- und Arbeitsstrukturen auflösen oder verändern. Wir wollen in dem Ausmaß, in dem diese Leute Unterstützung benötigen, Unterstützung bieten.
Bei uns geht's vielleicht aber auch darum, eine Form von Gesundheitsbild zu etablieren, sodass die Menschen früher merken, wenn sie sich in Strukturen und Betrieben befinden, die krank machend sind. Eine Auswirkung des ATZ sollte auch sein, dass die Leute sagen: "Ich versuche nicht alles auf mich zu nehmen und liefere mich nicht zulange einer Situation aus, die nicht passend ist". Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich eine Wahlmöglichkeit habe.

FM5: Aber ist die Leistungsgesellschaft nicht per se krank machend? Ist das ATZ nicht bloß rein systemerhaltende Symptombekämpfung? Werden bei Ihnen nicht bloß "defekte Arbeitsmaschinen repariert" damit sie wieder auf dem freien Arbeitsmarkt "funktionieren" können? Die heutigen Arbeitsverhältnisse sind doch ganz anderen Kriterien unterworfen und müssen ganz anderen Ansprüchen gerecht werden, als dem Wohl des Menschen. Es geht doch vor allem um Produktion, um Leistung und Konkurrenz.

Roithmeier: Das sind natürlich alles vorherrschende Themen, die sich in den Jahren auch sehr verschärft haben, und Mechanismen - ob transparent oder intransparent - die ihre Auswirkungen auf unsere Arbeitsmärkte haben und besonders auf jene, die die Widerstandskraft nicht haben, und sich diesen Bedingungen ausgesetzt zu fühlen. Ich denke aber, dass gerade in der letzten Zeit - auch in Firmen mit denen wir zusammenarbeiten - mehr und mehr wieder ein Umdenken stattfindet. Ich will das nicht so global wie Sie beschreiben, also "die Leistungsgesellschaft macht per se krank", das ist polemisch. Ich würde da selbst nicht zustimmen, weil ich erstens selbst in einer Firma arbeite und in meiner langen Berufstätigkeit dieses und jenes kennengelernt habe, und es Unternehmensziele gibt, die vielfältiger sind als möglichst viel Geld zu machen. Es gibt Firmen, im kleinen und im größeren Bereich, die sich anderen Firmenzielen verschreiben, als möglichst viel Geld in die Privatschatulle zu schaffen.
Auch wenn ihre Sichtweise gerade sehr hip ist, wenn ich das so sehen würde, dann hätte ich diese Arbeit schon aufgegeben.
Pro mente ist ein sehr gemeindenahes Unternehmen, und wir versuchen in den Gemeinden, in den Firmen und überall wo Menschen zusammenarbeiten, einzusteigen. Unsere Ambition liegt natürlich auf einer gesellschaftspolitischen Ebene, und wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, um ein Stück weit den "social profit", den eine Volkswirtschaft braucht, zu propagieren und an einer Entstigmatisierung von Krankheit zu arbeiten.

FM5: Verstehen Sie unter dem, was Sie gerade gesagt haben, "den verschärften Wettbewerbsbedingungen am Arbeitsmarkt durch gezielte Maßnahmen entgegenzuwirken" wie es auf ihrer Website heißt, oder meint dieser Satz etwas anderes?

Roithmeier: Wir haben verschiedene Konzepte, die über das ATZ hinausgehen, zum Beispiel supported employment direkt am Arbeitsplatz, geschütztere Formen von Arbeit und Transitarbeitsplätze. Wir arbeiten mit verschiedenen Firmen unterschiedlichster Größenordnung zusammen, und da gibt es für uns die Möglichkeit, uns auch mit unseren gesellschaftspolitischem Ansatz ins Spiel zu bringen. Wenn die Leute und Firmen, die mit dem ATZ zu tun haben, sehen, das psychische Erkrankung nichts Dramatisches ist, vor dem ich mich fürchten muss, dann wird sich auch die Hemmschwelle abbauen, zum Beispiel Leute, die an einer depressiven Verstimmung gelitten haben, einzustellen. Wir können also auf verschiedenen Ebenen wirksam werden und sind keine reine Kursmaßnahme die völlig abstrakt abläuft.
Wir wollen mit der Personengruppe der psychisch Erkrankten nicht politisch ins Feld ziehen, dass machen diese Leute für sich selbst. Wir sind eigentlich nur die Infrastruktur, der sie sich bedienen sollen und können, denn diese Leute sind mündige Menschen, die teilweise auch politisch sehr aktiv sind. Gerade in pro mente aber auch weltweit ist die Bewegung auch sehr stark und pro mente reagiert darauf indem es mit den neuesten Konzepten (z.B. Clubhaus oder supported employment) arbeitet.
 
FM5: Danke für das Interview!


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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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