Die Bandbiografie auf der Homepage der oft mit Franz Ferdinand verglichenen britischen Newcomerband Maximo Park beschränkt sich auf einige wenige Zeilen, endend mit folgender: „If you want to know more, just ask." Das haben wir getan und Keyboarder Lukas Wooller und Drummer Tom English vor ihrem ersten Wienkonzert zum Interview gebeten.
Wenige Stunden vor ihrem ersten Österreich-Konzert traf ich Schlagzeuger Tom English und Keyboarder Lukas Wooller der britischen Newcomerband Maximo Park zum gemütlichen Talk in den gut geheizten Backstage-Räumlichkeiten der Arena Wien, während draußen die ersten Schneeverwehungen tobten.
Lukas: Wir hatten gestern einen Tag frei, etwas sehr seltenes und hatten eine gute Zeit in Wien. Wir haben uns das Stadtzentrum angesehen, „very beautiful, very big, very cold. Glühwein and snow."
Tom: In Newcastle ist es nicht ganz so kalt wie hier im Winter, aber ich glaube, dass dieser Winter sehr kalt werden wird.
FM5: Ohne weiter über das Wetter zu reden, bleiben wir doch noch kurz in Newcastle, wo ihr herkommt. Wie steht es um die Musikszene in Newcastle?
Tom: Die Musikszene ist zum Teil nicht schlecht, sie ist sehr gut in Sunderland, das liegt südlich, von dort kommen die Futureheads. Vielleicht ist es ein Klischee, aber es kommt auf die Songs an, wenn du die richtigen Songs hast, ist es egal, woher du kommst. Und solange du die Willenskraft hast, es durchzuziehen und dein bestes zu geben.
Lukas: Die Leute haben begonnen, mehr Originalität in ihrem musikalischen Denken zu entwickeln. Wir sind nun seit über 10 Jahren in Newcastle und viele Bands haben versucht, wie Manchester- oder erfolgreiche Britpop-Bands zu klingen. Sogar nach dem Jahr 2000 haben die Leute immer noch geglaubt, dass Liam Gallagher das Maß aller Dinge in Sachen Popmusik ist, ebenso wie sein Haarschnitt. (lacht)
Tom: Nun weht eine frische Prise, als wäre eine neue kleine Punkära hereingebrochen.
Lukas: Ja, die Industrie hat sich sehr verändert. Viele Leute haben begonnen, zu realisieren, dass auch außerhalb von London Dinge passieren können. Das hat den Leuten mehr Selbstvertrauen und Freiheit gegeben, das zu tun was sie wollen.
FM5: Habt ihr es schließlich aus Newcastle heraus geschafft, bekannt zu werden, oder musstet ihr den Umweg über London wählen?
Tom: Wir waren sehr oft in London, haben viel Geld für Benzin ausgegeben, um über die M1 hin zu gelangen. Prinzipiell haben wir die Kontakte, die uns im Endeffekt zum Management und in kleinen Teilen zum Radio und zur Presse führten, dort geknüpft. London ist einfach das Zentrum, dort sind das Kapital und viele andere Dinge zu Hause.
Lukas: Wir wussten, was wir tun wollten. Wir haben mehr oder weniger beschlossen, die Idee, einen Plattenvertrag zu bekommen, zu vergessen. Stattdessen haben wir uns vorgenommen, es alleine zu tun, die Musikindustrie links liegen zu lassen und unsere eigene Platte zu produzieren - 300 Stück, alles lag in unserer Hand, wir konnten die Platten durch lokale Plattenläden, per Mailorder oder auf unseren Shows verkaufen.
Tom: Wir hatten Homerecordings von "Going Missing" und "Graffitti", die wir auf eine rote Seven-Inch-Vinylsingle pressten, ein sehr schönes Teil, und das hat es schließlich für uns entschieden. Denn eines dieser Exemplare hat ein A&R Typ von Warp Records in London erstanden. Und dadurch haben wir Warp kennen gelernt und bekamen einen Vertrag. Es ging sehr schnell.
Lukas: Es hat auch geholfen, dass wir in London live gespielt haben, da unsere Platten die Leute neugierig gemacht haben. So war es für Warp Records und andere interessierte Labels leicht, uns in zu London sehen. Dafür extra nach Newcastle kommen zu müssen, hätte ihr Interesse möglicherweise verringert. Also zu einem Teil muss man den Leuten schon entgegenkommen.
"Es ist Pop, es muss ins Ohr gehen. Wie bei den Beach Boys, zwei Minuten, mehr brauchst Du nicht.", Lukas Woller (li.) und Tom English
FM5: Dennoch ist alles sehr schnell gegangen, denn die Band existiert erst seit zwei Jahren, oder?
Tom: Ursprünglich startete es im Jahr 2000, da waren es allerdings nur Archis (Tiku, Bass, Anm.) and Duncan (Lloyd, Gitarre, Anm.), die zusammen in einer Band waren, die sie nicht mochten und beschlossen, eine eigene Band zu gründen. Daraus entstand die Grundidee zu Maximo Park. Dann kamen Lukas und ich dazu. Wir spielten ebenfalls in Bands und waren praktisch Nachbarn, Musiker, die sich gegenseitig kannten. Es war für eine Zeit lang eine Art "friendly creative wednesday afternoon". Aber bald haben wir begonnen, Gigs zu spielen, zu Viert, für etwa ein Jahr. Wir spielten in London und Manchester, aber wir wussten, dass wir nicht wirklich sehr viel zu bieten hatten.
Lukas: Ich denke, das war eine sehr interessante Zeit für uns, weil wir musikalisch viel über uns selbst erfuhren. Wir waren sehr unterschiedlich und wir kamen drauf, wohin wir uns professionell bewegen müssen, wie wir eine Karriere angehen müssen. Wir haben zunächst die übliche Methode angewandt, Demos an Plattenfirmen zu schicken, aber nach einiger Zeit wurde uns immer klarer, dass das total unnütz war. (lachen) Weißt du, das ist nicht der richtige Weg. Du musst es irgendwie selbst machen und dann die Plattenindustrie zu dir kommen lassen.
Tom: Wir hätten uns fast aufgelöst, denn keiner von uns wollte singen und die Rolle des Frontman übernehmen. Und gerade, als wir uns fast auflösten, kam jemand mit dem Vorschlag daher, Paul (Smith, Sänger, Anm.) zu fragen. Auf Risiko, denn Paul war, bevor er zu uns gestoßen ist, kein Sänger, er war (und ist es immer noch) ein Gitarrist.
FM5: Aber in der Band übernimmt er nur die Rolle des Sängers.
Tom: Ja, er ist nur der Sänger. Lukas: Das war die Bedingung. Wir wollten keinen Sänger, der auch Gitarre spielt.
Tom: Ich glaube, er wollte das auch gar nicht. Er ist außerdem physisch viel zu sehr beschäftigt (Anspielung auf Tom Smith´s energetische Luftsprung-Bühenshow, Anm.), Gitarre zu spielen würde ihn dabei zu sehr bremsen. (lacht) Als Paul in die Band kam, veränderte sich alles grundsätzlich zu einer sehr energetischen und direkten Form.
Lukas: Wir wollten uns unmittelbarer an das Publikum wenden, weil wir davor sehr langatmige Songs geschrieben haben, womit wir nicht sehr zufrieden waren.
Tom: Ja, wir waren etwas zu experimentell und auf Prog unterwegs, aber wir sind davon abgekommen und haben begonnen, Popsongs zu schreiben.
Lukas: Außerdem schreibt Paul schon seit langem Texte und war schon immer an lyrischer und emotioneller Musik interessiert.
FM5: Also ist Paul für die Texte und die Band für die Musik zuständig?
Beide: Ja.
FM5: Ich hoffe, diese Frage langweilt euch nicht, aber selbst nach langen Recherchen habe ich kaum Hinweise auf die Bedeutung des Begriffs Maximo Park gefunden. Gibt es eine Bedeutung dahinter?
Tom: Ja, es ist ein Park in Cuba, genannt Maximo Gomez Park. Wir haben es verkürzt, aber ja, es hat eine Bedeutung für uns, denn Maximo Park ist wie... was heißt Maximo noch einmal? (lacht, an Lukas gewandt) Es heißt soviel wie Größe.
Lukas: Dieser Gomez war ein Kubanischer Revolutionär. Und was den Park betrifft, darüber hat Duncan vor einigen Jahre diese Doku im TV gesehen. Er war damals gerade in einer Band, in der er musikalisch nichts zu sagen hatte, er hat einfach getan, was man ihm gesagt hat. Und in diesem Park gab es in erster Linie alte Männer, die Domino spielten und über die Tagespolitik diskutierten. Und jeder hatte seine eigene Meinung.
Tom: Ja, es ist ein Platz, wo deine Stimme gehört wird und wo jeder zählt.
Lukas: Es ist die demokratische Idee, die er in diesem Park sah. Du musst die Summe deiner einzelnen Teile sein. Du kannst nicht einen Autokraten in der Band haben, der entscheidet, was jeder andere tun soll. Das funktioniert vielleicht bei David Bowie, aber wir wollen eine demokratische Einheit von Musikern sein.
FM5: Wenn wir gerade bei Bedeutungen sind, euer Debütalbum heißt "A Certain Trigger", was genau ist damit gemeint?
Tom: Nun, es hat verschiedene Bedeutungen. Das gleiche gilt auch für unser Artwork. Die Personen auf unserem Cover sind anonym, das könnte jeder sein. Es geht um die Idee, dass jeder dieselben Emotionen erlebt, aber es kann etwas ganz spezielles, bizarres sein, was diese auslöst. „A Certain Trigger", „a certain" bedeutet „speziell" oder „besonders" und "trigger" bedeutet etwas, das deine Meinung oder Stimmung ändern könnte, etwas, das schmerzt oder sich gut anfühlt. Wir möchten, dass unsere Musik so funktioniert. Und jeder Song hat eine Emotion oder Energie, die wir mit den Leuten teilen möchten. Es läuft nicht so ab, dass wir auf der Bühne stehen und ihr davor, wir wollen wirklich, dass sich die Leute mit unserer Musik identifizieren. Und ich denke, dass Musik - mehr als alles andere - ein Auslöser ("Trigger") dafür sein kann, wie du dich fühlst. Und ich liebe das, ich versuche ständig, ein anderes Gefühl aus der Musik zu generieren.
FM5: Wenn man sich Musikkritiken ansieht, tauchen im Zusammenhang mit euch immer wieder Bands wie Franz Ferdinand oder Pulp auf. Stimmt ihr diesem Vergleich zu bzw. was sind eure Einflüsse?
Beide: Nicht Franz Ferdinand (lachen). Lukas: Wenn, dann ein negativer Einfluss. (lacht)
Tom: Es gibt viele Einflüsse. Wir haben alle breit gefächerte Geschmäcker, individuell verschieden. Wir sind alle in einer Art Musikhistoriker, Plattensammler, aber da gibt es nichts Spezielles. Wir sitzen nicht herum und sagen, "lass uns diese Woche das Roxy Music Ding machen". Es ist unmöglich, diese Frage zu beantworten. Wir möchten Musik machen, die auf natürlichem Wege zu uns kommt.
Lukas: Ich denke, es ist einfach Musik, die Tiefe hat. Viele Bands machen Musik für den Moment und sind damit in diesem Jahr sehr erfolgreich, aber auf längere Zeit... das sind für mich mehr Entertainer. Die Bands, die wir hören, wie z.B. Sonic Youth, bestehen schon eine lange Zeit. Das ist die Art von Musik, die wir machen möchten, Musik, die auf verschiedenen Levels funktioniert, sowohl emotionell als auch musikalisch komplex. Wir wollen keine Modemusik machen, wir könnten das nicht. Und wenn wir es täten, wären wir im Endeffekt sehr unglücklich, weil es ein sehr seichtes und temporäres Ding wäre. Und wir fühlen, dass wir musikalisch sehr viel zu sagen haben, und das möchten über viele Jahre hinweg tun, über viele folgende Alben. Und ich glaube, dass das ein Grund ist, warum Warp Records so an uns interessiert ist, weil wir fünf Personen mit sehr unterschiedlichen, aber anspruchsvollen Musikgeschmäckern sind. Prinzipiell wollen wir anspruchsvolle Musik für viele Menschen machen.
Tom: Das hat auch mit unserer langen Inkubationsphase zu tun, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.
Lukas: Verglichen mit anderen Bands, mit denen wir touren oder verglichen werden, verkaufen wir einen Bruchteil an Platten, wie diese Bands. Aber wir bewegen uns auf einem ganz guten Level…
Tom: Ich denke, im Moment gibt es sehr viel Presse, und das mag den Leuten so vorkommen, als würden Bands wie nichts aus dem Boden wachsen. Und einige Bands sind nicht zu stoppen, wie die Killers, die Kaiser Chiefs oder Keane. Diesen Bands wird sehr viel Platz eingeräumt, und außerdem haben sie riesige Plattenfirmen hinter sich.
Lukas: Wir möchten eine Alternative zu diesen Bands sein.
Tom: Wir möchten etwas machen, das mehr Seele hat und das es wert ist, es sich wiederholt anzuhören, nicht nur für eine Woche.
FM5: Ihr werdet heute Abend einige neue Songs spielen. Wann ist von Euch ein neues Album zu erwarten?
Tom: Wir werden es im April aufnehmen und im Herbst nächstes Jahr veröffentlichen.
FM5: Wird es in dieselbe musikalische Richtung gehen, wie euer erstes Album?
Lukas: Nein, jeder Song, den wir schreiben, geht nie in dieselbe Richtung. Natürlich gibt es einen gewissen Stil, weil es von denselben Leuten gemacht wird. Es wird ein wenig düsterer werden, etwas reifer. Denn wir sind selbst ein wenig reifer, als zu der Zeit, in der wir die Songs des ersten Albums geschrieben haben. Ich denke, es wird offener. Wir haben uns bisher nicht viel mit Songs wie „Acrobat" beschäftigt, der frenetischer ist als die anderen. Es wird also etwas mehr Platz dafür geben, mehr Abwechslung.
Tom: Musikalisch wird es etwas sanfter, ruhiger werden, aber emotionell wird es mehr Intensität aufweisen.
FM5: Das erste Album lebt ja von kurzen, schnell auf den Punkt gebrachten Songs...
Tom: Von diesen wird es auch ein paar geben. Lukas: Das ist auch eine unserer Regeln.
Tom: Wir wollen keine Zeit verschwenden. Ich möchte nicht, während ich spiele, seinem Keyboard-Solo lauschen müssen. (lacht) Und andererseits würde ich auch kein Drumsolo spielen. Es ist Pop, es muss ins Ohr gehen. Wie bei den Beach Boys, zwei Minuten, mehr brauchst Du nicht.
FM5: Wenn wir gerade von Pop reden. Wie wichtig ist für euch Mode und Styling, denn auf euren Pressefotos und in euren Videos seht ihr immer sehr durchgestylt aus.
Tom: Ja, wir möchten smart aussehen für die Öffentlichkeit, und wir möchten auch, dass unser Artwork so rüberkommt.
Lukas: Es ist die visuelle Seite von Pop, die sehr wichtig ist, wir nehmen das sehr sehr ernst. Wenn du eine Platte kaufst, ist es wichtig, was auf dem Cover ist, wie die Gestaltung der Innenseiten aussieht, denn es ist alles Teil des gesamten Package. Und deswegen haben wir ein Artwork kreiert, das irgendwie ikonisch wirkt und sich von dem unterscheidet, was alle anderen machen. Denn wir glauben, dass das was wir machen, ein wenig anders und wichtiger ist. Was Pressefotos angeht, wir nehmen unsere Musik ernst und wir reflektieren das auch durch das, was wir tragen.
Tom: Ja, das ist Präsentation. Die Leute müssen die richtige Vorstellung bekommen. Man stellt viele Vermutungen an, durch das, was man sieht. Du kennst sicher die Phrase, "don´t judge a book by its cover", aber die Leute tun es, du musst Dinge gut präsentieren.
FM5: Kommen wir abschließend zum Livespielen, eurer Homepage ist zu entnehmen, dass ihr so ziemlich jeden Tag woanders auftretet...
Tom: Es gibt nicht viele freie Tage. (lacht) Aber ist gut so, du investierst viel Zeit in Musik und du willst das Beste draus machen. Wenn du mehr als drei Shows pro Woche hast, musst du die Intensität beibehalten. Wir bekommen viel Stosskraft durch das häufig aufeinander folgende Livespielen. Und es ist gut, ziemlich ermüdend, aber…
Lukas: Es ist aufregend. Im Moment spielen wir vor vielen Leuten, vor denen wir zuvor noch nie gespielt haben. Und die Platte ist schon eine Weile heraußen, deswegen sind die Shows, vor allem Debütshows sehr aufregend und berührend für uns.
Tom: Es ist besser für die Leute, wenn sie die Musik kennen, bevor sie sie live hören. Ich habe Radiohead zweimal gesehen. Einmal kurz nachdem "The Bends" erschienen ist, das ich kaum gehört hatte. Und einmal ein Jahr später, und das war eines meiner besten Konzerte, weil ich die Musik schon so gut kannte. Als wir das erste mal rüber nach Europa kamen, wir haben bisher noch nicht in Österreich gespielt, haben wir auf ein paar Sommerfestivals gespielt und die Leute haben unser Album kaum gekannt. Aber wenn du ein Publikum hast, das diese Vorfreude auf jeden Moment in jedem Song hat, ist das großartig, das involviert dich als Band viel mehr.
FM5: Besonders wenn das Publikum die Texte mitsingt…
Beide: Ja, das ist dann überhaupt das Größte. (lachen)
Tom: Übrigens hat Robbie Williams mal behauptet, er wäre ein großer Fan von uns.
FM5: Na bei so einem populären Fan kann´s für euch ja nur bergauf gehen. Vielen Dank für das Interview!