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Flaschenpost – Party in Kapstadt

2008-03-30 21:28:31

Nehmen wir an, unser Planet ist ein lebendes Wesen und Musik hätte die Funktion von Blut. Hauptschlagadern sind dann Plätze wie New York, London, Hongkong, Sydney. In diesem Text geht es um Kapstadt.

Die Stadt hat viele Namen: Cape Town sagt man in Großbritannien, in Spanien Ciudad del Cabo und in Frankreich hört man la Ville du Cap. In Südafrika selbst wird Kapstadt scherzhaft Slapstad genannt: die schlafende Stadt. Unter der Woche pulsierendes Treiben auf den Straßen und Märkten. Touristen mit Kameras und Obdachlose schlendern umher, Menschen beim Einkaufen oder Verkaufen und lautstarke Gespräche prägen das Leben. Doch am Wochenende spaziert man durch verlassene, schlafende Lebensräume. Es ist der gleiche Hintergrund: Die Straßen und Fassaden, die Bäume und Straßenschilder nur jetzt (fast) ohne Menschen.

Das Nachtleben zeigt die gleiche Ambivalenz: Dicht gedrängt und ausgelassen, verschwitzt mit Alkohol, lauter Musik und zu unserer Sicherheit patrouilliert Polizei auf den Straßen. Außerhalb dieser Bereiche finden sich dunkle Gassen mit finsteren Gestalten. Gebiete die nachts plötzlich ganz anders aussehen.

Die Musik-Szene in Kapstadt unterliegt einer Art natürlicher Rassentrennung. (Selbstverständlich wird niemand ausgeschlossen, schon gar nicht wegen der Hautfarbe!) In jedem Club oder Lokal tendiert immer eine auffallend starke Mehrheit der Besucher zu einer bestimmten Hautfarbe. Der Ausschlaggebende Faktor ist meisst die Musik: Rock wird von den Weißen bevorzugt, Hip-Hop von den Schwarzen. Die reale Gliederung fällt natürlich viel feiner aus als nur in Schwarz und Weiß. (Und auch feiner als nur in Hip-Hop und Rock.) Neben unterschiedlichen Gruppen von Afrikanern gib es noch Malaien, Inder und Deutsche um nur ein paar zu nennen.

Diese Unterscheidung der Farbe und Herkunft mag für Europäer rassistisch klingen. Hier ist es Teil der Kultur und des Alltags (ohne Rassismus). Das Ursprungsland, die Hautfarbe, die Religion, das alles sind Teile vieler unterschiedlicher Szenen, Cliquen und Gruppen. Diese Vielschichtigkeit wirkt sich auch auf die gesamte Kultur Kapstadts aus. Diese besteht aus mindestens genau so vielen Farben wie die Bewohner.

Für europäische Verhältnisse ist die Szene in Kapstadt langweilig und höchstens für Touristen interessant. Die populärsten einheimischen Bands spielen einheitlich langweilige Rockmusik wie wir sie von Nickelback kennen. Internationale Größen treten so selten auf, dass wenn mal einer da ist, wie Celine Dion, alle hingehen, weil es was Besonderes ist, und nicht unbedingt weil sie die Musik mögen.

Natürlich gibt es auch eine „alternative“ Szene, die sich vor der europäischen nicht verstecken braucht, (auch wenn es nicht einfach ist, sie vor Ort zu finden). Besonders im elektronischen Bereich ist Kapstadt (und Umgebung) herausragend: Die Auswahl ist groß, die Veranstaltungen zahlreich und von unglaublich guter Organisation. Doch die gesamte (independent) Szene ist aus verschiedensten Gründen längst nicht so groß, wie man mit dem Namen der Stadt verbindet. Zum einen gibt es keinerlei Unterstützung (außer von kommerzieller Seite): Bildung und Medizin sind natürlich wichtiger als Rand-Kultur. Zum anderen gibt es für Clubs und Lokale andere Qualitätskriterien: Die billigsten, kulturell attraktivsten Standorte, abseits der Partymeile, sind nachts auch die unsichersten Gegenden, die man nicht einfach so zu Fuß erreicht.

Im Vergleich zur Größe (fast 2,5 Mil. Einwohner), erwartet man mehr von Kapstadt. Vielleicht liegt es an der Armut, da sich viele eine Szene wie wir sie kennen nicht leisten können. Vielleicht auch an der Vergangenheit, war doch jede politisch kritische Kultur vor 1990 verboten. Mit ein Grund ist auch die Stadt-Struktur. Es gibt ein kleines Zentrum umgeben von weitläufigen Vorstädten, was den Ballungsraum stark verflacht. Die Bevölkerungsdichte ist dadurch viel geringer: Auf einem Quadrat-Kilometer leben drei mal weniger Menschen als in Wien!

Wäre unser Planet wirklich ein Körper und wäre Musik wirklich Blut, dann ist Kapstadt so etwas wie eingeschlafene Füße, oder wie man in Südafrika sagen würde: Slapstad.

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AutorInnen

Christian Nekowitsch

Christian Nekowitsch

"Wenn es möglich ist, ein Wort zu streichen - streiche es." George Orwell

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