Anlässlich der Preisverleihung des Bruno-Kreisky Preises kam der weltbekannte Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas nach Wien. In seiner Dankesrede sprach er unter anderem vom Austromarxismus, der Rolle des Intelllektuellen und der EU-Verfassung.
Am Abend des 9. März weilte der bekannteste Philosoph der Gegenwart - Jürgen Habermas - in Wien. Der Anlass: die Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für sein Lebenswerk durch das Renner Institut. Die Laudatoren im großen Festsaal der Universität waren Alfred Gusenbauer und der EU-Parlamentarier Hannes Swoboda. Als Ehrengäste waren Altbundeskanzler Franz Vranitzky und die Witwe des ermordeten serbischen Ministerpräsidenten und Habermas-Schülers Zoran Djindjic geladen. Im gutbesetzten, prunkvollen Festsaal drängten sich vor allem grauhaarige Männer mit Brille und Sakko; in der Gaderobe stapelten sich die Fellmützen. Aber auch einige StudentInnen sowie ein eher peinlicher SPÖ-Schal hatten sich zur Preisverleihung verirrt. *
Laudatio
Sowohl Gusenbauer als auch Swoboda hielten sich bei ihren Laudationen angenehm zurück und ließen die Parteipolitik draußen. Gusenbauer würdigte vor allem die bedeutende Rolle Habermas' in der politischen Öffentlichkeit und erinnerte an seine zahlreichen Interventionen in politische Diskurse. Er würdigte die „epochalen Leistungen“ des Preisträgers und zählte ihn zur „seltenen Spezies des öffentlichen Intellektuellen“. Die Rolle des Intellektuellen zog sich – wohl nicht zufällig – durch alle drei Reden an diesem Abend. Aufhorchen ließ Gusenbauer, als er Habermas die „Weiterentwicklung der Kritischen Theorie“ zuschrieb, allerdings mit dem ironisch-relativierenden Nachsatz: „wenn man so will“.
Hannes Swoboda hielt seine Rede als Vorsitzender der Jury und berichtete von der „ungewöhnlich schnellen Entscheidung“ dieses Jahres. Auch er lobte das Engagement des deutschen Philosophen und besonders dessen „Begeisterung für das Projekt Europa“. Besonders bezog er sich in seiner Laudatio auf aktuelle Probleme und Ereignisse wie den Karikaturenstreit, die EU-Verfassung oder den Niedergang des Sozialstaates.
Steigendes Niveau
Während der Preisverleihung selbst war Jürgen Habermas die große Freude auch aus der siebten Reihe anzusehen. Lachend stand er zwischen Swoboda und Gusenbauer und posierte halbernst mit der überreichten Urkunde, und bestätigte somit, ohne „Dünkel und Attitüde des Meisterdenkers“ (Gusenbauer) zu sein.
Die Dankesrede war erfrischend abwechslungsreich und anspruchsvoll und begann mit einer Auseinandersetzung mit dem Austromarxismus, bei dem sich Habermas für „entscheidende Denkanstöße“ bedankte.
Nach dieser Einleitung sprach er über die Rolle des Intellektuellen, und ließ sich auch dabei nicht auf ein tieferes Niveau locken. Nicht allein die Namen die dabei fielen, ließen auf die tiefgehende und vielseitige Bildung dieses Mannes schließen. Dass sich Habermas in der Rolle des Intervenierenden Intellektuellen sieht – und damit in Tradition zu Sartre, Bourdieu, Foucault oder Gruppe 47 – zeigt sich auch an seinem praktischen Handeln, dass ihn zum bedeutendsten lebenden Intellektuellen Europas gemacht hat. Bei seinem politischen Urteil kann sich der Intellektuelle aber irren, wie Habermas – auf Sartre anspielend – natürlich bewusst ist und „der Spürsinn für’s Relevante auch grässlich entgleisen“.
Gefallener Engel der Linksradikalen
Von der radikalen Linken hat sich Habermas nach seiner Zeit am Frankfurter Institut für Sozialforschung rasch entfernt, und gilt ihr wegen seines „Verrats“ an der Kritischen Theorie und seiner Distanzierung von der radikalen Studentenbewegung (unter Rudi Dutschke u.a.) als liebster Prügelknabe. Spätestens mit seiner (oft schwer zu verstehenden) Begeisterung für die EU ist Habermas in den Augen vieler zu weit gegangen und hat für die heutige Jugend jegliche Faszination verloren, während ihn die bürgerlich-sozialdemokratische 50+ Generation für sich entdeckt hat. An seine Stelle traten die Klassiker wie Marx, Adorno, Foucault und Bourdieu oder ihre aktuellen „Nachfolger“: Michael Moore, ATTAC, Noam Chomsky, Jean Ziegler, etc.
Dass dieser Mann einem aber auch dann viel zu sagen hat wenn man nicht immer seiner Meinung ist, hat er an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen.
* Für das Hinweisen auf den SPÖ-Schal und die Fellmützen vielen Dank an Dominik H.