2010-04-30 10:31:41
Wer auf krachende Gitarren und fliegende Haare steht, wird diesen Film lieben. Wer nicht, ebenso. Denn die Rockumentary Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft zeigt das wahre Leben. Und dem kann sich keiner entziehen.
Es ist die Authentizität, die vielen Dokumentarfilmen
abhanden gekommen ist. Seit Michael Moores Welterfolg Bowling for Columbine hat sich eine neue, subjektiv polemisierende
Betrachtungsweise in diesem Genre breitgemacht, die vor allem eins bewirkt:
eine Dramatisierung der Wirklichkeit, wie man sie bisher nur aus Spielfilmen
kannte. Anvil! die Geschichte einer
Freundschaft hebt sich da wohltuend ab.
Es gibt keine bessere
Fiktion als Realität
Denn obwohl es zweifellos möglich gewesen wäre, geht es
Regisseur Sacha Gervasi nicht darum, sein Dokumentationsthema durch provokante
Interviews, bewusst herbeigeführte Konfrontationen oder eine Politisierung
spannender zu gestalten. Er bleibt stets in der Rolle des Beobachters, der sich
darüber im Klaren ist, dass die besten Geschichten vom Leben selbst geschrieben
werden. Und Anvil ist ohne Frage eine
solche.
Who the fuck is Anvil?
Aber wer oder was ist denn bitte schön Anvil, wird sich jetzt sicherlich schon mancher Leser gefragt
haben. Die Antwort: Anvil (engl. „Amboss“) ist eine kanadische
Heavy-Metal-Band. Sie gilt heute als einer der Vorreiter des Speed Metal, der
in den frühen achtziger Jahren ins Rollen kam (Quelle: Wikipedia). Doch auch
heute noch sind die Musiker, mit nunmehr über 50 Jahren und ersten kahlen
Stellen in der prächtigen Lockenmähne, auf den Bühnen der Welt unterwegs.
Klasse statt Masse
Dumm nur, dass es sich dabei zumeist um sehr kleine Bühnen
handelt und die Zuhörerzahl häufig zwischen 5 und 50 pendelt. Anvil hat den Durchbruch nie geschafft, glaubt
aber noch immer mit ganzem Herzen daran. Da kann auch eine verkorkste
Europatournee mit einer leidenschaftlichen, aber völlig überforderten Managerin
nichts ändern. Zwischen vergessenen Zugtickets und der Suche nach
Veranstaltungsorten, hat die Band tatsächlich noch so etwas wie Spaß. Trotzdem
steht am Ende wieder einmal der finanzielle Supergau, für den mutmaßlich der
gesamte Jahresurlaub geopfert wurde.
Musik, Arbeit und
Familie
Denn von ihrer Musik allein können sich die Bandurgesteine
Steve Lips Kudlow und Robb Reiner
nicht ernähren. Schließlich haben sie Frau und Kinder zu versorgen. Und wären
da nicht die Geschwister, die immer mal wieder Geld zuschießen würden, wäre Anvil sowieso schon längst Geschichte. Denn
auch wenn sich manches Familienmitglied über die Erfolglosigkeit der Band mokiert
und das Projekt für gescheitert erklärt, wird doch deutlich, dass es vor allem
die Verbundenheit der Anverwandten ist, welche die Musiker überhaupt am Laufen
hält. Ohne Rückhalt geht es einfach nicht.
Metal und Tränen
Letztendlich ist dieser Film auch deswegen nicht als Bandbiographie,
sondern als Gesellschaftsstudie zu verstehen. Er handelt von Menschen, die den
Mut dafür aufgebracht haben einen Traum zu leben, der wahrscheinlich nie in Erfüllung
gehen wird. Denn auch nach 30 Jahren glaubt Anvil noch immer an den großen Erfolg. Ohne wenn und aber. Dass das alles andere als einfach
ist, zeigt sich in vielen Szenen, in denen die Metaller Tränen in den Augen
haben, weil sie trotz aller Leidenschaft immer wieder auf dem harten Boden der
Realität landen. Aber aufgestanden sind sie immer wieder, auch wenn die
Konzerte schlecht besucht waren, die Nacht auf dem Flughafen verbracht werden
musste oder sich kein Label für die neue CD interessierte, für deren Produktion
das Eigenheim verpfändet wurde. Das ist die Realität und genau das ist es auch,
was Dokumentationen zeigen sollten. Kein Wunder also, dass Michael Moore Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft als den besten Dokumentarfilm seit Jahren bezeichnet hat.
Kinostart: 21. Mai
Nobody knows the trouble I've seen.
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