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musik

Frisch, saftig, bayrisch: Slut!

2007-04-02 00:12:03

Ein Interview mit Rainer Schaller, Gitarrist der in Ingolstadt beheimateten Band Slut, der mit uns über seine musikalische Herkunft, über eine Slut´sche Interpretation der Dreigroschenoper und andere nette Dinge des Lebens sprach.

Mit ihrer ihrer absolut unbayrisch tönenden Musik zwischen Indiepop und Alternativerock etablierten sich die fünf sympathischen Jungs von Slut zu einem der besten deutschen Rockacts. Die Band wurde vor zehn Jahren in Ingolstadt gegründet, wo sie auch heute noch beheimatet sind, wenn auch nicht musikalisch, wie uns Gitarrist Rainer Schaller mit seinem äußerst charmanten bayrischen Akzent erzählt.
 
FM5: Ingolstadt ist ja nicht gerade L.A. oder Seattle, was jetzt Musikszene, Musikmarkt oder auch Radiosender betrifft. Wie ist es euch gelungen, euch als Rockmusiker zu etablieren, die mittlerweile bei einem Major-Label unter Vertrag sind, die bei vielen der wichtigsten Rockfestivals dabei sind, etc.?
 
Rainer Schaller: Es ist so, dass wir zwar aus Ingolstadt kommen, wir uns aber nicht von der Ingolstädter Musikszene aus entwickelt haben, sondern wir sind da schon in diesem „Weilheimer Nest“, sag ich mal, groß gezogen und groß geworden - angefangen mit dem Studio dort, mit dem Uphon-Studio, wo wir bisher alle unsere fünf Platten aufgenommen haben. Und das war eigentlich unser Glück, dass wir da schon relativ früh unsere musikalische Heimat gefunden haben, wo man Leute getroffen hat, die ähnlich denken und fühlen wie wir, und auch ähnlich hören. Und da haben wir dann fünf Platten, von denen jede für sich ein wenig unterschiedlich ist, aufgenommen. Ingolstadt war eigentlich bloß immer nur unser Wohnort. Wir meiden es auch heute noch möglichst dort zu spielen, weil es da einfach keine wirklich etablierte Szene gibt. Wir sind da die absolute Ausnahme, zusammen mit unserer anderen Pelzig (Zweitband von Rainer Schaller und Slut-Keyboarder René Arbeithuber, Anm.), und fühlen uns da nur heimisch, weil wir da herkommen, aber nicht musikalisch heimisch.  
  
FM5: Wobei ich auf Eurer Homepage gelesen habe, dass ihr am Stadttheater Ingolstadt bei der Aufführung der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht die Musik Kurt Weills in bearbeiteter Form live auf der Bühne spielen werdet. Wie ist es dazu gekommen?
 
Schaller: Dazu gekommen ist es eigentlich, dass der Chris (Neuburger, Anm.), unser Sänger, ein bisschen im Theaterwesen drin ist, weil seine Freundin als ganz junge Regisseurin am Theater in Stuttgart tätig ist. Aber in diesem Fall war es schon eine direkte Anfrage vom dortigen Intendanten vom Ingolstädter Stadttheater, Peter Rein, der die Dreigroschenoper selber inszeniert, und der hat uns quasi zum Bestandteil seiner Inszenierung gemacht. Also wir spielen als die Band Slut wirklich im Stück mit. Für uns war es eine neue Herausforderung, etwas komplett anderes zu machen, uns wieder neu zu erfinden, was ja immer so ein kleiner Anspruch ist, vor einer neuen Platte oder zu einer neuen Platte.
 
FM5: Wird es das auch auf Platte geben, oder ist das nur als Liveprojekt gedacht?
 
Schaller: Wir werden Livekonzerte machen, vornehmlich in Theatern, das ist aber alles noch nicht wirklich konkret geplant. Es wird sicher auch in Österreich Termine geben. Und mit einer Platte ist es genauso, da sind wir genauso noch im Planen. Terminlich ist es relativ schwierig, weil die Proben werden jetzt bis Ende August laufen, dann ist am 30. September Premiere, und dann sind ca. 20 Aufführungen geplant, bis in den Januar hinein. Eigentlich war unser Plan schon der, bis Ende des Jahres eine neue Platte anzugehen, und jetzt kommt uns das so ein bisschen in die „Quere“ einerseits. Andererseits dachten wir, es wäre wirklich schade, jetzt, wo wir ca. 75% der Songs neu interpretiert haben, wenn wir das nicht auch auf Platte herausbringen würden. Also wenn, wird es eh nur über unser eigenes Label laufen. Wir haben da so eine Mini-Plattenfirma, wo wir eigentlich noch nichts herausgebracht haben. Es wird also kein großes Major-Ding werden, sondern eher ein Liebhaberobjekt.
 
FM5: Und ihr interpretiert da die Musik von Kurt Weill auf „Slut-Art“?
 
Schaller: Genau, es ist schon sehr „slutig“ geworden, wobei im Vorfeld natürlich jeder Bedenken hatte, ob das überhaupt funktionieren wird. Aber mittlerweile ist sich jeder sicher. Also das funktioniert sehr gut, weil die Musik einfach sehr toll ist. Die Instrumentierung ist wirklich schwierig, „opernmäßig“, aber wir haben es bis dato geschafft, das auf Popniveau zu reduzieren. Wobei „reduzieren“ jetzt vielleicht gar nicht das richtige Wort ist. Es ist einerseits reduziert, andererseits gewinnt es dadurch auch sehr viel. Und das Ausgangsmaterial ist wirklich toll. Das sind Harmonien, wo sich jeder denkt, „wow, toll, so was habe ich noch nicht gehört“.
 
 "Wir sind keine Band, die sagt, `OK, deutschsprachige Musik ist 
  jetzt gerade aktuell, jetzt probieren wir´s halt auf Deutsch`,
 das käme in unseren Augen einem Verrat gleich."
 
FM5: Es klingt jedenfalls sehr viel versprechend. Eine andere Frage. Hattet ihr je den Wunsch, woanders Euer musikalisches Glück zu versuchen? Habt ihr z.B. jemals daran gedacht, den britischen Musikmarkt anzupeilen (Musikstil und Sprache wären ja dafür geeignet)?
 
Schaller: Ja, der Wille war immer da, auch das Interesse. Wobei, auf dem amerikanischen Markt hatten wir immer zu kämpfen mit unserem Bandnamen, muss man ganz ehrlich sagen. (lacht) Also wir konnten schon Leute gewinnen, die erst mal die Musik angehört haben, wobei ein Großteil schon immer gleich abgeblockt hat, wie sie den Bandnamen gehört haben: „Slut, was ist denn das für ein Name? Geht nicht!“. (lacht) England ist ein sehr schwieriger Markt für Musik, die ihren Ursprung eigentlich auch in England hat. Da war schon Interesse da, aber das liegt eigentlich mehr an der Struktur unserer Plattenfirma, dass da bis dato nicht mehr passiert ist, weil die sehr mächtige Dependancen in den jeweiligen Ländern haben, die immer entscheiden können, was sie machen und was nicht, und das ging bis dato immer schief. Es wurde von Platte zu Platte immer versprochen, dass es eine Veröffentlichung geben wird, das ist aber im Endeffekt immer im Sande verlaufen. Leider.
 
FM5: Apropos Musikmarkt, habt ihr eigentlich jemals in Betracht gezogen, auf Deutsch zu singen?
 
Schaller: Also was speziell Slut angeht, nie. Wobei die Dreigroschenoper uns jetzt zwangsläufig auf den Weg gebracht hat. Da existieren zwar auch englische Texte, aber die sind eigentlich blöd. Also da wird es schon so sein, dass das auf Deutsch sein wird. Aber das sind nicht unsere Texte, denn die werden nach wie vor auf Englisch sein, und so wird´s auch bleiben. Wir sind keine Band, die sich da verschränkt und sagt, „OK, deutschsprachige Musik ist jetzt gerade aktuell, jetzt probieren wir´s halt auf Deutsch“, das käme in unseren Augen eines Verrates gleich, nie und nimmer. Obwohl es natürlich viele gute deutschsprachige Bands gibt, keine Frage, aber für uns kommt das nicht in Frage.
 
FM5: Das war auch der Hintergrund der Frage, da es zurzeit sehr viele erfolgreiche deutschsprachige Bands gibt. Und mit dem Song "Why Pourquoi (I Think I Like You)" habt ihr euch ja schon mal ansatzweise ins deutschsprachige Feld gewagt.
 
Schaller: Wobei „Why Pourquoi“ ja polyglott ist, das ist nicht nur Englisch und Deutsch, sondern das ist Französisch, Englisch, Deutsch, also, das ist eher Europäisch als Deutsch.
 
FM5: Wie erklärt ihr selbst die musikalische Entwicklung Eurer Musik (vom melancholischen Pop auf „Lookbook“ zum kraftvollen Alternativerock auf dem aktuellen Album „All we need is silence“)? Und wo soll/wird es Slut stilmäßig hinbewegen? Habt ihr schon eine Vorstellung, wie eure zukünftigen Songs aussehen werden?
 
Schaller: Konkret eigentlich nicht. „Lookbook“ ist eigentlich nicht mehr so präsent in unser aller Köpfe, weil die Musik eben auch nur mit Hilfe vieler technischer Mittel entstehen konnte. Und wir haben damals schon gemerkt, dass sich das live nicht so toll umsetzen lässt. Es hat zwar auch irgendwie funktioniert, aber es ist nicht DAS Livespielen, wie wenn man z.B. Rocklieder spartanisch instrumentiert spielt. Das ist irgendwie ein anderes Gefühl, und so macht es viel mehr Spaß. Ob wir jetzt härter werden oder wieder softer, keine Ahnung. Das wird sich zeigen. Es wird auf alle Fälle wieder anders.
 
 
 "Es gibt viele Festivals, wo einem wahnsinnig viele Musiker
 einfach auf den Sack gehen, muss man ganz ehrlich sagen."
 
FM5: Im Song “All we need is silence” gibt es die schöne Textzeile (oder unschöne, wie man will) "If I had the decision I would kill all musicians". Was hat es damit auf sich?
 
Schaller: (lacht) Ja, das ist ein Satz, den wir sehr oft im Studio diskutiert haben, weil Chris, der alle Texte schreibt, hat das irgendwie so eingesungen, und da haben sich bei uns allen die Ohren aufgestellt, „Uih, das ist jetzt aber sehr weit aus dem Fenster gelehnt.` Im Endeffekt ist das nicht wirklich böse gemeint. Aber der Satz stammt schon von Festivals. Es gibt viele Festivals, wo einem wahnsinnig viele Musiker einfach auf den Sack gehen, muss man ganz ehrlich sagen. (lacht) Wobei das „all“, das muss man eigentlich streichen. Es sollte auf alle Fälle provozierend sein und auch zum Fragen anregen, aber es ist nicht so gemeint, dass wir uns jetzt vor allen Musikern abschotten wollen. So ist es definitiv nicht, aber der Satz ist schon an eine ganz spezifische Gruppe von Musikern gerichtet, die halt nur wirklich dieses Starsein heraushängen lassen.
 
FM5: Irgendwelche Namen?
 
Schaller: Nein, das wäre jetzt etwas weit hergeholt, es gibt keine wirkliche Hassband von uns.
 
FM5: Anders rum, gibt es Vorbildbands?
 
Schaller: Ja, also was Verhalten und das Wesen angeht, sind das natürlich unsere Alltime-Favoriten und großen „Ziehväter“ The Notwist.
 
Da läutet Rainer Schaller´s Handy. Die Bandkollegen rufen, denn in wenigen Minuten werden Slut live auf der Bühne stehen und ihre absolut unbayrische Musik in die Menge donnern. Dafür lassen wir ihn gerne ziehen und danken für das Interview.

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