2008-03-31 02:14:52
Kevin Blechdom und Christopher Fleeger im Gespräch mit FM5 über Sexualität, Superhelden und Evanescence.
Barnwave nennen Kristin Erickson (alias Kevin Blechdom) und Christopher Fleeger ihr
musikalisches Projekt. Gesucht und gefunden haben sich die beiden.
So scheint es nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Gespräch mit Fm5. Zwei
Exzentriker, die nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch die Liebe zueinander verbindet.
Am 25. März habe ich Barnwave im rhiz zum Interview getroffen. Zwischen Soundcheck und Auftritt wurde noch schnell eine Pizza verdrückt, von der mir auch prompt ein Stück angeboten wurde.
FM5: Ihr seid seit gestern in Wien. Wie gefällt euch die Stadt?
Kristin: Es schneit.
Christopher: Wir haben einen Freund, der uns dauernd erzählt, dass Paris die wunderschönste Stadt der Welt ist.
K: Ich denke er hat "umwerfendste" gesagt.
C: Achja stimmt, du hast recht. Er hat immer gesagt Paris sei die umwerfendste Stadt der Welt. Aber als wir gestern durch Wien gegangen sind, dachte ich die ganze Zeit, dass er falsch liegt. War er denn überhaupt schonmal in Wien?
K: Das weiß ich nicht.
C: Wien ist jedenfalls sehr schön. Vor allem der erste Bezirk, den wir heute gesehen haben.
K: Große Gebäude, Museen, Kirchen, die Universität und so.
C: Wir wollen also unserem Freund mit der Behauptung Wien sei viel schöner als Paris entgegentreten.
Seid ihr beide eigentlich ein Paar?
K: Ja, das sind wir.
Verzeih mir die persönliche Frage, aber wie definierst du deine Sexualität?
K: Ich bin bi-sexuell. Vor Christopher hatte ich eine Freundin mit der ich lange zusammen war. Und vor ihr hatte ich zwei Beziehungen zur selben Zeit mit einem Mann und einer Frau.
Und wie spielte sich das ab?
K: Ach, die waren beide sehr eifersüchtige Charaktere, das ging nicht lange gut. Außerdem waren sie nicht sehr verständnisvoll. Sie hat mich immer gefragt, was ich denn bitte mit so einem Penis anfange und er hat mich immer angeekelt gefragt, was denn zwei Vaginas schon ausrichten könnten ohne einen Mann. Aber mit Christopher habe ich Glück, da er ja auch ein bisschen schwul ist.
Letztes Mal habe ich euch in Graz live gesehen, wo ihr ziemlich viele Songs von Evanescence gecovert habt. Warum gerade diese Band?
K: Das haben wir auch heute wieder vor! Amy Lee [Leadsängerin von Evanescence] war für mich immer eine der wenigen weiblichen Musikerinnen auf MTV, die wirklich wie eine Musikerin gewirkt hat. Ich bin ein großer Fan, auch wenn ich weiß, dass das kitschig ist, weil es ja doch Mainstream-Pop ist. Aber trotzdem fühlt es sich so an, als hätte sie die Kontrolle über das was sie tut und nicht so, als würde sie von geldgeilen Produzenten kontrolliert werden.
C: Bei Evanescence steckt eine Menge Kompositions-Arbeit hinter der Musik und ich denke, dass das alles von Amy Lee selbst gemacht wird.
K: Ja, sie ist ja auch eine großartige Pianistin und komponiert das meiste wirklich ganz allein. Es ist eine richtige Herausforderung ihre Songs so gut zu spielen wie sie es tut.
Habt ihr sie jemals live gesehen?
K: Nein, leider nicht. Aber wir haben uns hunderte Live-Videos von Evanescence angesehen.
C: Einmal sind sie am selben Abend wie wir in Israel aufgetreten. Näher als damals waren wir uns aber leider noch nie.
K: Ich frage mich immer nur, ob es wirklich notwendig ist, dass Amy Lee bei jedem Auftritt zehn Dread-Locks schwingende Typen um sich herum sammelt. Ich denke ohne die würde man sie ernster nehmen.
C: Ich frage mich hingegen, ob diese Kerle wirklich mit ihr im Tourbus sind oder ob sie die in jeder Stadt neu zusammen castet?
K: Du meinst sie kommt an und brüllt: „Ich will die heftigsten Butch-Kerle der Stadt! Schickt sie alle zu mir!“ (lacht)
Aber was ist das Faszinierende an dieser Band?
K: Natürlich auch Amy Lee selbst. Sie ist eine sehr traditionelle Schönheit und wenn ich eine 14-jährige Tochter hätte, wäre ich mehr als glücklich, wenn sie Fan von ihr wäre und nicht von einer dieser hauchdünnen Pop-Mädchen, die sonst über den Bildschirm hüpfen.
C: Es macht Spaß ihre Musik zu performen. Ich denke sie sind die unbekannteste bekannteste Band der Welt. Sie verkaufen so viele Platten...
K: ...aber niemand mag sie. Alle hassen sie nur. (lacht)
C: Wir performen diese Songs also für Leute, die Angst haben öffentlich zuzugeben, dass sie Evanescence eigentlich gerne hören.
Mit wem würdet ihr gerne mal zusammenarbeiten und gibt es noch andere Künstler, die ihr gerne covern würdet?
K: Dolly Parton! Überhaupt würde ich gerne viel mehr mit Country-Musikern zusammen arbeiten. Fuck this electronic Shit, das interessiert ja echt niemanden mehr. (lacht)
Covern würde ich liebend gern Enya. Das Tolle an ihr ist, wie irisch sie sich anhört. Als ich klein war, dachte ich immer das ist irgendeine seltsame New Age-Sache, frei von ethnischer Zugehörigkeit, aber wenn ich sie jetzt höre, höre ich nur noch Irisches dabei heraus. Ich glaube viele Songs hören sich irisch an, wenn die Musiker älter werden. (lacht)
C: Als wir mit dem Taxi hierher fuhren, kamen die Bangles im Radio und die hörten sich auch total irisch an.
K: Ich glaube sogar ich höre mich irisch an. Um Himmels Willen!
Du könntest ab jetzt immer mit einem irischen Akzent sprechen und singen und am Ende deiner Konzerte werden die Leute sich fragen, ob das Enya war, die da gerade performt hat.
K: Eine gute Idee, aber dafür würde ich Kerzen brauchen damit alles friedlicher aussieht. Scheiße, ich muss echt viel friedlicher werden und zwar jetzt!
Ihr zwei nennt euch seit neuestem Barnwave. Wieso gerade dieser Name?
C: Ich glaube das hat auch viel mit Evanescence zu tun. (lacht) Wir kommen aus Tallahassee/Florida und dort gibt es so viele schlechte Bands.
K: Neo-Christian Bands, oder Post-Nirvana-Christian Bands und solcher Schwachsinn, wie Creed zum Beispiel.
C: Genau. Und viele von den Bandnamen die dort enstehen hören sich einfach falsch an. Irgendwie dumm. Also habe ich mir „Barnwave“ [Scheunen-Welle] einfallen lassen, eigentlich nur als Witz, aber dann wollten wir versuchen beim Label von Evanescence Fuß zu fassen. Und der erste Schritt dorthin musste ein blöder Bandname sein.
Vor kurzem habe ich einen Kurzfilm gesehen, in dem du mitspielst Kristin. Hast du jemals daran gedacht Schauspielerin zu werden?
K: Nun, ich bin eher eine versteckte Schauspielerin, aber ja, ich wollte schon immer gerne eine sein...
C: Aber jetzt bist du doch Regiesseurin!
Im Ernst?
K: Ja, Christopher und ich werden ein Musical drehen. – Machst du hier eigentlich eine Audio-Aufnahme?
Ja, warum?
K: Ach, nur weil mein Mund voller Pizza ist, das tut mir leid. Ich hoffe man versteht mich trotzdem. Sollten mich die Leute nicht verstehen, sag ihnen einfach, dass ich während des Interviews masturbiert habe, okay?
Das werde ich, aber nun möchte ich doch mehr über euer Film-Projekt erfahren.
K: Oh ja, entschuldige. Ich habe schon in der Schule begonnen an diesem Musical zu schreiben. Es geht um ein circa 3 Jahre altes Mädchen, das die ganze Zeit masturbiert. Ihre Eltern bringen sie daraufhin zu einem Psychiater und dieser meint herauszufinden, dass das kleine Mädchen regelmäßig von ihrem Lehrer sexuell misbraucht wird. Alle Eltern, deren Kinder an der selben Vorschule wie das Mädchen sind, drehen daraufhin vollkommen durch und das obwohl der Lehrer eigentlich unschuldig ist. Jedes Kind an der Schule wird dann von dem Psychiater hypnotisiert und alle in eine Richtung gelenkt, die den Lehrer dann schlussendlich als schuldig dastehen lassen. Und das ist wirklich passiert in den 1980ern und zwar in der Vorschule, die auch ich besucht habe. Es ist also gewissermaßen eine autobiografische Geschichte. Christopher und ich haben da schon viel Recherche betrieben und dabei herausgefunden, dass der Lehrer damals wohl tatsächlich unschuldig war, aber er sitzt immer noch im Gefängnis. Das muss man sich mal vorstellen!
C: Deshalb wollen wir jetzt einen Film darüber machen, der das ganze amerikanische Rechtssystem anprangert. Es wird teils eine Dokumentation und teils ein Musical. Wir interviewen Angehörige des Lehrers und Familien, die damals involviert waren.
K: Viele dieser Familien sind heute ziemlich reich, weil sie Schmerzensgeld vom Staat in Millionenhöhe bekommen haben. Wir wollen diese Leute finden und sie darüber aufklären, dass der Lehrer eigentlich unschuldig ist.
Das hört sich nach einem sehr großen Projekt an. Wie findet ihr Zeit dazu, wenn ihr auf Tour seid?
K: Während wir auf Tour sind, betreiben wir viel Networking, schreiben E-Mails an unsere Wunsch-Interview-Partner und so weiter. Den Sommer wollen wir dann in Florida verbringen, wo die meisten dieser Leute immer noch leben und so richtig mit dem Film-Dreh beginnen.
C: Wir haben aber auch schon die Schwester des Lehrers interviewt. Sie lebt in England und ist extra zu einem unserer Gigs dort gekommen um uns ein Interview zu geben. Das war toll.
Zu etwas anderem: Wenn du ein Superheld sein könntest, was für einer wärst du gerne?
K: Das ist eine gute Frage, lass mich überlegen. Hmm, ich denke ich wäre gerne einer, der sich in ein anderes Element verwandeln könnte, wie Wasser. Das stelle ich mir ziemlich erfrischend vor im Sommer.
Abschließend würde ich gerne von dir wissen, was denn der Sinn des Lebens ist.
K: Das ist schwierig. Der Sinn des Lebens ist Balancieren zwischen Widersprüchen, oder wie heißt das nochmal?
C: Zwischen Konsequenzen?
K: Nein, ich meine Widersprüche. Ich denke da an sehr viele logische Systeme, die übereinander liegen und an mich, wie ich dazwischen balanciere. Macht das Sinn? Eigentlich will ich damit sagen, dass man offen sein sollte. Offen für die Möglichkeit, dass es zwei Realitäten gibt. George Bush zum Beispiel lebt nur in seiner eigenen Realität und sieht nicht was sonst noch vor sich geht.
Ich danke euch für das nette Gespräch.
K: Gerne. Nächstes Mal habe ich eine bessere Antwort auf den Sinn des Lebens, ich versprech’s.
...und ich wär' hier so gerne zu hause,
denn die Erde ist mein Lieblingsplanet.
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