Dorian Gray mit a, nicht mit e wie in Meredith Grey.

N. sagt, sie gehe jetzt regelmäßig Laufen. Denn sie habe
kürzlich bei ihrem Anblick in ihrer vormals Lieblings-Sommerhose einsehen
müssen, dass sie ihr 21-jähriges Anti-Sportler-Dasein schleunigst aufzugeben
habe. Mit 20 wäre das ganz anders gewesen, sagt N. Bewegung, sagt N., so etwas hätte sie damals noch nicht nötig gehabt. Damals
wäre sie aber auch nicht im Besitz von drei, immer wiederkehrenden, weißen
Haaren gewesen. Als ob das nicht ausreichen würde, bemerke sie außerdem
noch eine beginnende Gewebserschlaffung an sich, sagt N. Dellen(!), sagt N.,
Dellen(!) wären ihr früher fremd gewesen. Ebenso generell die hässliche
Erfahrung von weichen Körperstellen, die plötzlich über sommerliche Hosenbünde
quellen.
N. sagt, sie habe kein größeres Problem damit, dass die Erde um die Sonne
kreise und nicht umgekehrt. Es wäre für sie persönlich auch nicht das
Tragischste, maßgeblich vom Unbewussten bestimmt zu werden bzw. nachweislich von
Affen abzustammen. Aber nicht mehr einfach gut auszusehen, ohne etwas dafür tun
zu müssen, daran habe sie ernsthaft zu knabbern, sagt N. Jene frühe Erfahrung
von Vergänglichkeit, so N., wäre daher als die einzig wahre, große Kränkung der
Menschheit zu bezeichnen. Von einer oberflächlichen Lebensgestaltung abzusehen, sagt N., wäre infolge
weniger eine Entscheidung, die aufgrund zunehmender, geistiger Reife bewusst
getroffen werde, als vielmehr ein zu akzeptierender Gang des Lebens, welcher
mit fortschreitendem, körperlichen Verfall zwingend einhergehe. Das wäre aber keine
grundsätzlich negativ zu bewertende Entwicklung, sagt N. So würde sie es
beispielsweise erst jetzt schaffen, regelmäßig Zeitung zu lesen. Weil sie eben
nicht mehr ausschließlich damit beschäftigt wäre, sich ununterbrochen gut zu
finden. Niemand hätte jemals ernsthaft die Zeit, sich weiterzubilden, sagt N.,
würde nicht das dafür notwendige Dahinscheiden der äußeren Erscheinung von
Mutter Natur systematisch eingeleitet werden.
Studium, lebenslanges Lernen, das sei schon alles schön und
gut und habe ja auch seine Berechtigung, sagt N. Andererseits kenne sie
niemanden, der schon potentielle Geschlechtspartner mit dem Wissen um die
derzeitige Regierungslage in Serbien auf sich aufmerksam gemacht hätte. Dorian
Gray, sagt N., wäre übrigens bestimmt auch dieser Meinung gewesen. Überhaupt
könne sie jetzt, meint N., die Taten des Dorian Gray viel besser
nachvollziehen. Morden oder Stresspickel? Eine zutiefst moralische und vor
allem strittige Frage, sagt N. Da müsste sie, zu Dorian Gray’s Verteidigung,
bei aller Philanthropie auch kurz innehalten. Innehalten helfe ja leider nicht
gegen Dellen, sagt N. Deswegen kaufe sie morgen zum ersten Mal in ihrem Leben
ein Blasenpflaster, sagt N. Sie gehe jetzt ja regelmäßig Laufen, sagt N.
On est toujours jaloux du métro des autres. C.G.
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tolle Pointe!
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