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Schwerpunkt: "Wir müssen unsere Seele nicht verkaufen."

Günther und der freie Wille

2010-07-19 21:19:19

  • Records MLE, Kochberger, Musterhaus
  • Records MLE, Kochberger, Musterhaus

Von vieren, die auszogen, die Gitarren lärmen und die Köpfe rauchen zu lassen. MLE[e] haben ihr Debütalbum Discovering the Substantial veröffentlicht.

An den großen Fragen der Menschheit sind ja schon viele gescheitert. Ganze Armaden an zu Marmorbüsten gewordenen Philosophen haben ironischerweise ihr Leben der Suche nach dem Lebenssinn gewidmet und sind zu keiner mehrheitsfähigen, geschweige denn verifizierbaren Meinung gelangt. Vier Wiener stellen sich nun dieser Aufgabe. Zumindest was den Titel ihres Debütalbums angeht.

Discovering the Substantial
haben MLE[e] es schlicht getauft. So können 120-minütige Naturfilme über Wüstennomaden heißen, Selbstfindungsseminare mit inkludierter Garantie auf inneres Glück oder die Biographie eines zum Buddhismus bekehrten Lebemenschens. Aber eben auch ein selbst veröffentlichter Tonträger.

An diesem fällt zuerst das – ebenfalls getreu der DIY-Philosophie gestaltete – Cover auf: an einer zirkelähnlichen Konstruktion befestigt zieht ein klappriges Fahrrad seine Runden, ohne jemals von der festgesetzten Bahn abweichen zu können. Eine subtil angelegte Visualisierung des Themas? Keine Frage: Als ewigen Kreislauf mit vorgeschriebener Bahn, die keinerlei Möglichkeiten bietet, eigene Wege zu gehen, so sehen MLE[e] das Leben. Zumindest auf ihrem musikalischen Langspiel-Debüt. Denn wenn auch die Menschheit in ihrer Ganzheit eine evolutionäre Sackgasse sei, könne man das Leben durchaus auch genießen, so Sänger Klaus Kochberger.

Der Kleintierkäfig der Gesellschaft


Günther würde sich von einem solchen Statement wohl verspottet fühlen. Günther ist eines der zwei Kaninchen im Hause Kochberger und durch das Video zu "Simon Says" zu ungeahnter Popularität gelangt. In knapp drei Minuten durchlebt er eine fast klassische Revoluzzer-Karriere, vom Aufstand im Käfig, der daraus resultierenden Freiheit bis zur Hand im Nacken, die ihn wieder zurück in den Käfig verfrachtet. Dass das Kaninchen Kochberger zufolge für den freien Willen steht, verwundert nicht, auch nicht die Moral der Geschicht', auf den Punkt gebracht von ebendiesem: „…letzten Endes scheitern alle am Versuch, sich gegen die Gesellschaft aufzulehnen, da man sich nicht gegen etwas auflehnen kann, dessen Teil man ist.“ Konsequent fortgedacht lebten wir also in einem goldenen Käfig, je mehr man sich an die Gesellschaft binde, desto mehr darf man sich von ihr erwarten, desto weniger frei aber kann man handeln. Umgelegt auf unseren Freund Günther: Will er mit Futter und Liebe versorgt werden, hat sich sein Leben auf Pressstreu abzuspielen.

Wo ein Wille, da ein Musterhaus


Dass MLE[e] sich vertragstechnisch nicht in solchen Abhängigkeitsverhältnissen bewegen, ist aber nicht gänzlich eine bewusste Stellungnahme, sondern auch ein Produkt des Zufalls. Es fand sich einfach kein Label, das Discovering the Substantial veröffentlichen wollte. Was blieb also anderes übrig, als ein eigenes Label zu gründen und einen hübschen Namen dafür zu finden?
Und dass das Musterhaus Records getaufte Start-up sicher keinen ungewollten Einfluss auf das Schaffen der Wiener Band nehmen wird, ist mehr als nur ein angenehmer Nebeneffekt.

What what what - tell me what!


Ob sich MLE[e] etwa so viel Zeit gelassen hätten bzw. hätten lassen dürfen, ist nicht sicher. Schwierig sei es gewesen, die Arbeit an Discovering the Substantial irgendwann als vollendet zu betrachten. Einen Anspruch auf Vollständigkeit können bei Werken wie diesem auch weder Schöpfer noch Schöpfung stellen. Wichtig ist, dass es in sich stimmig geworden ist, und dass der Denkprozess ein ewiger ist, wissen auch MLE[e].
Welcher Song könnte das vehementer bestätigen, als einer, der schlicht "?" betitelt ist...
Ausgehend von Kants vier Kernfragen haben sich die Musiker einen gewaltigen Fragenkomplex gestellt. Kochberger dazu: "Diese Fragen sind unlösbar, wie viele andere in diesem Song. Und all diese Fragen stehen exemplarisch für die Fragen, die wir uns als Band gestellt haben und teilweise nicht beantworten konnten."

Und genau das ist eine der Stärken der Musik aus dem Hause Muster. Fragen dürfen unbeantwortet bleiben. In der Tradition der Brooklyner Intellektuellen TV On The Radio: "A lot of bands have something to say. We have something to ask!"

Mit Discovering the Substantial haben MLE[e] ein erstes kräftiges Lebenszeichen in der österreichischen Musikszene von sich gegeben. Ihre Besonderheit und ein großer Teil ihres Potenzials liegt in den Texten, die großteils aus philosophischen Themenkreisen rekrutiert werden. Hier kommt die wortwörtliche Übersetzung des griechischen "philosophia" zum Tragen: Die Liebe zur Weisheit, zum Denken.
Gemeinsam mit dunklen, dichten Klängen eine sehr starke Mischung, die bereits jetzt mehr als eine Zukunftshoffnung ist. Auf das nächste Album soll man, so wird verlautbart, nicht mehr so lange warten müssen.
Spätestens dann zeigt sich, ob MLE[e] Erfolg bei einem breiteren Publikum beschieden ist oder sie in der Nische des Geheimtipps hängen bleiben.
Dass irgendwo ein Fahrrad weiterhin unverdrossen seine Kreise ziehen wird, steht jetzt schon fest. Schön so.

 



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AutorInnen

Julius Schlögl

Julius Schlögl

Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -

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