Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

musik

Fotos – Trennung, Entfremdung und der Kampf gegen die Alltagsmühle

2007-04-02 00:11:30

Die aus Deutschland stammenden Newcomer Fotos wirbeln im Moment mit ihrem selbstbetiteltem Debütalbum viel Staub unter den Indie-Stammtischen auf.

Die aus Deutschland stammenden Newcomer Fotos wirbeln im Moment mit ihrem selbstbetiteltem Debütalbum viel Staub unter den Indie-Stammtischen auf.

Der Lift der Wiener EMI-Zentrale brauste vom 2. Stock in das Erdgeschoss. Als die Tür aufging, erstreckte sich vor mir ein riesiger Raum, in dem das Interview mit Tom Kessler − seines Zeichens Gitarrist und Sänger von Fotos − stattfinden sollte. Fotos, das ist eine Band, die zurzeit als DIE deutsche Indie-Formation der Stunde in aller Munde ist. Währenddessen ich noch meine mitgebrachten Unterlagen ordnete, ließ sich Tom neben mir auf der Couch nieder, stellte sich vor und verschlang eines der vielen bereit gestellten, köstlich belegten Brote. Dieses Imbiss schien er auch dringend zu benötigen, denn er machte aufgrund der bereits absolvierten Sprach-Kilometer einen (verständlich) müden Eindruck. Der Grund für diesen Interview-Marathon war das selbstbetitelte und am 29. September veröffentlichte Debütalbum der deutschen Jungspunde.

Gefunden haben sich die aus unterschiedlichen Orten Deutschlands stammenden Jungs vor rund einem Jahr in Hamburg: „Wir haben uns alle auf der Hochschule für Musik und Theater beim Kontaktstudiengang Popularmusik kennen gelernt.“ Danach ging alles sehr schnell: Die ersten beiden Singleauskoppelungen „Komm zurück“ und „Giganten“ sowie die dazu gehörigen Videos wurden von den Medien Radio und Fernsehen ziemlich häufig rauf und runter gespielt. Das alles ließ den Bekanntheitsgrad der Band ordentlich steigen. Jetzt bewegen sich Fotos auf einem Level, auf dem bereits folgendes eintritt: vergessene Bekanntschaften von anno dazumal tauchen plötzlich wieder aus dem Nichts auf und wollen wissen, wie es einem denn so geht.
Diese Entwicklung kam für Tom auch unerwartet: „Es war alles eine Überraschung für uns: Zum einen sind da die vielen Plattenfirmen, die uns signen wollten, zum anderen, dass wir mit der Platte so schnell raus gekommen sind und jetzt auch schon auf MTV laufen. Für uns ist das Jahr bislang einfach unglaublich − wir sind alle total paff.“

Aufgenommen wurde das Album binnen zehn Tagen mit der Unterstützung von Produzent und Musiker (bei Paula) Berend Intelmann. Auf die Frage, warum die Wahl denn gerade auf Berend fiel, antwortet Tom: „Er ist einfach ein Freund von uns. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir auch – abgesehen von zwei, drei anderen – keine anderen Produzenten. Und da wir uns so gut verstehen, haben wir beschlossen, dass wir die Platte zusammen aufnehmen.“ Für die inhaltliche und musikalische Gestaltung der 10 Songs des Albums ist zum größten Teil der 22jährige Tom verantwortlich. Als Mastermind der Band will er sich aber nicht bezeichnen. „Wir haben zusammen noch einmal alle Songs bearbeitet und teilweise neu arrangiert“, so Tom in bestimmenden Tonfall und fügt hinzu: „Ohne die Jungs wäre die Platte nicht so wie sie ist.“

Die Texte vermitteln Erlebnisse, die so klingen, als würden sie direkt − und ohne große Reflexion − aus der Vergangenheit abgeleitet worden sein. Sie erzählen von „einer Zeit zwischen meiner Jugend und einem Neuanfang als Erwachsener. Ich habe einfach zurückgedacht an meine Schulzeit, das Aufwachsen in einem kleinen Dorf. An Freunde, von denen ich dachte, dass sie welche sind und an Beziehungen, die einfach nicht funktioniert haben. Daraus haben sich dann die Thematiken des Albums ergeben: Trennung, Entfremdung und die Beschwerde über die Alltagsmühle.“

Transportiert werden die Inhalte der Songs durch die teils im Sprechgesang, teils geschrieenen, aber nie aus den Ufern geratende Stimme von Tom Kessler. Das rundum aufgebaute Rhythmusgerüst wirkt auf das Notwendigste reduziert. Mit zappeligen Gitarren, einem dynamisch gespieltem Schlagzeug und dem gurgelndem Bass injizieren Fotos den Songs eine rohe und höllisch-treibende Intensität. „Wir versuchen elektronische Musik mit einer Gitarrenband umzusetzen, dass die Leute bei Rock-Konzerten wieder tanzen und nicht nur stumpf da stehen und mit dem Kopf nicken.“ Dieses Vorhaben gelingt Fotos mit ihrem Debüt auf beeindruckende Art und Weise. Mit Songs wie „Komm zurück“, der von Toms nicht lange andauernden, ersten Liebe erzählt oder „Wiederhole deinen Rhythmus“, mit welchem vorgeführt wird, „dass die Vorstellung, dem immer wieder kehrenden Alltag zu entfliehen, eskapistisch wäre. Das wirklich Wichtige ist dabei gegen ihn zu arbeiten und trotzdem zu funktionieren.“ Fotos verweben auf ihrem Debüt Tanzbarkeit mit Gedanken voller Sehnsüchte, Gefühle und Ängste, ohne jedoch dabei nur eine Sekunde lang platt und/oder kitschig zu wirken. Herrlich, die Vorstellung, man könnte seinen Problemchen so einfach aus dem Weg tänzeln.


Printer Icon



AutorInnen

Marco Weise

Marco Weise

Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.

Newsfeed Icon Newsfeed von Marco Weise abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop