Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

kreatives

Geschichten gegen Gewalt

2007-04-02 00:10:55

Der dem Medienkonsumenten durchaus noch im Kopf steckende Libanon-Krieg war nur das Tüpfchen auf dem I des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten; ein Konflikt, dessen Opfer oft unschuldig sind. Es wäre naiv zu glauben, ein von dem Israeli Etgar Keret und von dem Palästinenser Samir El-Youssef verfasstes Buch namens „Alles Gaza. Geteilte Geschichten“, in dem 13 Kurzgeschichten und eine längere Erzählung enthalten sind, könnte die derzeitige Lage auch nur kleinlich verändern – ein literarischer Aufschrei ist jedoch allemal besser als (kollektives) Schweigen.

Auch wenn der Libanon-Krieg vorbei ist, so kann bei genauerer Betrachtung der aktuellen politischen Lage des Nahen Osten wohl – ohne übertriebenen Pessimismus - von der nächsten gewaltvollen Krise ausgegangen werden. Denn in einem Unruhepol, wie es die Gegend rund um Palästina nun mal ist, sind Konflikte automatisch vorprogrammiert. So gab es seit der Ausrufung bzw. Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 so gut wie keinen einzigen Monat, in dem – auf welcher Seite auch immer – nicht die Gewalt über den Frieden entschied. Zahlreiche Friedensaktivisten beiderseits warben um eine friedvolle Lösung rund um das Thema (Stichwort Zwei-Staaten-Lösung) Nah Ost-Konflikt, zu der es bis jetzt für einen längeren Zeitraum leider noch nie gekommen ist. In die Reihe der um einen dauerhaften Frieden bemühten Menschen können sich auch die zwei aus dem Nahen Osten stammenden Literaten Etgar Keret (Israeli) und Samir El-Youssef (Palästinenser) einordnen. Sie, die als Geburtsort Tel Aviv (Keret) und den Libanon (El-Youssef) aufzuweisen haben, veröffentlichten im Jahre 2004 ein Buch mit dem Originaltitel „Gaza Blues. Different Stories“, das heuer unter dem Titel „Alles Gaza. Geteilte Geschichten“ erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch beinhaltet 13 von Keret verfasste Kurzgeschichten und eine längere Erzählung von El-Youssef, die von verschiedenen alltäglichen Themen wie ein Kuss, ein Abendessen, ein Tod und anderen Geschichten, die das Leben – sogar oder auch in einem Staat Israel, der jeden Tag um sein Existenzrecht zittern muss und in ständiger Angst leben muss – so erzählt. Natürlich, die Originalausgabe erschien bereits vor zwei Jahren, doch angesichts der aktuellen politischen Lage im Nahen Osten, die durch den Libanon-Krieg wieder tiefe Wunden zugesetzt bekam, ist diese Lektüre definitiv zeitlos und muss wohl leider auch noch in den nächsten Jahren (Jahrzehnten?) als Beispiel unvoreingenommenen Aufeinanderprallens herangezogen werden.

Mauern trennen

Normalerweise würde es so lauten: Auf der einen Seite Etgar Keret und auf der anderen Samir El-Youssef. So weit, so gewöhnlich. Doch in diesem Fall haben sich beide die Hand gegeben und für das Gute, für den Frieden geschrieben. Die Biografie der zwei Schriftsteller kann ebenfalls schon als herzeigbar gelten: Keret wurde im Jahre 1967 in Tel Aviv geboren, schreibt seit 1991 Kurzgeschichten und veröffentlicht Comics, schreibt fürs Fernsehen und lehrt an der Filmakademie in seiner Geburtsstadt (bereits über 40 Kurzfilme produziert!). El-Youssef, der 1965 im Libanon geboren wurde und danach im Flüchtlingslager Rashidia aufwuchs, schreibt regelmäßig für arabische und englische Zeitungen und für internationale Literaturmagazine; außerdem hat er bereits zwei Bände mit Kurzgeschichten auf arabisch herausgebracht. 2005 wurde er mit dem Tucholsky-Preis des Schwedischen PEN ausgezeichnet. Beide sind sich den nach wie vor auf beiden Seiten existierenden Problemen bewusst, beschönigen wollen sie nicht(s). Die zwei Intellektuellen des Nahen Osten werden schon seit vielen Jahren als renommierte, die Alltagsgeschichten und deren Probleme auf den Punkt bringende Schriftsteller bezeichnet. So urteilt auch Moris Farhi, Autor und Vizepräsident des Internationalen PEN: „Eine Lösung im Nahen Osten braucht Propheten wie Keret und El-Youssef. Mit den Mitteln von Allegorie, Satire und Surrealismus schildern sie die Sehnsucht ihrer Völker nach Leben und überwinden dadurch die Verzweiflung, die ihre politische Führer ihnen aufzwingen.“ Und auch eines ist den beiden wohl bewusst: Mauern trennen.

 

Witze, Werte und Wahrheit


Die von Keret und El-Youssef verfassten (Kurz-) Geschichten sind voller Witze und produzieren damit wohl das Bild der Hoffnung; wenn ein Mensch in schlechter Verfassung ist, bedient er bekannterweise den Galgenhumor, sodass es wenigstens die fein schimmernde Hoffnung auf ein besseres, gar würdevolleres Leben malen darf – unter dem Motto: Da ist ein Licht am Ende des Tunnels! Keret baut zum Beispiel den jüdischen Witz, der nur so vor beißendem Spott strotzt, in fast jede seiner Kurzgeschichten ein. Auch wenn es dabei um tragische, teils wahre Geschichten wie die eines Opfers, das von der Bombe eines Selbstmörders in einem israelischen Autobus ums Leben gekommen ist. Zum Beispiel die Kurzgeschichte „Mein Bruder ist deprimiert“, die von einem suizidgefährdeten, weil deprimierten Mann handelt, die so endet: „Mein Bruder hebt die Eisenstange hoch und zieht auch ihr eins über den Kopf. Er darf das, er ist deprimiert.“ Auch die von El-Youssef unter dem Titel „Der Tag, an dem die Bestie Durst bekam“ geschriebene Geschichte kriecht den anderen um nichts nach: „Danach könnte Israel dann wieder im Libanon einmarschieren, das Lager zerstören und uns alle fertigmachen, damit wir sterben und dieses beschissene Leben endlich hinter uns bringen.“ Aber auch durchaus banale, keinen wirklichen Inhalt – was zum Beispiel eine sinnvolle Aussage betrifft – aufweisenden Kurzgeschichten; da ist eine mit dem Titel „Pudding“, die nur davon handelt, wie ein Schuljunge namens Avichai von zwei in einem Lieferwagen sitzenden Männern für ca. eine halbe Stunde entführt wird, danach heimgeht, bei seinen Eltern isst und am Essenstisch seiner Mutter erklären muss, an was er gerade seine Gedanken verschwendet: „Ich habe an den Nachtisch gedacht“, schwindelt er, „ob es Apfelmus oder Pudding gibt“. „Was möchtest du denn am liebsten?“, fragt seine Mutter darauf. „Pudding“, bettelt Avichai. „Ist schon fertig“, sagt seine Mutter erfreut und öffnet den Kühlschrank. „Aber wenn du `s dir anders überlegst, geht auch Apfelmus. Es dauert nicht länger als ein paar Minuten.“ Zugegeben, nicht das spannendste Ende, mit dem eine (Kurz-) Geschichte aufwarten kann – aber um das soll es ja nicht (vordergründig) gehen. Sondern um das (einzigartige?) Beispiel eines schriftstellerischen Zusammentuns für das Gute. Für den Frieden.

 

Das von Etgar Keret und Samir El-Youssef herausgegebene und verfasste Buch „Alles Gaza. Geteilte Geschichten“ erschien beim Münchner Luchterhand Verlag. Außerdem wurde das Buch von der renommierten linken Monatszeitung Le Monde diplomatique empfohlen.




Printer Icon



AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

Newsfeed Icon Newsfeed von Johannes Rausch abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop