2007-04-02 00:11:25
Der als Genie hochgepriesene Mike Skinner alias The Streets veröffentlicht mit „The Hardest Way To Make An Easy Living“ sein drittes Werk. Die darauf behandelten Themen: Drogen, Frauen, Autos und Glücksspiele.
Betrachtet man die eigens für die Musik-Journalisten angefertigte Promotion-Ausgabe des neuen Streets-Albums „The Hardest Way To Make An Easy Living“ bekommt man es ein wenig mit der Angst zu tun: Von einer knallgelben CD-Hülle aus Papier schreien Warnhinweise wie „Restricted Release“ oder „Watermarked Disc“! Mit diesem „unknackbaren“ Kopierschutz versucht man den vorzeitigen Download der Songs einzuschränken, denn meistens kursieren sie schon Wochen vor dem offiziellen Releasedatum im Internet - upgeloadet von Leuten (meistens Journalisten), die sich damit wohl irgendetwas beweisen wollen. Schwachköpfe!
Folglich werden nun immer öfters solche sündteuren Promos angefertigt. Verantwortlich für diese Hochsicherheits-CD waren wohl die Plattenfirmen, findige Manager oder in diesem Fall vielleicht Mike Skinner höchst persönlich, denn durch die zahlreichen illegalen Downloads entgeht dem Milchbubi aus London schon einiges an Kleingeld, das er doch glatt für neue Autos, Drogen oder ein Abendkleid für seinen momentan Beischlaf ausgeben könnte – man weiß es nicht.
Vom grindigen Pub auf die noble Privatparty
Herr Skinner ist nach seinem Debütalbum zu den (ganz) Großen des Musikbusiness aufgestiegen. Begonnen hat alles – für britische Verhältnisse – eher unspektakulär und langweilig: Ein völlig normaler Teenager bastelte auf seinem Laptop Beats, dachte sich Texte aus und ließ seiner Kreativität freien Lauf. Nebenbei verdiente Skinner bei diversen Studentenjobs seine Brötchen und abends traf er sich auf ein obligatorisches Bier mit seinen Freunden in einem der unzähligen Pubs von London. Sein Herzblut lief zu dieser Zeit aber voll und ganz in die Musik.
Als dann im Jahre 2004 „Original Pirate Material“ das Licht der Welt erblickte, stand die englische Presse (wieder einmal) Kopf. Was Skinner vorgelegt hatte, klang schlicht, geradlinig, rotzfrech und bediente sich vieler Stile wie Garage, HipHop, 2Step oder Breakbeat. Diese wurden dann von ihm gekonnt im Arrangement verwurstet und durch seinen murmelnden, stark mit einem Cockney-Einschlag akzentuierten Sprechgesang in Richtung Zukunft befördert. Wir erinnern uns: In den Clubs wurde zu dem aus dem Debüt stammenden Kracher "Lets Push Things Forward" mit dem Arsch gewackelt oder so ähnlich. Nach dem zweiten Geniestreich „A Grant Don´t Come For Free“ im Jahre 2004 veröffentlicht Skinner nun sein drittes Album. Darauf gibt er’s sich wie gewohnt kaltschnäuzig, selbstironisch und stets mit dem gewissen Augenzwinkern versehen. Diese Abgebrühtheit macht den erst seit kurzem aus der Pubertät geschlüpften Skinner zu einem Genie.
Der Alltag spielt auf„The Hardest Way To Make An Easy Living“ wieder eine wesentliche Rolle. Aber im Gegensatz zum Debüt hat sich dieser in den Jahren verändert: Wurde früher in den Pubs noch im Vollrausch über die Ungerechtigkeit des Leben philosophiert, wird jetzt mit zahlreichen Schickimickis und Möchtegern-Promis auf noblen Privatparties über andere „Wichtigkeiten“ wie Sex, schnelle Autos, Drogen und/oder Glücksspiele geplaudert.
Diese zentralen Themen, die zum Beispiel auch bei dem mit Goldketten und Waffen bestückten amerikanischen Hohlkopf 50 Cent ganz oben auf der Prioritätsliste stehen, hat Skinner nun auch in seine Texte einfließen lassen. Dabei gibt es jedoch einen essentiellen Unterschied: Skinner dreht und wendet die Themen mit Köpfchen, um sie danach gezielt gegen diesen turbokapitalistischen Einheitsbrei à la 50 Cent einzusetzen. Diese Hinterfotzigkeit erreicht er dadurch, dass er seine Texte mit einer ordentlichen Portion Ironie anreichert. Gelingen tut ihm dieses Kunststück vor allem mit dem Song “When You Wasn´t Famous”. Dieser beginnt zum Beispiel mit folgender Erklärung: “The thing that´s got it all fucked up now is camera phones – how the hell am I supposed to be able to do a line in front of complete strangers when they´ve all got cameras?” Tja, Herr Doherty hat sich diese Frage bei seinem Kurzurlaub in Österreich wohl auch des Öfteren gestellt…

Mike Skinner alias The Streets (Foto: http://www.myspace.com/thestreets)
Gospelchor und Negligé
Dass Skinner jedoch auch ein begnadeter Balladen-Schreiber sein kann, hat er schon mit dem wie für die Taschentuch-Werbung konzipierten Hit „Dry Your Eyes“ aus dem Vorgänger Album beeindruckend unter Beweis gestellt. Dabei wurde wohl noch jede/r so harte HipHoper/in oder Indie-Boy/Girl schwach. Auf seiner neuen Platte heißt dieser Kuschelsong nun „Never Went To Church“, der seinem verstorbenen Vater gewidmet ist. Skinner startet mit folgenden einleitenden Worten in den Song: „Two great European narcotics – alcohol and Christianity. I know which one I´d prefer.“ Auf diese Weisheit ertönt ein himmlischer Gospelchor, der sich danach auch beständig mit nervigen „Uhhs“ stimmlich bemerkbar macht.
Skinner benötigt für die zur Schaustellung seiner eigenen Lebenserfahrung knappe 37 Minuten. Dabei wurden die Arrangements weitgehenden mit viel Schnickschnack und eher unnötigen, weil zu schmalzigem Hintergrundgesang üppig angereichert.
Ein Zeichen, dass Skinner mit diesem Werk einen Schritt näher in Richtung Mainstream rückt, was ihm bestimmt in Sachen Verkaufszahlen einen weiteren Erfolg bescheren wird. Somit dürften das sündteuere Negligé für den Beischlaf und ein neuer Porsche für sich selbst kein Problem darstellen.
The Streets – Live
12. April - WUK/Wien
oder im Rahmen des diesjährigen Nuke Festivals in St. Pölten.
"The Hardest Way To Make An Easy Living" von The Streets ist bereits seit 7. April im Handel erhältlich.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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