2008-10-04 13:46:23
Thomas Hobbes hat mit seinem Leviathan die erste systematische moderne Staatstheorie geschaffen. Eine Einführung.
Nun also der Engländer. Nach der allgemeinen Einleitung sowie der Einführung in die Theorie Machiavellis geht es nun um seinen Nachfolger: Thomas Hobbes. Dabei stütze ich mich im Folgenden auf sein bekanntestes Werk Leviathan, in dem er seine Staatstheorie ausformuliert hat.
Wie bereits von der Machiavelli-Einführung gewohnt, habe ich auch diesmal nur die wichtigsten Punkte herausgegriffen. Für Hobbes sind das: Gesellschaftsvertrag und Staatsform, Widerstandsrecht und Ideologie.
Leviathan: Zur Wortbedeutung
Vorweg: "Leviathan" ist ein etwas eigenartiger Name für ein Buch über Staatstheorie, was bedeutet das Wort eigentlich?
Leviathan ist ein Seeungeheuer aus der jüdisch-christlichen Mythologie. Bei Hobbes steht das Wort für den Staat selbst, der so mächtig ist wie dieses Ungeheuer. Es ist dieser "sterbliche Gott, dem wir unter dem ewigen Gott allein Frieden und Schutz zu verdanken haben" (Hobbes 1970, 155 - zitiert nach der Reclam-Ausgabe).
Der gesamte Titel des Werkes lautet übrigens Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Gemeinwesens.
Die Entstehung des Staates
Berühmt sind Thomas Hobbes und sein Werk Leviathan besonders für die Theorie vom Gesellschaftsvertrag geworden. Über die Entstehung des Staates schreibt Hobbes:
"Die Absicht und Ursache, warum die Menschen bei all ihrem natürlichen Hang zur Freiheit und Herrschaft sich dennoch entschließen konnten, sich gewissen Anordnungen, welche die bürgerliche Gesellschaft trifft, zu unterwerfen, lag in dem Verlangen, sich selbst zu erhalten und ein bequemeres Leben zu führen; oder mit anderen Worten, aus dem elenden Zustandes eines Krieges aller gegen alle gerettet zu werden" (Hobbes 1970, 151).
Vom Naturzustand zum Gesellschaftsvertrag
Diesen Zustand, in dem die Menschen vor der Entstehung des Staates verharrten, nennt Hobbes den "Naturzustand", der für ihn als "Krieg aller gegen alle" charakterisiert ist. In diesem Zustand herrscht alleinig das "Naturrecht", dass er wie folgt definiert: "Das Naturrecht ist die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles, was dazu etwas beizutragen scheint, tun kann" (ebd., 118).
Auf dieses Recht verzichten die Bürger nun zugunsten des Staates, der damit das Gewaltmonopol erhält.
Welche Staatsform bevorzugt Hobbes?
Hobbes selbst war Monarchist, doch nur als "Privatmann", wie Max Horkheimer meint. Als Staatstheoretiker ließ er diese Frage offen. Wenn Hobbes schreibt
"der Unterschied dieser drei Staatsverfassungen (Monarchie, Aristokratie und Demokratie - Anm. M.B.) beruht nicht auf der Verschiedenheit der Gewalt selbst, sondern auf der verschiedenen Art, wie die Bürger bei der Erhaltung des Friedens und Schutzes am besten mitwirken können" (ebd., 168),
so wird deutlich, dass im Grunde alle drei die Aufgabe des Staats erfüllen können: eine zentrale Gewalt zu etablieren und Frieden zu schaffen. Und nur das ist es, was für Hobbes den Staat ausmacht.
Gibt es ein Widerstandsrecht gegen den Staat?
Auch wenn Hobbes' Staatskonzeption oft als totalität gilt, so ist in ihr bereits ein Widerstandsrecht angedacht - wenn auch nur schwach. Denn der Einzelne kann und muss gegenüber dem Staat nicht auf alle Rechte verzichten. Das Recht auf sein Leben behält er immer, was Hobbes an folgendem Beispiel erläutert:
"Gesetzt aber, es hätten mehrere zugleich gegen die höchste Gewalt im Staate ein Kapitalverbrechen begangen, weswegen sie, falls sie sich nicht dagegen verteidigen, den Tod erwarten müssen, wird es ihnen freistehen, sich mit vereinten Kräften zu verteidigen? Allerdings, denn sie verteidigen nur ihr Leben, wozu der Schuldige ebenso wie der Unschuldige berechtigt ist" (ebd., 196).
Widerstandsrecht auch wenn der Staat versagt
Auch wenn der Staat seine Pflichten nicht mehr erfüllen kann, nämlich für das Wohl und den Schutz des Volkes zu sorgen, ist ihm der Einzelne nicht mehr zu Gehorsam verpflichtet. "Die Verpflichtung der Bürger gegen den Oberherren kann nur so lange dauern, als dieser imstande ist, die Bürger zu schützen (...)" denn: "Der Zweck des Gehorsams ist Schutz (...)" (ebd., 197).
Hobbes als Ideologiekritiker?
In ähnlicher Weise wie Machiavelli ist Hobbes, wenn er sich mit der Rolle der Religion beschäftigt, ideologiekritisch tätig. Wie für den Italiener ist Religion für ihn auch eine Herrschaftstechnik. Und diese Techniken werden von den Herrschenden eingesetzt, um ihre Herrschaft zu erhalten.
"Gewiß [sic], wäre der Lehrsatz des Euklides: Die drei Winkel eines Dreieckes sind gleich zwei rechten Winkeln, dem Vorteil derer, die am Ruder sitzen, zuwider, so würde er schon längst entweder bestritten oder unterdrückt worden sein" (ebd., 96).
Vielleicht ist dieser bemerkenswerte Satz einer der Mitgründe, wieso Hobbes' Werke drei Jahre nach seinem Tod an der Universität Oxford von den Studenten öffentlich verbrannt wurden.
Der Mensch des Menschen Wolf?
Noch ein aufklärendes Schlusswort zum Ausspruch von Hobbes, der Mensch sei des anderen Menschen Wolf. Das bedeutet nicht, dass die Menschen nach Hobbes grausam und böse sind, sondern rational: "Dass der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, heißt nicht, dass der Mensch eine Wolfsnatur besitzt, sondern dass das rationale Individuum unter Naturzustandsbedingungen um seiner Selbsterhaltung willen eine wölfische Überlebensstrategie entwickeln muss (...)" schreibt Wolfgang Kersting im Handbuch Geschichte des politischen Denkens (S. 215). Diese Rationalität hilft den Menschen allerdings auch, diesen Naturzustand zu überwinden.
Resümee
Wenn Hobbes nicht der Finsterling war, als der er heute gilt und seine Staatstheorie neben totalitären Elementen auch Überraschendes verbirgt, wie sind er und sein Werk dann einzuschätzen?
Die Antwort gibt's nächstes Monat im letzten Teil der Serie, wenn wir über Machiavelli und Hobbes Resümee ziehen.
Im nächsten und letzten Teil: Machiavelli und Hobbes als Vorboten des Bürgertums.
Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.
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