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Fleischhacker: "Parteien sind mir wurscht"

2008-11-05 20:31:35

  • Michael presse Fleischhacker
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Michael Fleischhacker ist seit 2004 Chefredakteur bei der Presse. Mit FM5 sprach er über die aktuelle Pressekampagne, Freie Medien und über seine Einstellung zur Politik.

FM5: Josef Hader hat einmal gesagt, dass er die Furche liest, weil er „nicht immer das lesen will, was er eh schon denkt“. Ein Plakat der neuen Presse- Kampagne hat den Slogan „Sie müssen uns ja nicht mögen. Solange Sie uns lesen.“ Auf wen zielt das ab und wieso glauben Sie, dass Leute das machen?

Michael Fleischhacker: Das zielt auf Leute ab, die eine Zeitung nicht nur lesen wollen, weil sie dort bestätigt kriegen, was sie eh schon denken. Sondern die vielleicht auch eine Zeitung lesen wollen, die andere Sichtweisen hat. Das ist so gesehen eine ganz normale Marketing-Strategie. Aus den Medienanalysen wissen wir, dass es bei den Abonnenten sehr hohe Zufriedenheitswerte gibt, aber dass wir bei den Randlesern, die die Presse nicht täglich lesen, sinkende Kapazitäten haben. Deshalb zielt die Kampagne darauf, Leuten zu sagen: „ Passt’s auf, ihr müsst nicht Stammleser werden, ihr müsst’s die Presse nicht mögen- aber es ist interessant, andere Sachen, als die, die die eigene Meinung bestätigen, zu konsumieren.“

Ist es nicht gewagt, eine Personenkampagne mit dem Chefredakteur zu führen?

Sicher ist es gewagt und es wird auch kritisiert. Es ist ja auch gar nicht so lustig sich so auszusetzen. Ich würde sagen, handwerklich- technisch funktioniert die Kampagne. Viele Leute aus der Werbebranche sagen, dass es ein entscheidendes Erfolgskriterium ist, wenn eine Kampagne persifliert und verarscht wird. Dann hat sie’s geschafft. Und nachdem der Standard eine eigene „hate-page“ für mich eingerichtet hat, auf der die Leute aufgefordert werden andere Sujets für mich einzuschicken, scheint es zu funktionieren. Auch Armin Thurnher hat die Werbung im Falter nachgemacht. Mit einem größeren Pflaster und richtig viel Blut.

Die Presse wird gern als ÖVP-nahe Zeitung tituliert. Sehen Sie das auch so?

Da sollte man mal ÖVP-Politiker dazu befragen. Uns ist dieses Image egal. Ich kann nichts dafür, dass Leute behaupten, wir sind ÖVP-nahe. Es ist mir auch vollkommen egal. So wie mir alle Parteien gleich wurscht sind, ist mir egal, als ÖVP-nahe Zeitung zu gelten. Ich habe in den Tagen nach der Wahl zehn Abbestellungen gehabt wegen inhaltlichen,  ideologischen Gründen.  Die Hälfte hat gesagt, die Presse „sei für sie nicht mehr zu lesen, denn sie war einmal eine bürgerliche Zeitung. Jetzt ist sie nur mehr links und SPÖ. Ich bestelle ab.“ Die anderen fünf haben geschrieben, sie halten die übermäßige ÖVP-Berichterstattung nicht mehr aus. Wenn mir das nicht wirklich egal wäre, könnte ich mich jeden Tag umbringen.
50 Prozent regen sich auf, weil ich angeblich zu links bin und 50 Prozent regen sich auf, weil ich zu rechts bin.

Sie treten für das Mehrheitswahlrecht ein. Das hätte auch Auswirkungen auf das Parteiensystem. Kleinparteien wie die Grünen oder das BZÖ wären gar nie ins Parlament gekommen.

Ich würde diese Parteien dort überhaupt nicht vermissen. Parteien sind mir wurscht. Mir geht es dabei um zwei Sachen. Erstens, dass die Parteien, die es gibt, automatisch andere demokratische Rekrutierungsverfahren haben müssen, wenn es das Mehrparteiensystem gibt. Zweitens, dass man Verantwortung hat und dass es Mehrheitsbildungen erleichtert. Dass ich weiß, ich kann eine Regierung auch wieder abwählen. Darum geht’s mir. Und wenn das zur Folge hat, dass es die Grünen nicht mehr gibt, stört es mich auch nicht. Denn die passen wunderbar an den ökosozialen Flügel der ÖVP und der Rest passt an den austro-marxistischen  Flügel der SPÖ. Das gäbe zwei große Parteien, die interessante Flügel haben, die jetzt Splitterparteien sind. Das würde mich nicht stören.
In meinem Lieblingsmodell, dem Britischen, gibt es die kleinen Parteien gar nicht mehr.

Die Online-Presse hat einen Relaunch gemacht und sich verändert. Sie sagen auch, dass der Online-Sektor wichtig ist. Wir haben auf sozialen Plattformen wie Xing, Facebook oder Myspace recherchiert und nichts über Sie gefunden. Sind Sie kein Fan von „social- networking“?

Ich bin da eher aus der oldfashioned Bibliotheken-Generation. Aber ich bin seit zehn Jahren dabei,  mit den digitalen Medien mitzukommen. Das einzige, worauf ich mich wirklich eingelassen habe, ist mein Blog. Das ist relativ aufwendig, ich investiere viel Zeit da rein und auch in den Dialog mit Usern. Damit bin ich neben meiner sonstigen Arbeit ausgelastet.

Die Presse bekommt Medienförderung. Warum braucht eine Zeitung wie ihre Förderung? Widerstrebt das nicht eigentlich der wirtschaftsliberalen Ausrichtung dieses Blattes?

Ja, es widerstrebt der wirtschaftspolitischen Ausrichtung. Ich bin ja auch gegen die Presseförderung. Ich würde sie auf der Stelle abschaffen.

Für alle?

Für alle. Wenn im Gegenzug Marktbedingungen herrschen. Wenn das Preismonopol der Post in der Zustellung, dort wo man keine eigene Hauszustellung aufbauen kann, nicht mehr da ist. Die Presseförderung ist ja eine Vertriebsförderung, sozusagen der Ausgleich, den der Staat den Medienunternehmen gibt dafür, dass er sie in ihrer Postenkalkulation durchs Postmonopol beschränkt.

Wie stehen Sie dazu, dass die GIS- Gebühren, zumindest in Wien, auch dazu benutzt werden, um Altstadtsanierungen durchzuführen?

ORF-Gebühren sollten ORF-Gebühren sein. Dass, was man mit diesem so genannten  „Kulturschilling“ in den vergangenen Jahren gemacht hat, ist typisch österreichisch. Ich würde es das „Mörbisch- Prinzip“ nennen. Man finanziert sich mit der allgemeinen Rundfunk Abgabe die „Operettenligalandespolitik“.

Die Presse unterstützt das Onlinemagazin Chilli.cc. Auf der Homepage wird die Presse aber nicht als Partner angeführt. Dennoch haben sie in ihrem Gebäude Büros und exklusive Vermarktung über die Presse. Will man das verschleiern?

Nein, überhaupt nicht. Es geht eher ums Gegenteil. Sicherlich ist es einer der Hauptgründe, dass Chilli sich für eine Zusammenarbeit mit der Presse entschieden hat, weil wir ihnen Unabhängigkeit gewährleisten. Eine Präsenz von der Presse wird es nämlich nur dann geben, wenn es den Betreibern von Chilli passt.

Warum hat man sich für Chilli.cc entschieden? Was hat Chilli so attraktiv gemacht?

Zum einen, weil Chilli sonst aufgehört hätte. Und zum anderen bin ich davon überzeugt, dass sie Qualität machen. Sie haben zum Beispiel immer eine sehr gute Interviewqualität geliefert. Das kann ich, als von denen auch einmal Interviewter, sagen. Wenn man interviewt wird, und dann sieht was draus gemacht wird, kriegt man ja doch einen unmittelbaren Eindruck davon.

Wie ist Ihre Einstellung zu Freien Medien? Wie könnte man ihnen helfen?

Ich finde freie Medien wunderbar. Ich würde ihnen den Rat geben, frei zu bleiben und sich nicht unter dem Unterstützungsdeckmäntelchen der Abhängigkeiten zu begeben, die dann die Freiheit beenden. Damit meine ich die öffentliche Hand. Das, was die etablierten Medien tun können, ist, Freie Medien wie ihresgleichen zu behandeln, ihnen eine Öffentlichkeit zu geben und sie Ernst zu nehmen, auch als Mitbewerber. Das tut die Presse sicher derzeit relativ wenig. Sicher weniger als der Standard. Das hat einfach damit zu tun, dass wir in unserer relativ langen Tradition an institutionellen Dingen hängen. An der Gewohnheit, sich in der Berichterstattung eher am Establishment und an den Institutionen zu orientieren. Das geht von der Politik über die Wirtschaft bis in den Medienbereich.

Nennen Sie uns drei Gründe, warum gerade wir die Presse lesen sollten.

Erstens, als intensiver Mediennutzer digitaler Medien braucht man von den Printmedien keine Nachrichten mehr, sondern Hintergründe. Dieser Strategie folgt derzeit von den österreichischen Tageszeitungen keiner so konsequent wie wir. Zweitens sollte man die Presse lesen, weil es nicht verkehrt sein kann, ökonomischen Sachverstand anzuhäufen. Und dass kann man nirgends so gut wie in der Presse. Drittens glaube ich, dass es derzeit in keiner österreichischen Tageszeitung soviel Meinungsvielfalt gibt.

Vielen Dank für das Interview.

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