Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

musik

Gemeinsam leben, allein sterben

2007-04-02 00:10:57

Wie sich alles ändern kann: Mit ihrem neuen Album „This atom heart of ours“ haben die Kärntner Naked Lunch den viele Steine in den Weg legenden Berg bewandert – von oben sieht die Welt plötzlich ganz anders aus.

“Arbeit tut weh. Jede Art von Arbeit.” Diese Weisheit stammt nicht etwa von dem chinesischen Philosophen und Religionslehrer Konfuzius, sondern aus dem Munde des mindestens genauso gelehrten Oliver Welter, Gitarrist und Sänger der in Klagenfurt beheimateten Band Naked Lunch. Doch wer einen von so viel getragener Emotionalität strotzenden Opener („This atom heart of ours“) mit den pathetischen Eingangszeilen („ The bells they were ringing with a beautiful sound/a new day rising a way that we found/we `re old and settled but we still believe/if we don `t march together we die alone”) hervorbringt, der kann – nein muss – sich einreden: Diese Arbeit, so hart sie auch war, hat sich definitiv gelohnt. Als Beweismittel kann das 10 Songs beinhaltende Album sehr wohl dienen.

„We don `t need entertainment, …

Beim letzten Album "Songs for the exhausted" war Naked Lunch als Quartett mit dem Schlagzeuger Peter Hornbogner tätig. Dieser Tage wieder als Trio: Welter, Herwig Zamernik (Bass) und Stefan Deisenberger (Keyboard). Doch wer das Biotop der Kärntner bereits ein bisschen durchforstet hat, weiß, dass es besetzungstechnisch bei den folgenden Konzerten die eine oder andere Überraschung geben wird. Naked Lunch haben seit ihrem Gründungsjahr 1990 genug erlebt, um zu wissen, wie der Hase läuft. Enttäuschungen, so etwa die ewige Geschichte mit der Plattenfirma, folgten positiven Momenten. Nicht nur deswegen, also weil das Trio die Abgeklärtheit per se ist und damit umzugehen weiß, muss Naked Lunch zur wichtigsten Band des Landes gezählt werden. Auch, und diesen Punkt sollte man nicht abwerten, weil sie ein großes Variantenreichtum innehat: Von der letztendlich einzigen Grungeband der Alpenrepublik wurde die (auch wieder einzige!) Pathos-Popgruppe, deren Liedgut immer besser wird – in dieser Nische haben sie ihren Platz gefunden und logischerweise ist „This atom heart of ours“ ihr 2. Album darin; denn mit ihrer frühen Grungephase hat es nichts gemein.

…we entertain ourselves.“

Der in diesem Fall mal wirklich als Gradmesser zu benutzende Pressetext meint richtig: „Mit „This atom heart of ours“ beanspruchen Naked Lunch abermals, endgültig und nachdrücklich ihren Ehrenplatz im überschaubaren Kanon des zeitgenössischen Pop, dem es nicht um Stromlinien-Form und Massenerfolg geht. Ihre Energie und Intelligenz focusieren Naked Lunch über 10 wunderbare Stücke in einer präzisen, reichen Sound- und Song-Architektur, in eine sinnliche musikalische Logik, die nie angestrengt, nie bemüht ist, ihre Wildheit fliesst in das Schaffen von Musik von oft überwältigender Schönheit.“ Davon zeugt auch der himmlisch-schöne Songs „Town full of dogs“, eine verdammt korrekte Ode an die (einzig wahre?) Liebe, dessen Erklingen jedes weibliche Gegenüber dieser Welt zerfließen lassen müsste, mit dem Höhepunkt: „Gimme hope gimme fear/gimme love and despair/gimme loads of your drug/and a reasonable fuck/your burden and your weight/gimme all that I can take.“

Nicht nur dabei klingen Welters aktuelle Favoriten wie Antony & The Johnsons oder Flotation Toy Warning, aber auch Arcade Fire, durch, die Begriffe wie Pathos, Melancholie, Trauer und Schmerz erst wieder über den Atlantki nach Europa brachten.

Naked Lunch, das bedeutet also: Romantik für immer! Gewiss, man könnte es sich im gemütlichen Pop-Olymp gut gehen, die Welt vorbeiziehen und Kärnten Kärnten sein lassen. Das wäre jedoch die Lösung für Milchbubis. Naked Lunch teilen ihre Gefühle mit der Welt. Und selbstverständlich ist dieser Vorgang auch in einer Ehe und mit Kindern möglich. Notwendig. Wie auch immer. 2007 wird in den unzähligen Proberäumen des Schnitzellandes kein besseres Album aufgenommen.

Das Album erscheint am 19. Jänner auf Louisville Records.

Printer Icon



AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

Newsfeed Icon Newsfeed von Johannes Rausch abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop