2008-02-25 20:37:56
Was dabei herauskommt, wenn man sich ein Theaterstück auf Dänisch ansieht, ohne die Sprache zu beherrschen.
Wenn man sich auf den Weg in ein anderes Land macht, will
man dort auch etwas erleben. Aber als Tourist auffallen, das will man
auf keinen Fall. Zu stark haben sich die Klischee-Bilder von fettbäuchigen
Hawai-Hemdträgern mit Kamera um den Hals ins Gedächtnis gebrannt, um auch nur den Anschein eines Touristen erwecken zu wollen. Doch wie gesagt:
Erleben und soviel wie möglich davon (wenn schon nicht mit dem Fotoapparat) mit dem
Gedächtnis fotografieren, will man in dem fremden Land ja doch.
Smukkere end øl!
In meinem Fall war es Dänemark. Das befindet sich nun nicht
unbedingt am anderen Ende der Welt, aber dennoch bemerkt man sofort die Unterschiede
zu Österreich. Zum Beispiel an der überschwänglichen Freundlichkeit der Dänen –
immerhin sollen sie ja die glücklichsten Menschen Europas sein –, an der
mediterranen Luft und natürlich auch daran, dass man sein hart verdientes Geld
wechseln muss. In Dänische Kronen, von denen die meisten Münzen kleine Herzchen
oder das Gesicht der Königin tragen, was eine Allgegenwart der Monarchie
unumgänglich macht.
In Kopenhagen zum Umsteigen gezwungen, war ich nach einem
kurzen Inlandsflug endlich am Ziel meiner Reise angekommen: Århus. Eine Stadt
im Osten des dänischen Festlandes. Wenn Sie sich fragen, warum es mich gerade
dorthin verschlagen hat, müssen Sie zuerst meine gute Freundin Frau J. fragen,
warum sie dort ihr Auslandssemester machen wollte. Im Großen und Ganzen ist Århus eine hübsche Kleinstadt mit vielen Studenten, vielen Fahrrädern und
vielen Nieselregen-Tagen. Nachdem man das übliche Erasmus-Ding mit
Kennenlern-Partys, Ausflügen und (der dänischen
Tradition folgend) immer und immer wieder betrinken, überstanden hat, kann man
hier recht gut leben, wie mir Frau J. beweisen sollte.
Was Neues.
Dennoch wollten wir meinen einwöchigen Besuch nicht einfach
so verstreichen lassen ohne „was Neues“ zu erleben, wie schon seit Jahren das
Motto unserer Freundschaft lautet. Also durchforsteten wir die dänischen
Zeitungen nach Unterhaltungsmöglichkeiten jeglicher Art. Da das geschriebene Dänisch
ein Mischmasch aus Englisch, Deutsch und skandinavischen Sprachen ist, war das
Lesen zwar nicht immer einfach, aber entschlüsselbar. Nach längerem hin
und her entschieden wir uns für eine Theatervorstellung im Svalegangen, einem
Theater in der Innenstadt von Århus.
Galefyrsten, ein Stück von Henning Mankell, wollten wir uns
ansehen. Die wenigen Worte, die wir in der kurzen Beschreibung unserer
dänischen Zeitung zu verstehen glaubten, waren viel versprechend: kleiner Junge, schizophren, Psychiatrie,
Familiendrama.
Also ab ins Theater.
Da wir uns nicht als Touristen zu erkennen geben wollten,
grub Frau J. an der Abendkassa ihre bescheidenen Dänisch-Künste aus um uns zwei
Tickets zu besorgen. Doch keine Chance: Sofort wurden wir ertappt und die
freundliche Kassiererin meinte nach ein paar englischen Phrasen: „Wenn Sie
wollen können wir auch deutsch sprechen!“ Ach herrje. Dennoch blieben wir
standhaft und gaben ihren Warnungen, dass das Stück auf Dänisch sei und wir
nichts verstehen würden, nicht nach. Eine Viertelstunde später saßen wir in der
Mitte von circa achtzig dänisch sprechenden Menschen in einem kleinen, aber
feinen Theatersaal.
Die Spannung war riesengroß. Würden wir allein durch Gestik
und Mimik der Schauspieler die Handlung mitverfolgen können? Das gesprochene Dänisch ist zwar dasselbe Mischmasch
wie das geschriebene, nur wird so schnell und ohne Luft zu holen Wort an Wort
aneinander gereiht, dass man als Laie wirklich gar nichts mehr kapiert. Auch
wenn man denkt ein bekanntes Wort herauszuhören, sicher kann man sich
nie sein.
Galfeyrsten fascinerer totalt.
Das Stück kommt mit nur vier Schauspielern aus, die immer wieder andere Rollen präsentieren,
was unserem Unverständnis nur bedingt gut tut. Mikkel Bay Mortensen, der die
Hauptfigur, einen kleinen Jungen, verkörpert und sich später in
seiner schizophrenen Gedankenwelt mit dem „Galefyrsten“ (verrückter Fürst) identifiziert,
legt eine großartige und zugleich sehr bedrückende Performance an den Tag. Das
Zusammenspiel der Schauspieler überzeugt genauso, wie die einfache, aber
doch sehr eindrucksvolle Inszenierung. Jeder Handgriff sitzt genau und so
werden auch die Lichteffekte und Bühnenbilder von den vier agierenden
Schauspielern immer wieder verändert und gesteuert.

Als wir nach mehr als eineinhalb Stunden das Theater
verlassen, hat jeder von uns eine andere Version des Handlungsverlaufs zu
bieten. Dennoch ist das Experiment nicht in die Hose
gegangen, da wir beide einen wunderbaren Theaterabend erlebt haben und jeder
seine Schlüsse aus dem Stück ziehen konnte.
Obwohl wir bis heute nicht wissen, worum es nun wirklich in
Galefyrsten ging, ist uns etwas gelungen, das einem bei herkömmlichen Theaterbesuchen des öfteren nicht so einfach gelingt: eine eigene Interpretation.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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