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FM5 im Interview mit der Filmemacherin und FM4-Jugendzimmer Moderatorin Elisabeth Scharang

Seit bereits mehr als 10 Jahren bietet Elisabeth Scharang jeden Freitag FM4-Hörern die Gelegenheit, 90 Minuten lang eine Radiosendung zu einem Thema zu gestalten. Seit 1997 konnte sie sich auch als erfolgreiche Dokumentarfilmerin etablieren. Ein Grund mehr, mit ihr über die Entwicklung des FM4 Jugendzimmers, Veränderungswünsche an FM4, sowie ihren aktuellen Film "Mein Mörder" zu reden.

FM5: Vor ein paar Monaten lief dein Spielfilmdebut "Mein Mörder" in den österreichischen Kinos an. Mit diesem Film hast du einen Teil zur historischen Aufarbeitung im heurigen Gedenkjahr 2005 geleistet. Wie stehst du zur Aufarbeitung und ist das überhaupt möglich?
Dieser Spielfilm hat sich in Zusammenarbeit mit meinem Vater ergeben, der mit mir gemeinsam auch das Drehbuch geschrieben hat. Wir haben das Projekt im Jahr 2000 begonnen und da war noch keine Rede vom großen Gedenkjahr oder dem Jubiläums-Jahr 2005. Die Geschichte hat mich vor allem deswegen interessiert, weil es um Geschichtsaufarbeitung in einer Nicht-Kriegsgeneration gegangen ist. Für mich war vor allem von Interesse, wie man mit Leuten, die Teil der Diktatur waren, nach 1955 umgegangen ist und wie diese in die Gesellschaft integriert wurden. Die Geschichte des Films beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Hauptcharaktere dieses Films sind Doktor Mannhart, der die historische Figur Doktor Groß darstellt und Hans Jablona. (Anmerkung: Doktor Groß war im Nazi-Regime in Euthanasie-Fälle verwickelt und hat innerhalb der SPÖ später dennoch eine große Karriere gemacht.) Das Opfer Friedrich Zaberl "Hans" ist die zweite große Figur neben Doktor Groß in diesem Film. 1945 wird Hans Jablona in der Euthanasie-Anstalt „Am Spiegelgrund“ interniert und zu Versuchszwecken missbraucht. 1955 begegnet er Dr. Mannhart zufällig wieder und wird von seinem damaligen Peiniger erneut in die Psychiatrie eingewiesen. Der dritte Teil des Films spielt 1970 und zeigt Hans Jablona, nunmehr selbst Psychiater, der dem als Gerichtsgutachter immer noch hoch geschätzten NS-Arzt bis ins Privatleben nachstellt, um ihn für seine Mordtaten endlich zur Verantwortung zu ziehen.

Es ging dabei auch um eine Traumabewältigung. Warum konnte eine Person innerhalb einer Demokratie wieder die selben gesellschaftlichen Positionen einnehmen? Wie konnte ein Psychiater, der Kinder euthanisiert hatte, nach dem Krieg wieder im selben Spital die selbe Funktion einnehmen?

FM5: Wird diese Geschichte deshalb anhand konkreter Einzelschicksale erzählt, da dadurch eine Reduzierung von Komplexität erfolgt und die Emotionen noch mehr aufgeschaukelt werden?
Im Film ist es immer notwendig, Figuren zu schaffen, die eine Identifikation ermöglichen. Die Geschichte soll nicht einen Einzelfall darstellen, sondern bewusst machen, dass dahinter ein System gestanden ist. Natürlich ist es dabei immer wichtig, eine Form zu finden, die Geschichte richtig zu transportieren.

FM5: Wie bist du zum Film gekommen?
Ich bin 1987 zum Radio gekommen und bin Anfang der 90er Jahre auf eine Geschichte gestoßen, bei der es um sexuellen Missbrauch von Müttern an ihren Söhnen gegangen ist. Damals wusste ich, dass dieses Thema recherchemäßig sehr aufwändig ist und den Rahmen des Radios sprengen würde. Ich bin zum Inlandsreport Chef Johannes Fischer gegangen und bin über diese Recherche zum Fernsehen bei der X-Large Reportage gekommen. 1997 habe ich einen ersten Dokumentarfilm über die Kommune des Otto Mühl gedreht, habe den ORF redaktionell verlassen und bin seither freie Filmemacherin.

FM5: Was sind deine nächsten Filmprojekte?
Ich arbeite seit März an einem Kinodokumentarfilm mit dem Titel "meine liebe Republik", der die Geschichte aufgreift, die in meinem Spielfilm eingeflochten ist:

Synopsis: Ein junger Journalist sucht nach den Gründen für die Vertuschung im Fall des 1998 wegen Mordes angeklagten NS-Arztes Heinrich Gross und stößt dabei auf ein Geflecht aus Unterlassung, Schuld und Scham. Und auf die unglaubliche Geschichte des Friedrich Zawrel.

Zawrel ist als Kind knapp der NS-Euthanasie entkommen und sitzt 30 Jahre später Heinrich Gross, dem Arzt vom Spiegelgrund, ein zweites Mal gegenüber. Gross lässt Zawrel als Zeugen seiner NS-Vergangenheit im Gefängnis verschwinden.

„Meine liebe Republik“ stellt die Bereitschaft einer Wahrheitsfindung im Nachkriegsösterreich in Frage und sucht das Gespräch mit denen, die heute noch in Ämtern, Gerichtssälen, Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten den Geist eines Landes prägen, dem „immer alles nur passiert ist“: Der Anschluss, Hitler, Haider und der „Fall Gross“.

Mein Langzeit-Dokumentarprojekt "Tintenfischalarm" erzählt von der Freundschaft zwischen zwei Frauen, von denen die eine ein Mann und die andere Filmemacherin ist.

Ich habe Alex mit 26 Jahren beim FM4-Jugendzimmer kennengelernt. Alex ist als intersexuelles Kind, als Zwitter, in Oberösterreich auf die Welt gekommen. Zum Mädchen operiert worden und als solches aufgewachsen, war er die letzten drei Jahre auf der Suche nach einem Weg, der für sie/ihn gangbar ist - als intersexueller Mensch in einer Gesellschaft, die Eindeutigkeit fordert und alles in Frau und Mann einteilt. Übrigens kommen in Österreich jedes Jahr 250 Kinder mit uneindeutigem Geschlecht auf die Welt. Ich habe Alex die letzten drei Jahre begleitet. Bei diesem Film habe ich auch Kamera geführt.

Beide Dokus kommen im nächsten Jahr in Österreich ins Kino.

FM5: Welche Fähigkeiten hast du zum Fernsehen mitgebracht?
Keine. Ich habe Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie studiert, habe aber nebenbei schon beim Radio gearbeitet. Irgendwann habe ich erkannt, dass die Arbeit beim Radio mich so in Anspruch genommen hat, so ehrlich sein muss, dass man kein Student mehr ist. Ich habe mir alles Learning-by-doing angeeignet. Durch den Radio-Journalismus hat man eine gute Grundausbildung, weil man dabei für alles selber verantwortlich ist. Dort habe ich meine Ausbildung bekommen und die Entscheidung gefällt Filme zu machen. Meine Projekte sind eher subjektiv.

FM5: Du bist 1987 bzw. 1988 in den ORF mehr oder weniger reingerutscht. Ist es heute auch noch so einfach im ORF anzufangen oder hat sich dieser Bereich der Medien so professionalisiert, dass dies nun nicht mehr möglich ist?
Professionalisiert würde ich nicht sagen. Wie in allen Bereichen wird der Fehler gemacht Auswahlkriterien festzulegen, um mit dem starken Andrang im Mediensektor fertig zu werden. Es gibt zwei Wege – den offiziellen – bei dem man eine Bewerbung abgibt und die Anzahl der Studien herangezogen wird. Oder man hat eine tolle Geschichte und die Leute, zu denen man kommt, wollen darauf nicht verzichten. Viele Leute wissen eigentlich gar nicht, wieso sie in den Medien arbeiten wollen. Wenn jemand etwas will, kommt er auch auf diesem schrägen Weg zu FM4.

FM5: Muss man dazu nicht jemanden kennen?
Nein, abgesehen davon, dass man immer Leute kennen kann. Man muss sich hinsetzen, mit jemandem reden und sich denken, der Typ hat etwas. Das ist eine sehr österreichische Frage.

FM5: FM4 hat sich aus den ehemaligen Ö3-Programmen Zick Zack und Music Box entwickelt. Kann man die Inhalte dieser Programme mit dem derzeitigen FM4 Programm vergleichen und sind noch viele FM4 Mitarbeiter von 1995 dabei?
Es gibt noch die Riege der alten Hasen wie Blumenau, Piper, Ostermayer, Stermann und Grissemann oder mich. Es gibt eine Generation von FM4-Mitarbeitern, die arbeiten ausschließlich für FM4 und dann noch die ältere Generation von FM4-Mitarbeitern, die haben alle immer unterschiedliche Dinge gemacht und nicht nur für FM4 gearbeitet. Was sich auch positiv auf die journalistischen Fähigkeiten ausgewirkt hat. Nachdem es jetzt 24 Stunden Radio gibt, hat sich auch das Berufsbild FM4-Mitarbeiter entwickelt. Natürlich hat sich FM4 zu einem Medienunternehmen entwickelt.

FM5: War das FM4 Jugendzimmer deine alleinige Idee? und worum ist es in der ersten Sendung gegangen?
Das Jugendzimmer gab es schon vor FM4, da jeden Dienstag auf Zick Zack eine Live-Diskussion von einer Außenstelle übertragen wurde. Ich wollte dann eine Sendung ohne Experten machen, die keine Extremerfahrungen gemacht haben und ausschließlich unsere Hörer sind. Kurz bevor FM4 begann, hatte ich drei, vier Sendungen gemacht und dann wurde die Sendung einfach übernommen - als Forum, das wir einfach wollten. Die Sendung hat sich stark verändert. Früher bin ich mit 14jährigen im Kinderzimmer gesessen, man musste sich bei den Eltern vorbeischummeln. Man musste direkt ins Jugendzimmer gehen und den Jugendlichen das Gefühl geben, dass man nur zu ihnen kommt. Meistens war das Thema, dass man nicht fortgehen durfte und es kamen sehr viele Briefsendungen im Laufe der Zeit. Die Sendung hat sich durch das Posten im Internet sehr verändert. Die Leute haben sich ihr eigenes Jugendzimmer in Internetforen geschaffen und das Radio dazu nicht mehr umbedingt gebraucht. Die Leute vernetzen sich anders, nicht mit dem Radio, daher hat sich die Sendung verändert. Man wird selber älter und hat auf gewisse Themen keine Lust mehr. Die Hörer und Gäste des Jugendzimmers sind älter geworden und die Themen sind etwas spezifischer geworden. Die Sendung entwickelt sich immer ein wenig nach meinen Interessen. Manchmal laden dich Leute ein, die keinen Grund haben und ihnen ist nur fad im Schädel. Die Hörerschaft ist echt angefressen auf so Leute. Es ist dann wie es ist. Jugendzimmer ist wie die Welt da draußen. Es gibt fade und spannende Leute. Es gibt lustige und depperte Leute. Es gibt Rassisten, es gibt alles. Ich gehe rein und kriege einen Teil der Welt mit und man kriegt ein großes Spektrum. Und ich habe sicher viel mehr Jugendzimmer als alle anderen Menschen in diesem Land gesehen.

FM5: Welche Sendung ist dir am besten in Erinnerung geblieben?
Es sind weniger Sendungen, sondern Personen, die man über Jahre begleitet und großwerden sieht. Stefan aus Zell am See hat im allerersten Jahr über Probleme mit Eltern erzählt, zwei Jahre später hat er sich in Wien als junger Schwuler geoutet. Inzwischen ist er nach Berlin gegangen. Die Menschen melden sich immer wieder und man sieht sie wachsen. Der Flo hat sich als Alkoholiker geoutet, kurz bevor er in Therapie gegangen ist. Er macht jetzt Sozialprojekte in Australien. Erinnerungen also in dem Sinne, wie Menschen wachsen, sich entwickeln und wie sich eine richtige Community bildet.

FM5: Was würdest du gerne an FM4 ändern?
Ich würde FM4 gerne wieder politischer machen.

FM5: Wohin kann sich FM4 hinentwickeln? Gibt es Pläne für die Zukunft?
Ich beobachte es eher von außen als von innen. Ich habe Kontakt zu Leuten bei FM4. Ich höre mehr FM4 als die meisten FM4-Mitarbeiter, die müssen nämlich den ganzen Tag arbeiten. Was sich nicht so gut entwickelt ist, dass die Moderatoren zu feig sind und einen sogenannten Moderatoren Job machen. Das will ich auf FM4 nicht hören. Ich will nicht, dass jemand über das Wetter erzählt. Ich will nicht den Profi-Moderator, sondern, dass mir die Moderatoren die Augen öffnen und mir etwas über die Welt erzählen. Da gibt es teilweise schon Ansätze, die mit der Größe und dem zunehmenden Personalbedarf zusammenhängen, dass ist aber irgendwie klar. Aber das ständige Gemotze, dass der Sender zu kommerziell ist, gibt es schon seit dem ersten Jahr.

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AutorIn(nen)

Martin Aschauer

Martin Aschauer

Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...

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Kommentare




 

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