2011-10-25 12:17:46
Ein Jahr in Spanien zu verbringen, wünschen sich viele, so auch Paul. Sein Wunsch geht in Erfüllung, aber kommt alles wie erwartet? – Von Cristina Silvares de Dios
Sonne, Meer, Sangría und Paella, das war das Bild, das Paul von Spanien hatte, und deshalb wollte er unbedingt ein Jahr in diesem Land verbringen. Er hatte das deutsche Wetter satt und wollte wenigstens ein Jahre unter spanischer Sonne verbringen.
Als Student war es die beste Option, ein Erasmusstipendium zu beantragen. Das Problem war, dass Spanien ein sehr beliebtes Land ist und es nicht viele Plätze an spanischen Universitäten gab, wodurch Paul viele Konkurrenten hatet. So schrieb er alle spanischen Universitäten auf, ohne zu bedenken, dass nicht alle im Süden oder an der Küste waren.
Doch nicht wie erwartet?
Die Tage vergingen voller Vorfreude und nach
ein paar Wochen hängte man die Liste der Stipendiaten an das Schwarze Brett.
Paul träumte schon von Paella und Meer das ganze Jahr lang, ein Jahr ohne Kälte
und Regen. Aber als er sich in der Liste sucht, erlebt er eine Überraschung:
Was steht denn da? Santiago was? Santiago de Compostela? Wo liegt das denn?
Dieser Name kam ihm überhaupt nicht bekannt vor. War das auch sicher in
Spanien?
Als er nach Hause kam, und in Google Santiago
de Compostela eingab, sah er, dass es doch in Spanien lag, aber nicht an der
Mittelmeerküste oder im Süden, sondern im Norden, an der Westküste. Meer gab es
dort nicht, aber es war nicht weit entfernt. Paul war nicht begeistert, er
wollte ja unbedingt nach Valencia, Barcelona oder Málaga. Santiago hörte sich
nicht so spannend an, aber na ja, es war ja doch in Spanien, also schönes
Wetter und Paella würden sie sicher auch haben.
Das Jahr beginnt
Der Sommer verging schnell und Ende September
nahm Paul ein Flugzeug nach Santiago. Das Leben in Spanien begann. Er hatte
nicht viel Gepäck, denn den Wintermantel und den Regenschirm hatte er ja zu
Hause gelassen. Den würde er in diesem Jahr kaum brauchen.
Als er endlich in Santiago ankam, überraschte ihn der Regenschauer. Nanu, es regnet ja? Paul konnte es kaum glauben. Wie konnte das nur möglich sein? Habe ich das deutsche Wetter mitgebracht? Nein, natürlich hatte Paul das deutsche Wetter nicht mitgebracht. Der Regen war schon immer da gewesen und er würde noch eine Weile da bleiben, denn Santiago ist die Stadt Spaniens in der es am häufigsten regnet.
Danach nahm er den Bus und fuhr in die Stadt. Das erste, das ihn überraschte war die Landschaft, viel grüner als er gedacht hatte. Und die Leute, die mit ihm fuhren, was sprachen die? Es hört sich an wie Spanisch und gleichzeitig doch nicht.
Eine halbe Stunde später kam Paul in der Wohnung an, sie war nicht so einfach zu finden, er musste mehrmals fragen. Als er oben war, begrüßten ihn seine Mitbewohner Pablo und Fernando. Die beiden waren Spanier und studierten an der Universität. Nachdem Paul sich eingerichtet hatte, fragten ihn Pablo und Fernando, ob er mit ihnen pinchos essen wollte. Pinchos? Ach tapas! Natürlich sagte Paul ja, die wollte er schon immer probieren.
Sie verbrachten einen tollen Abend. Paul erfuhr ein bisschen mehr über Santiago und Galicien. Sie erzählten ihm, dass das, was er im Bus gehört hat, Galicisch sei, eine offizielle Sprache neben dem Spanischem. Sie erklärten ihm auch, dass er sich an den Regen gewöhnen sollte, denn es regnete sehr oft, vor allem im Winter, und dass es manchmal auch schneie.
Paul war ein bisschen enttäuscht, dass war
nicht sein Bild von Spanien. Ans Meer konnte er natürlich fahren, aber im Meer
schwimmen zu dieser Jahreszeit, dafür war es zu kalt. Er müsste schon bis
Anfang Juni warten. Und Paella, natürlich war es ein spanisches Gericht, aber
viel üblicher an der Ostküste als ihn Galicien. „Aber keine Sorge, Paul“, sagte
Fernando, „dafür haben wir hier die besten Meeresfrüchte. Du wirst dich schon
an Santiago gewöhnen, und wenn du danach wieder nach Deutschland fährst, wirst
du auch noch morriña haben.“ Was das wohl bedeutet?, fragte sich Paul.
Wieder zurück nach Deutschland?
An diesem Abend konnte Paul nicht schlafen, er
war ganz durcheinander, er hatte sich so auf Spanien gefreut, und jetzt war
alles anders als er gedacht hatte. Sollte er vielleicht zurück nach Deutschland
fliegen? Oder doch lieber bleiben?
Die Zeit verging und Paul entdeckte, dass es eigentlich
doch nicht so schlecht war in Santiago. Die Stadt war klein aber voller
Studenten, es gab auch viele Erasmusstudenten, die sich am Anfang ebenfalls wie
Paul fühlten. Paella hatten sie hier nicht, doch dafür hatten sie „octopus
to the party“, ein typisches galicisches Gericht, das mit Oktopus,
Paprika, Salz und Olivenöl zubereitet wurde. Sie hatten keine Sangría aber
dafür licor café, ein starker Likör aus Kaffee, der einen immer warm
hielt. Und als er mal an die Küste fuhr, war er sehr überrascht. Es gab kleine
und groβe Buchten, das Meer hatte groβe Wellen, es war viel wilder und
natürlicher und an den Stränden gab es kaum Hotels oder Appartements. Er
gewöhnte sich auch an den Regen. Der Regen gab der Stadt Santiago vor allem in
der Altstadt einen speziellen Schimmer. Die Kathedrale sah viel schöner aus,
wenn sie nass war. Die Kathedrale Santiagos mit ihren groβen Türmen, die man
schon von weitem sah, beeindruckte Paul sehr.
Und am Ende...
Das Jahr verging zu schnell für Paul. Er
musste wieder zurück nach Deutschland. Es war ein Jahr mit wenig Sonne, ohne
Strand und kaum Sangría. Jetzt hatte er ein neues Bild von Spanien. Und wie es
ihm Pablo schon vorhersagt hatte, fühlte er jetzt auch ein bisschen Heimweh -
das, was die Galicier morriña nennen.
Muttersprache Spanisch, aber germanophil: Studierende der Universität Salamanca (Germanistik/Übersetzung) haben sich unter der Koordination der OeAD-Lektorin Romana Radlwimmer und der DAAD-Lektorin Alma Dreyer zu einer FM5-Auslandskorrespondez-Stelle zusammengeschlossen, um aus spanischer Perspektive über Aktuelles und Universelles zu berichten.
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