2009-08-29 18:21:47
Eine neue Ausstellung samt aufwendigem Sammelband informiert über das Verhältnis des Judentums zu den Alpen. Und überzeugt und überrascht dabei durch eine vielfältige Mischung aus Kulturgeschichte und Vergangenheitsbewältigung.
Der Alpinismus rückt wieder ins Interesse breiter Teile der Bevölkerung. Besonders die durch neue Sicherheitstechnologien breitenwirksam gewordenen „extremen“ Varianten wie Sportklettern und Klettersteige erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Doch rückt damit auch die wechselvolle Geschichte des Bergsteigens wieder in den Mittelpunkt? Noch viel zu selten. Einen gewichtigen Beitrag dazu hat nun das jüdische Museum Hohenems geleistet. Mit der Ausstellung „Hast du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte“ sowie dem gleichnamigen, prächtig gestalteten Band.
Das dunkle Kapitel des Alpinismus
Er beleuchtet zum einen das dunkelste Kapitel der Bergsteigerei: die antisemitischen Verstrickungen, die im Ausschluss der Juden und Jüdinnen aus den alpinen Vereinen mündete. Zum anderen erzählt es von deren zahlreichen Beiträgen zur Kulturgeschichte der Alpen. Das reicht von Trachten über Schisport bis zum Ausnahmekletterer Paul Preuß, dessen klassischer Text „Künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren“ im Band abgedruckt ist.
Umfassend und abwechlsungsreich
In seiner umfassenden Darstellung der „Beziehungsgeschichte“ zwischen Alpen und Judentum, hält das Buch für jeden etwas bereit. Reich bebildert, gut lesbar, dabei aber trotzdem wissenschaftlichen Standards verpflichtet, ist es eine wahre Freude seine Vielfältigkeit zu erkunden. Kurze anektdotenhafte Texte (wie über Adorno und Celan in den Alpen) wechseln sich ab mit gehaltvollen Überblicksdarstellungen (so über den Antisemitismus im Alpenverein oder jüdische Beiträge zum Alpinismus).
Vergangenheitserkundung als dritter Weg
In dieser Kulturgeschichte der Alpen steckt damit auch ein bedeutender und gerne verdrängter (siehe Heinrich Harrer) Aspekt des Alpinismus, den es lohnt sich anzueignen. Und der Not tut, da der aktuelle alpinistische Hype hoffnungslos zwischen Erlebnissport und halb-esoterischer Selbstverwirklichungsfantasie gefangen scheint, ohne ein Interesse an seiner Vergangenheit zu zeigen.
Die zum Buch gehörige Ausstellung ist noch bis 4. Oktober 2009 im Jüdischen Museum in Hohenems zu sehen, von 16. Dezember bis 15. März 2009 gastiert sie im Jüdischen Museum in Wien und von April 2010 bis Februar 2011 im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins in München.
Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.
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