2012-08-10 18:03:06
Gerda war padre Diego überaus dankbar, dass er, mit einem kleinen Minzlikör in der Hand auf der Kirchentreppe mit ihr wartend, nicht über die bevorstehende Zeremonie, sondern über die Fragen der Welt sprach, sie sogar stellte.
Während Gerda vor der Basilica San Francisco el Grande im Stadtteil La Latina auf ihren Verlobten wartete, verlor eine junge Braut im Stadtteil Chamberí ihren Schleier. Mara Jaramillo war eine ausnehmende Schönheit. Neben ihr, sagte ihr Verlobter gerne, wenn sie im Prado gemeinsam die Marmorgänge entlang schlichen und in das zufriedene Gesicht des reitenden Rubens Duque lächelten oder auf der Holzbank vor der strahlend weißen Kopie von Antonio Canovas Skulptur „Venus y Marte“ sitzend beratschlagten, ob die Göttin der Liebe und der Gott des Krieges das einzig wirkliche, weil unwahrscheinlichste Liebespaar aller Zeiten sein mochte, neben ihr, sagte er, müsste man keine Hässlichkeit inszenieren, wie es Velázquez bei den Meninas getan hatte, indem er der zarten, blonden Margarita eine unhübsche Zwergin an die Seite malte. Mara war Jaimes personifizierter Tag in der Sonne. Die artikulierte Romantik ihres Verlobten war Mara nie peinlich, weil er es verstand, seine Komplimente derart sachlich darzulegen, fast als handle es sich bei seiner veräußerten Wertschätzung um ein Plädoyer eines Schauspielers in einem der Gerichtsfälle im Fernsehen, die er so gerne verfolgte. Wenn er ihre Augen, ihren Hals oder ihre Beine weit über die Augen, den Hals oder die Beine einer der gemalten Schönheiten stellte, lehnte Mara also einfach den Kopf auf Jaimes Brust, legte eine Hand um seine Hüfte, die andere an seinen Bauch und tauchte ins Bild. Sie tauchte ähnlich wie es eine Figur in einem Kurosawa Film tun würde, mit Geschichte und Vorhaben ins Bild, und war dann für eine Zeit lang verschwunden, was ihr Geliebter geduldig akzeptierte und schätzte. Er wartete gerne auf sie.
Auf ihren Hochzeitstag wollte sich Mara alleine vorbereiten. Sie hörte Bach, öffnete die Fenster der Wohnung, weil sie die Stimmen der vorbeigehenden Menschen und der Lärm des Verkehrs beruhigten, trug Mascara auf, setzte ein wenig Rouge auf die Wangenknochen, rückte ihre Brüste in dem fast zu engen, weißen Bustier zurecht und knotete ihr volles, schwarzes Haar. Ein Windstoß nahm Maras Schleier, den sie an die Wand neben dem Spiegel gehängt hatte, mit hinaus ins Freie. Er flog zuerst aus dem Fenster, verhedderte sich für einen Moment im Fenstergriff und schwebte schließlich die Allee entlang bis zur calle Fuencarral, wo er sich derart um den Vorderreifen eines vorbeifahrenden Autos wickelte, dass der Lenker tragisch übertrieben reagierte, weswegen sich das Fahrzeug etwa siebzehn Mal überschlug. Mara schloss das Fenster, öffnete ihr Haar und ließ es lang über ihre Schultern fallen. Er wollte sie nicht einmal die wenigen Schritte vom Kirchentor bis zum Altar von einem Schleier bedeckt sehen, hatte Jaime einmal gesagt, als sie in der kleinen Konditorei in der Nähe des plaza Olavide die Marzipanfiguren aussuchten, die man auf die oberste der vier getürmten Cremetorten setzen sollte. Man würde doch nur ihre Schönheit vergeben. Mara richtete ihr Strumpfband, legte den raschelnden Stoff ihres Kleides in Falten und schob ihre kleinen Füße in die seidenen Pumps. Sie nahm eine lilafarbene Chrysantheme aus der Vase am Küchentisch, steckte sie mit einer Metallspange an ihren Kopf und verließ die Wohnung.
Gerda war padre Diego überaus dankbar, dass er, mit einem kleinen Minzlikör in der Hand auf der Kirchentreppe mit ihr wartend, nicht über die bevorstehende Zeremonie oder etwaige Änderungen der Abläufe aufgrund der bereits erheblichen Zeitverzögerung, sondern über die Fragen der Welt sprach, sie sogar stellte.
Früher hatte Diego in Ecuador gelebt und dort sein Geld als Maler verdient. Er malte Delfinbilder in blau und violett, springende Säugetiere vor einer der kollektiven Phantasie einer karibischen Landschaft entsprechenden Kulisse: blutrote Sonnenuntergänge, scharfkantige Palmen, die als nichts anderes identifiziert werden konnten, bewegte Meere mit weißen Schaumkronen. So gefiel es den Touristen, die er täglich auf der Straße portraitierte. Es waren Jahre voller Touristengesichter. Touristengesichter, in denen er nichts erkennen konnte. Keine Falte und keine Unebenheit in der Iris eines europäischen, amerikanischen oder asiatischen Auges vermochte ihn je tatsächlich zu interessieren. Mein Kohlestift hat mehr Geschichte als du, dachte er, wenn er geduldig eckige Lippen, verschwindende Ohren, sich windende Nasen und hoch sitzende Scheitel zeichnete. Diego setzte jeden Strich mit Respekt und sandte so sein Kohlepulver hinaus in die Welt. In das Schlafzimmer in Texas, die Kinderstube in Paris, die Küche in Bejing. Wenn es dunkel wurde in der Touristenstraße La Ronda, packte er seine Sachen und spazierte zu einem nahegelegenen Hügel um dort eine riesige Marienstatue aus Aluminium zu zeichnen. Auf diese Weise verbrachte er viele Jahre, Tag für Tag, Abend für Abend, bis er schließlich zu einem für ihn nicht festzumachenden Zeitpunkt aufhörte Gesichter zu malen. Er hörte überhaupt auf Menschen in ihre Gesichter zu blicken, weswegen man ihn bald für sozial gestört hielt. Würde er immer seine Orte wechseln, dachte er, müsste er mit niemandem eine nähere Verbindung eingehen und sich vor niemanden rechtfertigen. Er verließ Quito und reiste nach Bolivien, Argentinien, Guatemala und Mexiko und sein Plan ging auf. Doch als er in einem kleinen Dorf sechzig Kilometer von Mexico City von der Wirtin seines Stammlokals auf die Hochzeit ihrer fast noch minderjährigen Tochter eingeladen wurde, eine Einladung, die, wie Diego schnell herausfinden sollte, von der Überlegung der Frau herrührte, Diego und ihre heiratsfähige, etwas zurückgebliebene Nichte würden sich in der ausgelassen romantischen Stimmung einer ländlichen Hochzeit vielleicht näher kommen und zueinander finden, nahm er an. Er saß an einem Tisch zwischen laut singenden Cousins und Neffen, die sich die Bäuche abwechselnd vollschlugen und hielten vor Lachen, weil der eigens engagierte Clown seine Sache offensichtlich so gut machte, dass er nicht nur die Kinder begeistern konnte. Abgesehen davon, dass Diego nichts von Clowns oder Menschen, die sich als Clowns ausgaben hielt, konnte er dem Geschehen ohnehin nicht folgen, da sein Blick sieben Stunden lang auf das pollo asado auf seinem Pappteller gerichtet war, das man ihm mit ein wenig Maisbrei serviert hatte. Die ersten zwei Stunden vergingen und er sah die verkohlte Haut, die man dem Tier über dem offenen Feuer im Innenhof beschert hatte. Er rieb den Stift, der während der Jahre auf Reisen immer in seiner Hosentasche steckte, bis seine Finger schwarz waren. Eine Schwärze, die ihn die vielen Jahre hindurch begleitet hatte. Die nächsten Stunden vergingen, die Gäste wurden betrunkener und Diegos Augen wurden nicht müde. In der siebenten Stunde nahm er das Messer, teilte das Fleisch vom Knochen und da kam ein Gesicht aus dem Hühnerknorpel. Diego entschied nach Europa zu gehen und Pfarrer zu werden.
In Madrid gab es hunderte Kirchen mit imposanten Geschichten und Architekturen. Die Basilica San Francisco el Grande aber war mehr ein Kunstmuseum als ein Gotteshaus. Dort hingen die großformatigen Bilder von Velázquez, Bayeu und Zurbarán. Und dort sollte auch Diego seine Heimat finden. Nach der Messe schloss er die Kirchentore, wartete bis zum Sonnenuntergang, zündete einige wenige Kerzen an, und malte im Halbdunkel Goyas „Predigt des heiligen Bernhardin“. Wenn die Morgensonne durch die hochgelegenen Kirchenfenster kroch, legte er die Pinsel beiseite, räumte die Farben in eine große Holztruhe, nahm das Bild von der Staffelei und warf es in den Keller. Im Keller türmten sich angefangene Bernhardins aus achtzehn madrilenischen Jahren.
„Die spanischen Maler waren die Maler der Dämmerung und des Schattens“, sagte Gerda und Diego schenkte zustimmend Minzlikör nach. Als sie wiederholt auf das Leben anstoßen wollten, krachte ein Auto in die Mauer, die die benachbarten Gärten vom Kirchenhof trennte. Die unzähligen Dahlien, die man dort gepflanzt hatte, erschraken dermaßen, dass sie augenblicklich ihre Blütenblätter fallen ließen, die sich auf der silbergrauen Oberfläche des Oldtimer Mercedes mit dem Ziegelstaub und Teilen der Mauer zu einem bunten Potpourri mischten. Padre Diego sah sich selbst die Szenerie im Geiste malen. „Die Zeit ist ein Ring, Gerda. Das Licht ist eine Kugel“, sah er kurz in ihre Augen, die von einem bestickten Schleier verdeckt waren, wodurch sie andere Farben vermuten ließen als die eigentlichen. „Vielleicht bin ich zu früh“, nahm Gerda den Schleier ab, gab der Schwere des Brautstraußes nach und setzte sich neben Diego auf die Steinstufen, der dort angefangen hatte das rauchende Stillleben „Unfall im Blumenmeer“ in der hereinbrechenden Dunkelheit zu malen.
Atemfrequenz: 14 Atemzüge pro Minute; Atemzugvolumen: 398ml; Herzfrequenz: 81; stystolischer Blutdruck: 120 mm Hg; Nervenstrang im Rückenmark: 45 cm; 5 Liter Blut (davon Blutplasma 55%, Erythrozyten, Thrombozyten, Leukozyten 45%); pro Körperzelle 46 Cromosome; 8 Schneide-, 4 Eck-, 8 Backen- und 11 Mahlzähne.
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