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Grundlagen der modernen Staatstheorie II

2008-08-30 17:14:07

  • Machiavelli Niccolò

Niccolò Machiavelli ist der Ahnherr der modernen Staatstheorie. Eine kleine, kritische Einführung mit überraschenden Erkenntnissen.

Nach einer ersten Einführung in die kleine Serie zur Staatstheorie von Niccolò Machiavelli und Thomas Hobbes (hier zum Nachlesen) geht es in diesem Teil um den Italiener. Sein Hauptwerk ist - Achtung! - nicht der Fürst, sondern die Discorsi. Auf sie stützt sich die nachfolgende Einführung auch zu weiten Teilen.


Konzentration auf die wichtigen Punkte


Eine Einführung in das Denken von Machiavelli ist schon in Buchform eine Herausforderung, fürs Internet muss man noch mehr Abstriche machen. Ich kann hier deshalb nur auf drei Punkte eingehen. Aber keine Angst, es sind nicht irgendwelche sondern sehr zentrale. Wer sie verstanden hat, hat von Machiavelli schon viel verstanden.

1. Welche Staatsform ist nach Machiavelli die Beste?


Wie bereits im ersten Teil erwähnt gilt Machiavelli zu Unrecht oft als Verfechter einer skrupellosen Fürstenherrschaft. In Wirklichkeit ist seine Meinung zur "idealen" Staatsform weit komplexer.

Machiavelli geht von einem zyklischen Wechsel der Staatsformen Monarchie, Aristokratie und Demokratie aus. Alle drei findet er "verderblich", aber: er sieht in der Mischung  der Römischen Republik den Ausweg. "Die Mischung aller drei Regierungsformen führte zu einem vollkommenen Staat (...)" (Discorsi, 25).

Was sind nun eigentlich die Kriterien, die für Machiavelli eine "gute" Staatsform ausmachen?

Zum ersten ihre Langlebigkeit und Stabilität. Zum zweiten soll sie das Wohlergehen der Bürger sichern. Dieser Funktionalismus ist auch der Grund, wieso sich Machiavelli nicht für eine Staatsform als die "Beste" entscheiden kann. Max Horkheimer bringt es auf den Punkt: "Machiavelli fordert die Unterordnung aller Rücksichten unter den ihm am höchsten erscheinenden Zweck: die Herbeiführung und Aufrechterhaltung eines starken, zentralisierten Staats als Bedingung bürgerlichen Wohlergehens" (Horkheimer 1930, 190).

Er schwankt dabei zwischen Monarchie und Republik, tendiert meines Erachtens aber eher zur letzteren (zum Nachlesen: besonders in den Kapiteln "Die Menge ist weiser und beständiger als ein Fürst" sowie "Ob man sich mehr auf Bündnisse oder Verträge mit einer Republik oder einem Fürsten verlassen kann" im Fürst).  Zusammenfassend kommt Machiavelli zu einem arbeitsteiligen Ergebnis: "Sind auch die Fürsten im Erlassen von Gesetzen, in der Begründung von Staaten, der Einrichtung und Neuordnung von Verfassungen überlegen, so sind es die Völker in der Erhaltung von Einrichtungen" (Discorsi, 164).

2. Welche Rolle spielen soziale Kämpfe bei Machiavelli?


Das Machiavelli sich mit sozialen Kämpfen beschäftigt, ergibt sich aus dem Hauptgegenstand der Discorsi: der Römischen Republik. Und bereits bei seiner Theorie der Zyklen der Staatsformen haben wir gesehen, dass er Geschichte als Dynamik erkennt.  Und in den Konflikten erkennt er nichts grundsätzlich Schlechtes (wie Thomas Hobbes, wie wir im nächsten Teil der Serie sehen werden), sondern einen Art „Fortschrittsmotor“:

"Mir scheint, wer die Kämpfe zwischen Adel und Volk verdammt, der verdammt auch die erste Ursache für die Erhaltung der römischen Freiheit. Wer mehr auf den Lärm und das Geschrei solcher Kämpfe sieht, als auf ihre gute Wirkung, der bedenkt nicht, daß in jedem Gemeinwesen die Gesinnung des Volkes und der Großen verschieden ist und daß aus ihrem Widerstreit alle zugunsten der Freiheit erlassenen Gesetze entstehen" (Discorsi, 28).

Umso erstaunlicher wenn man bedenkt, dass Machiavelli als ehemals führender Politiker von Florenz selbst Opfer dieser Kämpfe geworden war als er diese Zeilen schrieb.

3. Gibt es Ansätze von Herrschafts- und Religionskritik bei Machiavelli?


Antonio Gramsci
, italienischer Kommunist, der unter Mussolini jahrelang im Gefängnis saß und sich viel mit Machiavelli beschäftigt hat, antwortet auf diese Frage mit Ja. Er meint, Machiavelli habe in seinen Schriften die Mechanismen lediglich aufgedeckt, die von allen im Kampf um Herrschaft angewendet würden. "Ist nicht Machiavelli selbst eigentlich wenig machiavellistisch gewesen, sondern vielmehr einer von jenen, die das 'Spiel kennen' und törichterweise seine Regeln aufdecken, während der Vulgärmachiavellismus darauf orientiert, gerade das Gegenteil zu tun?" (Gramsci 1986, 259).

Wenn aber Machiavelli nun die Mechanismen aufdeckt, die die Herrschenden anwenden, um zur Herrschaft zu gelangen und diese zu erhalten, an wen wendet er sich damit? "Man kann also annehmen, daß Machiavelli den 'Unwissenden' im Auge hat, daß er dem 'Unwissenden' politische Erziehung zuteil werden lassen will, und zwar keine negative politische Erziehung zum Tyrannenhasser (...), sondern positive, damit er bestimmte notwendige Mittel anerkennen soll - auch wenn sie tyrannisch sind -, wenn er bestimmte Ziele verfolgt" (ebd., 260).

Auch die Funktion der Religion hat Machiavelli in ähnlicher Weise aufgedeckt. In den Discorsi z.B. beschäftigt er sich mit der Religion und ihrer Funktion bei der Herrschaftserrichtung und -erhaltung: "In der Tat gab es nie einen außerordentlichen Gesetzgeber bei einem Volke, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst gar nicht angenommen worden wären" (Discorsi, 54).

Aber auch mit der Rolle der Kirche zu seiner Zeit geht er hart ins Gericht: "Wir Italiener haben es also in erster Linie der Kirche und den Priestern zu danken, daß wir gottlos und schlecht geworden sind. Wir haben ihr aber noch etwas Schlimmeres zu danken, was die Ursache unseres Verfalls ist: ich meine, daß die Kirche unser Land in Zersplitterung erhalten hat und noch hält" (ebd., 58).

Fazit


Nach diesen drei Punkten sollte klar sein, dass die Ansichten Machiavellis weit komplexer und kritischer waren, als oft angenommen wird. Er bereitete dem aufkommenden Bürgertum damit theoretisch den Boden, ebenso sein "Nachfolger" aus England: Thomas Hobbes. Mehr zu Mr. Hobbes im nächsten Teil der Serie.

Im nächsten Teil: Thomas Hobbes - Vordenker des totalen Staats?


Verwendete Literatur

Niccolò Machiavelli (2000): Discorsi. Staat und Politik; Frankfurt.

Max Horkheimer (1930): Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie; in: Gesammelte Schrifte II; Frankfurt.

Antonio Gramsci (1986): Gefängnishefte; Hamburg.

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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