2008-10-28 11:51:25
Gerfried Sperl sprach mit FM5 über die Zeit um 1968 und wie die Medien damals und heute damit umgehen.
Kurz vor dem Ende des Jahres 2008 springen wir - wie so viele andere - noch auf den Jubiläumszug auf – Endstadtion 1968. Den "Achterjahren" wird allgemein eine besondere Bedeutung zugeschrieben, Aufmerksamkeit wird hier aber dem Jahr 1968 geschenkt, das vor allem durch seine Studentenrevolutionen in ganz Europa bekannt wurde. FM5 traf Gerfried Sperl, um mit ihm über diese spannende Zeit zu sprechen.
Gerfried Sperl, Mitgründer und ehemaliger Herausgeber der Tageszeitung Der Standard, hatte in den 60er Jahren eine besondere Rolle: Er war ab 1963 fast jedes Jahr in Berlin, durfte dort die wichtigen Akteure der 68er Bewegung Deutschlands kennenlernen und brachte sich hochschulpolitisch an der Universität Graz ein. Mit den so genannten Universitätsgesprächen setzte er sich schon 1964 unter anderem für Mitbestimmung der Studenten an der Universität ein und war Mitglied der Gruppe die Aktion. Er hat nicht nur demonstriert sondern auch Demonstrationen organisiert. "Wir haben jede Woche einen Plan gemacht bei welchen Veranstaltungen wir auftreten und wir haben konsequent eingeteilt, wer dort hingeht und dass sich jeder dort zu Wort meldet und sagt: 'Ich bin von der Aktion und ich heiße so und so'."
1968 war Sperl bereits Journalist bei der Kleinen Zeitung in Graz und in Kärnten. Trotzdem hatte er nicht das Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen: Seine Arbeitgeber sahen genügend Talent in ihm und so konnte Sperl es sich leisten das zu tun, was er für notwendig hielt: zu demonstrieren.
Studieren, nicht politisieren!
Auf die Frage, welches Bild 1968 in den österreichischen Medien von Studenten vermittelt wurde, erklärte Sperl, dass es genau das Bild war, das ihnen auch die Bevölkerung zugewiesen hatte. Sogar die akademische Bevölkerung verteidigte den Slogan "Studieren, nicht politisieren!". Dass sich Studenten politisch engagieren wollten, wurde nicht nur nicht verstanden sondern auch nicht gerne gesehen. Die Berichterstattung über Studenten und das Hochschulleben fiel vor 1968 im Vergleich zu heute eher mager aus. Berichtet wurde im Zweifelsfall nur, wenn es sich um einen Skandal handelte. Sperl: "Die einzigen Medien, die den Studenten auch etwas zugebilligt haben, dass sie sich artikulieren dürfen, war die Kleine Zeitung Graz, die Wochenpresse und der Flajnik (Anm.: Bruno Flajnik, Chefredakteur der Wochenpresse). Die Tageszeitung Die Presse hat mitunter differenziert berichtet aber sich sonst nicht sehr viel anders verhalten. Kurier und Express waren ganz eindeutig: Über die Studenten hat man nicht berichtet und auch über das Hochschulleben hat man nichts in der Zeitung erfahren."
Das änderte sich dann, als die ersten Demonstrationen und Rebellionen begannen: So wurden die Medien fast gezwungen, über die Agenden der Studenten zu berichten. Doch nicht immer fiel diese Berichterstattung objektiv aus. Laut Sperl gab es gewisse Journalisten, von denen man Objektivität erwarten konnte, wie z.B Trautl Brandstaller, die zu dieser Zeit für die Wochenpresse tätig war. Doch es ging auch anders: "Es hat auch Journalisten gegeben, die komplett dagegen geschrieben haben. Aber die haben auch geholfen, weil sie die Sache propagiert haben, es war natürlich umstritten. Es gab damals noch getrennte Studentenheime. Es hat riesen Debatten gegeben, weil wir in Graz eine psychotherapeutische Beratungsstelle aufgemacht haben und ausdrücklich über Flugblätter verkündeten, dass wir Sexberatung machen. In den Zeitungen haben sie dann gewitzelt, wir würden beraten wie man besser bumst. Ich habe dann auf einer Pressekonferenz gesagt: 'Ja, so ist es. Es stimmt. Wenn jemand da Probleme hat, dann soll das dazu da sein.' Das hat die unfassbar aufgeregt."
Die Erfindung im österreichischen Journalismus steht in einer lückenlosen Tradition
Während in Deutschland die Negativberichterstattung eindeutig von der Bild-Zeitung angeführt wurde, war es in Österreich die Kronenzeitung, die am meisten gegen die Studenten propagierte. "Der Kurier war ein bisschen liberaler; der Express, den es damals gegeben hat, war eine Zeit lang auch unter dem Dach von Hans Dichand. Diese Zeitung war boulvardesker und verteilte sich damals wie jetzt die Gratiszeitung heute."
Ein Journalist, der damals besonders negativ berichtete, war Michael Jeannée. Er war zu diesem Zeitpunkt für den Express tätig. Sperl: "Was glauben Sie, was der über die Uni-Ferkelei... der hat auch Sachen erfunden. Die haben auch Sachen erfunden. Die Erfindung im Journalismus ist in Österreich ja besonders ausgebildet. Österreich [Anm.: die Zeitung] steht da in einer sehr lückenlosen Tradition: Die erfinden ja jeden Tag etwas. Oder die Übertreibung ist so groß, dass sie schon in eine Erfindung mündet."
In Deutschland wurde das Attentat auf Rudi Dutschke auf Grund der Medienhetze indirekt der Bildzeitung zugeschrieben. Eine vergleichbare Macht der Presse gab es in Österreich nicht, da hier nie derartige Negativkampagnen stattgefunden haben. Allerdings waren auch die Umstände in Österreich ganz anders. "In Österreich hat es eine solche Hetze nie gegeben. Es hat so etwas auch nicht geben können, weil es diese riesen Demos nicht gegeben hat. Das Todesopfer, das zu beklagen war, war schon 65: Es war Herr Kirchweger im Zug der Borodajkewycz Demo. Und dieser Herr war selbst nicht von den Guten."
Nach 1968 wurde in den Medien auch über studentische und soziale Anliegen diskutiert, da es durch die Rebellionen ein größeres Bewusstsein der Öffentlichkeit gab und Eltern auf einmal mehr Interesse hatten, was ihre Kinder machen.
Der Begriff 68er wurde erst in den 70er Jahren geprägt. Doch in der Öffentlichkeit gab es 1968 keinen speziellen Namen für diese Generation: "Nein wir haben keinen Namen gehabt. Das war einfach die Rebellion. Manche haben gesagt 'die Revolution' - aber von Revolution halte ich nichts, weil die Revolutionäre das, wogegen sie revoltieren, einfach nur ersetzen und dann auch diktatorisch agieren. Aber von Rebellion halte ich etwas. Das war eine Rebellion."
40 Jahre später
Und auch heute, 40 Jahre nach den Ereignissen 1968, ist das Thema noch immer in aller Munde. Es wird laut Sperl zwar nicht quantitativ mehr darüber berichtet, doch qualitativ besser: "Heute wird objektiver berichtet. Man kommt langsam darauf, dass das eine differenzierte Bewegung war; dass die Musik miteinbezogen wird, die Architektur, die Kunst; dass das eine generelle Bewegung war; dass das eine Auseinandersetzung von Generationen war. Das hat heute stattgefunden. Es ist ja eine bisher nie da gewesene Bücherflut entstanden. Ein Buch hat die Objektivität besonders gefördert, weil es selbst so unobjektiv ist. Da ist das Buch von Götz AiY 'Unser Kampf'. Er setzt die 68er Bewegung mit den Nazi Sturmscharen gleich. Das hat wütende Proteste und Differenzierung bewirkt, um ihm nachzuweisen, dass er nicht recht hat. Das hat sehr zur Ausdifferenzierung der Bewegung und zur besseren Beurteilung von Personen wie Rudi Dutschke beigetragen."
...Ich wollte immer eine Prinzessin sein, leider war nur mehr der Part der bösen Hexe frei....
Newsfeed von Caroline Kaltenreiner abonnieren