2008-02-21 20:14:57
Die Initiative FairPlay wurde 1997 anlässlich des EU-Jahres gegen Rassismus ins Leben gerufen. FairPlay führt seither gemeinsam mit Verbänden, Vereinen, Fanclubs etc. zahlreiche Aktivitäten gegen Diskriminierung im Fußball bzw. im Sport durch.
Seit mehr als zehn Jahren fühlt sich die Initiative FairPlay dem bedingungslosen Kampf gegen Rassismus und jeglichen Formen von Diskriminierung verpflichtet, und setzt ständig neue Maßnahmen, damit Rassismus und Ausgrenzung auf Österreichs Sportstätten auch weiterhin keinen Platz haben. Ein Interview mit FairPlay-Mitarbeiter Kurt Wachter.
FM5: Vielen Fußballfans in Österreich ist die Initiative FairPlay ausschließlich durch die alljährlichen FARE-Aktionswochen im Oktober ein Begriff. Bitte skizziere kurz die weiteren Betätigungsfelder von FairPlay!
Kurt Wachter: Seit unserer Entstehung im Europäischen Jahr gegen Rassismus 1997 haben wir eine doch beträchtliche Anzahl von Projekten und Initiativen gestartet. Neben den FARE-Aktionswochen, die wir gemeinsam mit den Partnern im FARE-Netzwerk seit April 2001 regelmäßig organisieren, ist FairPlay auch im Schul- und Jugendbereich aktiv. Dazu zählt die Kooperation mit dem BA-CA-Streetsoccer-Cup, dem größten Trendsportevent Österreichs oder unsere Schulschiene „FairPlay goes Education“. Vergangenen Sommer haben wir zur U19-EM in Oberösterreich unseren FairPlay goes Education-Schulwettbewerb mit über 1200 SchülerInnen durchgeführt. Sport und Entwicklung ist ein weiterer wichtiger Bereich unserer Arbeit. Seit der EM in Portugal 2004 sind wir auch bei allen Fußballgroßveranstaltlungen wie der WM 2006 und jetzt natürlich bei der EURO 2008 dabei. Unser größtes Projekt zur EURO ist dabei das Fanarbeitsprojekt. In allen vier Host Cities bauen wir Fanbotschaften auf und schulen die Leute in der Hoffnung, dass nach der EM was für den Ligaalltag übrig bleibt.
Wie wurden die bisherigen Kampagnen von der Öffentlichkeit bzw. den Vereinen aufgenommen? Gab es vereinzelt auch kritische Stimmen, die meinten, dass solche Aktionen gar nicht vonnöten wären, da es ja ohnehin kaum rassistischen Vorfälle im heimischen Fußball gebe bzw. jegliche rassistischen Äußerungen ja lediglich der Provokation dienen?
In den ersten Gesprächen kam natürlich der Einwand, dass durch die offensive Kommunikation einer antirassistischen Botschaft, das Problem aufgebläht werden würde. Der frühere ÖFB-Präsident Beppo Mauhart meinte in unserem ersten Gespräch „Man soll keine schlafenden Hunde wecken“. Die praktische Erfahrung der Stadionaktion hat bald gezeigt, dass die Methode sehr wohl funktioniert.
Inwieweit hat sich die Situation in den heimischen Stadien seit den ersten Aktionen gewandelt? Im Gegensatz zu damals ist das Thema Rassismus in der Sportberichterstattung ja weitaus präsenter, doch dennoch tauchen weiterhin in den Medien regelmäßig Berichte von rassistischen Vorfällen in und außerhalb der Stadien auf.
Das beste Bespiel welcher Wandel stattgefunden hat, ist die Westtribüne bei Rapid. Waren Ende der 1990er Jahren Affenlaute, „Zick Zack Zigeuner-Pack“- und „Jugos Raus“-Rufe noch mehrheitsfähig, hat sich das doch mittlerweile sehr stark geändert. Der offenen Rassismus ist nicht verschwunden, aber die Fans selber, der Verein und auch die FairPlay-Kampagnen haben dazu beigetragen, dass er ein Minderheitenprogramm ist.
Fairplay setzt bekanntermaßen nicht nur ein Zeichen gegen Rassismus und Xenophobie am Fußballplatz, sondern natürlich auch gegen jegliche andere Formen der Ausgrenzung wie Antisemitismus oder auch Homophobie. In vielen europäischen Kurven gehört es längst zum guten Ton, dass rassistische sowie antisemitische Äußerungen keinesfalls geduldet werden, was jedoch nicht zwingend für homophobe Verunglimpfungen des Gegners gilt. Wie sieht hier die aktuelle Entwicklung in Österreich aus?
Homophobie ist einer der letzten großen Tabus im Fußball. In ganz Europa gibt keinen einzigen männlichen, noch aktiven Fußballprofi, der sich als homosexuell geoutet hat, obwohl zumindest 5% der Gesamtbevölkerung homo- oder bisexuell ist. Und homophobe Sprüche wie „Wir sind keine arschwarmen XY“ sind immer noch unwidersprochen Stadionfolklore. Ich würde behaupten wir haben noch gar nicht richtig damit begonnen diese Art von Diskriminierung zu bekämpfen, obwohl wir schon seit 2002 mit einzelnen Aktionen wie der „Zeig der Homophobie die Rote Karte“-Aktion beim Wiener Sportklub das Thema in die Öffentlichtkeit gebracht haben.
In einem so emotionsgeladenen Sport wie Fußball stehen natürlich Beschimpfungen der gegnerischen Mannschaft sowie ihres Anhangs auf der Tagesordnung: Stellt es nicht manchmal ein schwieriges Unterfangen hier eine Trennlinie zu ziehen, um zwischen szeneüblichen Einschüchterungen des Gegners und diskriminierender Äußerung differenzieren zu können? Viele Fußballfans sind ja auch glühende Lokalpatrioten, und machen aus ihrer Ablehnung von anderen Bundesländern sowie Städten meist keinen Hehl.
In hiesigen Fußballstadien kommt es auch immer wieder vor, dass deutsche Spieler wegen ihrer Herkunft beschimpft werden. Sollten solche Diffamierungen nicht ähnlich scharf verurteilt werden, wie etwa diskriminierende Gesänge gegen Spieler aus Osteuropa oder der Türkei?
Der Standardsatz Fußball sei Emotion und fremdenfeindliche Äußerungen ein zwangsläufiger Teil des Fußballs und von originärem Fanverhalten hören wir oft. Da muss man halt dagegenhalten. Rassismus hat nichts mit Fußball oder Fankultur zu tun, Rassismus wird in die Stadien getragen und von einigen bewusst geschürt.
Klar ist, dass nicht jeder derbe Ausdruck oder jede Beschimpfung rassistisch konotiert ist und ich würde z. B. „Scheiss Vorarlberger“ auch nicht als Rassismus oder Diskriminierung fassen. Rassistische Schmähungen haben immer was mit Macht zu tun und mit einer gesellschaftlichen Benachteiligung. Wenn ich als Vorarlberger beschimpft werde, kann ich nach dem Spiel nach Hause gehen und ich bin gesellschaftlich nicht stigmatisiert. Bei „Scheiss Jugo“ ist das anders, da gibt es vor und nach dem Spiel eine Situation, bei der MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien diskriminiert werden: am Wohnungsmarkt, am Arbeitsmarkt, es gibt eine Geschichte als Minderheit. Als Vorarlberger bin ich kein Opfer, das ist Blödsinn.
Der „Piefke“ ist natürlich auch nichts schönes, das ist öder Chauvinismus, aber mit dem Begriff Rassismus wäre ich da vorsichtig.
FairPlay baut natürlich auch auf die Zusammenarbeit mit heimischen Kickergrößen: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit diesen? Ist ihnen das Thema selbst ein Anliegen, oder erklären sich manche Herren eher widerwillig zu solchen Statements bereit?
Ohne die Spieler wäre eine Kampagnen wie FairPlay kaum denkbar, die Spieler sind die Träger und Multiplikatoren der antirassistischen Botschaft. In der Regel sind die Kicker sehr offen und man merkt bei einigen ein echtes Commitment. Klar gibt auch solche, die sich für solche Themen wenig interessieren und es kommen dann im Interview halt Standardsätze, die Regel ist das aber nicht.
Gibt es auch in Österreich Spielertypen wie Thierry Henry, für die es ein Herzensanliegen darstellt, gegen Rassismus zu agitieren und somit die Kampagnen aus eigenen Antrieb unterstützen?
Es gibt auch in der Liga Spieler, die sich besonders ins Zeug schmeißen. Sebastian Martinez von SV Ried ist der FairPlay-Schirmherr und wenn es sich nur irgendwie vereinbaren lässt ist er bei unseren Aktionen dabei. Vom aktuellen ÖFB-Team ist beispielsweise der in Albanien geborene Gercialiu sehr interessiert was zu machen. Am Beginn von FairPlay war es der schwarzen Niederländer Marcel Oerlmans und Samuel Koejoe, die sehr aktiv gegen Rassismus aufgetreten sind. Koejoe hat der West im Hanappistadion wegen wiederholten Affenlaute einmal den "Fuck"-Finger gezeigt und musste dann bei der Polizei eine Strafe zahlen. Orlemans hat nach der Angelobung von Schwarz-Blau im Trainingslager ein Art Privat-Demo veranstaltet.
In den Interviews in den Fairplay-Broschüren beantworten viele Spieler die Frage, ob sie jemals mit Rassismus am Fußballplatz konfrontiert wurden, fast ausschließlich mit „Nein“. Existiert hier eine Hemmschwelle bei den Spielern, einzugestehen, dass sie bereits mit Rassismus am Fußballplatz konfrontiert wurde, um sich somit eventuell bei den eigenen Fans nicht unbeliebt zu machen?
Die Antwort damit persönlich noch nie konfrontiert worden zu sein kommt überraschenderweise auch oft von jungen afrikanischen Spielern. Niemand will gerne Opfer sein und da spielt auch Psychologie mit, warum man sich selber nicht als Opfer sieht oder sehen mag.
Jedes Jahr im Oktober wird die FARE-Aktions-Wochen gegen Rassismus in ganz Europa veranstaltet, in Österreich wird diese von FairPlay in Zusammenarbeit mit diversen Fanclubs organisiert: Auch im Vorjahr sprachen sich zahlreiche Fangruppen in u.a. Wien, Linz, Innsbruck oder Mattersburg mittels Transparenten und Choreos entschieden gegen Rassismus aus. Wie beurteilst Du die FARE-Aktions-Wochen 2007?
Was 2007 sehr gut funktioniert hat, war die Selbstorganisation in den Kurven (siehe die Liste der Kurven, die mitgemacht haben, auf der Homepage von FairPlay (News: "Highlights 2007")). Auch das Fanzine und die Buttons „Amstbekannter AntirassistIn“ sind sehr gut aufgenommen worden und sind eigenständig in den Kurven verteilt worden, ohne dass wir dabei sein mussten. Das FairPlay-Fanzine setzte sich durchaus kritisch mit der Euro aus Fansicht auseinander, was offensichtlich besonders von den ultra-orientierten Kurven goutiert wird. Da mit dem LASK auch wieder einige starke rechtslastige Fanclubs in die Bundesliga gekommen sind, ist das Thema auch wieder verstärkt auf der Tagesordnung.
Viele Fanszenen gehen jedoch jeglichen politischen Positionierungen bewusst aus dem Weg, und verstehen sich als unpolitische Kurve. Wie kann man solchen Meinungen entgegensteuern sowie die Fans davon überzeugen, dass das Ablehnen jeglicher Diskriminierung nicht unbedingt einer politischen Positionierung gleichkommt?
Einer der Leitsprüche der rechtsextremen Borussen-Front in den 1980er
war: Wir sind nicht politisch! In der Vergangenheit wurden
Antirassismusaktionen in Österreich von Fangruppen abgelehnt, die von
sich behaupten, sie sein unpolitisch, so etwa die maßgeblichen Fanclubs
der früheren Austria Salzburg. Dass es dann beim FairPlay-Spiel zu
rassistischen Schmähungen gekommen ist, war bezeichnend. Unpolitisch
ist also oft ein Code für rechts. Allerdings im Fall vom Block West,
die sich auch gegen eine politische Ausrichtung verwehren, hat die
Haltung dazu geführt, dass die Rassisten und xenophobe „Judenschweine“-Rufer marginalisiert wurden. Der Block West ist zwar nicht
antirassistisch, im Sinn einer aktiven Allianz mit MigrantInnen oder
Flüchtlingen, aber er duldelt auch keinen offenen Rassismus.
Herkunft: OÖ; Schwerpunkte: Musik, Politik, Fußball
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Great stuff, you hlpeed me out so much!
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