2010-03-02 22:48:37
Im Vestibül versucht sich die Junge Burg an Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend, im Kasino steht sie hinter der SchauSpielBar. Wer im nächsten Jahr dabei sein will, kann sich bis 25. März bewerben.
Vom MalWettBewerb zur SchauSpielBar: Unter dem Dach der Jungen Burg versammeln sich seit Anfang dieser Spielzeit alle Kinder- und Jugendaktivitäten des Burgtheaters. Herzstück der Jugendschiene ist wohl das TheaterJahr, das es jungen Menschen ab 18 ermöglicht, jeweils für eine Saison in den Betrieb des Burgtheaters hineinzuschnuppern. Und das nicht nur als Schauspieler, sondern auch etwa als Dramaturg oder Kostümbildner. Die Idee des TheaterJahrs hat Matthias Hartmann aus Zürich mitgebracht, und die Arbeitsergebnisse können nun begutachtet werden: seit Februar steht die erste vollständige Eigenproduktion des TheaterJahrs im Vestibül auf dem Spielplan.
Verbürgerlichen?
Die junge Burg spielt ein unglaublich altes Stück. Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“ aus dem Jahr 1926 stellt seine jungen Protagonisten vor die unabänderliche Wahl: Verbürgerlichen oder Suizid. Die sechs Medizinstudenten, die ihre WG in der Mitte des Vestibüls bezogen haben, suchen sich selbst zwischen diesen beiden Extremen. Dass ein derartiger Konflikt seit dem Aufkommen der Identitätskategorie BoBo, dem bürgerlichen Bohemien, in dieser Intensität nicht mehr existiert, scheint die sonst so aktuell getrimmte Inszenierung (Peter Raffalt) nicht zu kümmern. Die adoleszenten Gewissenskämpfe werden mit völlig ironiefreiem Pathos vorgetragen; nach Zwischentönen sucht man in diesem Entweder/Oder-Konflikt vergeblich. Dazu trägt sicher auch der affekthafte Schauspielstil der Teilnehmer des Theaterjahrs bei, den man, wenn schon nicht von der barocken Oper, dann zumindest vom Soapfernsehen jüngeren Herstellungsdatums kennt. Hier wird hemmungslos geschrieen, gebrüllt, geplärrt, gerempelt, geschlagen, und schließlich an den Haaren quer über die Bühne gezogen. „Krankheit der Jugend“ ist wenig differenziertes Haudrauftheater als Selbstzweck.
Coole Atmo, heiße Mucke
Was im Vestibül nicht so ganz gelingen will, schafft die SchauSpielBar im Kasino mit links: großes Theater. Am letzten Samstag jedes Monats bittet die Junge Burg hier Schauspieltalente zum Stelldichein. Und auch wenn die bemühte Marketingsprache, die der Veranstaltung „coole Atmo, heiße Mucke“ attestiert, Übles vermuten lässt: man kann nicht genug davon kriegen. Die SchauSpielBar, die nichts anderes ist als eine open stage unter der Schirmherrschaft des Burgtheaters, entwickelt sich zum Publikumsmagneten, weil sie Theater in seiner ganzen Breite ermöglicht. Die Februarveranstaltung etwa spannt den Bogen von Gesang zu Tanz, von klassischem Schauspiel zu Akrobatik, von der Lesung zum Improvisationstheater, und etabliert sich als spannendes Forum für die Nachwuchsförderung. Gewiss: viele Auftritte haben noch einen weiten Weg bis zur Professionalität vor sich, doch die Spielfreude und das Wohlwollen des Publikums machen den unbestreitbaren Reiz dieser Veranstaltung aus.
Das Burgtheater bietet das „TheaterJahr“ auch in der Spielzeit 2010/11 an. Wer also meint, das vielleicht sogar besser zu können, sollte sich noch bis zum 25. März 2010 an der Jungen Burg bewerben.
"Krankheit der Jugend" von Ferdinand Bruckner
Vestibül, Dr. Karl Lueger-Ring 2, 1010 Wien
4., 5., 6. März; 7., 10., 11., 12. April
"SchauSpielBar"
Kasino, Am Schwarzenbergplatz 1, 1010 Wien
27. März, 24. April
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
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