2010-04-18 17:17:04
Kann absurdes Theater Sinn machen? Eine Aufführung von Eugène Ionescos Die kahle Sängerin durch das Reactor Theater Wien gibt darüber Aufschluss.
Eugène Ionesco war sehr erstaunt. Das Publikum der
Uraufführung seines neuesten Werkes Die
kahle Sängerin amüsierte sich prächtig, obwohl er doch eigentlich eine
Tragödie der Sprache hatte verfassen wollen. Mit Nonsenssätzen und
zusammenhangslosen Dialogen sollte die innere Leere und Banalität der
gegenwärtigen Gesellschaft vorgeführt werden, doch stattdessen kicherten die
Reihen nun über seine orientierungslosen Bühnenfiguren. Kein Mensch schien zu
verstehen, dass er dem Zuschauerraum nur einen Spiegel hatte vorhalten wollen.
Die Sinnfrage
Trotz dieses offensichtlichen Missverständnisses zwischen
dem Autor und seiner Rezipientenschar entwickelte sich Die kahle Sängerin zu einem der meistgespielten Stücke des absurden
Theaters. Die Frage nach dem intendierten Sinn Ionescos stellte sich den
folgenden Publikumsgenerationen nicht mehr. Wichtiger schien es da, das Stück
in die eigene Lebenserfahrung zu integrieren und dadurch auch dem nichtigsten
Satzfragment noch Inhalt oder eben Amüsement abzugewinnen.
Der Reactor brodelt
Auch 60 Jahre später, in einem Wiener Off-Theater ist dies
nicht anders. Verändert hat sich jedoch die Figurenkonstellation. Nicht mehr
zwei heterosexuelle Paare stürzen sich mit Inbrunst auf die scheinbare
Gegenstandslosigkeit der Handlung, sondern vier Frauen. Dies ist ein kluger
Schachzug, eröffnet er dem Stück doch einerseits weiteren
Interpretationsspielraum und andererseits auch einen spielerischen Umgang mit
Geschlechterstereotypen. Vor allem die Frage, welche Frau denn nun Herr im Haus
ist, schafft neue Bedeutungsebenen.
Musical and more
So reihen sich etwas mehr als eine Stunde lang teils
belustigende, teils nachdenklich stimmende Absurditäten aneinander, die dank
der spritzigen Inszenierung von Gregor Turecek nie langweilig wirken. Die Schauspieler
werden permanent in Bewegung gehalten; auf der Bühne passiert etwas. Bestes
Beispiel und Kulminationspunkt ist da die bewusst schlecht choreographierte
Überführung des Textes in eine Art Musicalszene. Auch das Ensemble (Ruth
Eisenreich, Martina Greiner, Bea Hägele, Carolina Müller) schlägt sich trotz
des einen oder anderen Verhasplers wacker und schafft es, dem schwierigen
Inhalt Substanz zu verleihen.
Die Sinngebung
Ganz abseits des eigentlichen Stücks wird so noch eine andere Sache klar: Nicht ein großer Etat, sondern Begeisterungsfähigkeit schafft gutes Theater. Und das muss immer der Anspruch sein. Dafür lassen sich auch einmal unbequeme Stühle und unangenehm kalte Temperaturen in Kauf nehmen. Übrigens: Die kahle Sängerin trägt immer noch die gleiche Frisur. Begutachten kann man diese am 20., 23. und 24. April. Wenn das mal keinen Sinn macht!
Nobody knows the trouble I've seen.
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