2007-04-02 00:11:20
Gatsch, Dekadenz, jugendliche Dummheit und der ein oder andere Höhepunkt in Form von Musik.
Preisfrage: Was wäre ein österreichisches Festival im Jahre 2005 ohne Regen? Ein Antwortvorschlag wäre: eine Ausnahme. Nach den beiden vorangegangen Tagen des Frequency-Festival am Salzburgring, die wettertechnisch famos waren, machte der griechische Sonnengott Helios am Samstag, dem dritten und letzten Tag, wohl Urlaub, denn es begann um 06.00 Uhr zu regnen und wollte den restlichen Tag nicht so recht aufhören.
Da sich der Zustand des Bodens durch das in der Vorwoche herrschende Tief namens „Lars“ in der kurzen Schönwetterphase nicht erholen konnte, rückt ein Wort, welches sich bereits durch die ganze Festivalsaison zieht, wieder in den Mittelpunkt des Geschehens – nämlich: der Gatsch. Dieser verschluckte Schuhe, beinahe ganze Körper und raubte jedem Autoreifen den Grip.
Dass Schlamm nicht immer für alle etwas Negatives ist, bewiesen so manche Festivalbesucher, die sich wie die Schweine in diesem suhlten. Wo führt die Dekadenz der Menschheit noch hin?
Der durchschnittliche Festivalbesucher (jetzt darf sich nur das männliche Geschlecht angesprochen fühlen) war rund 17 Jahre jung und hatte mit Musik eher nicht viel am Hut. Da er sich jedoch auf einem Musik-Festival befand, war dieser ein wenig gelangweilt. Folglich trank er den ganzen Tag rund zehn Bier, schlug sich von diesen beeinflusst mit einem Werbeplastikstab von One rund eine Stunde lang ins Gesicht, rannte mit vollem Tempo einfach in die Menge um weiter in Bühnenähe zu kommen, verpasste seinen Freunden Fußabdrücke auf deren Hosen und benahm sich mit einem Wort einfach daneben.
Einigen war sogar so fad, dass sie begannen, die Toi-Toi Klos umzuwerfen. Natürlich ist das nur lustig, wenn sich dabei gerade ein unschuldiger, nichts ahnender Besucher dieses Festivals darin befindet und seine Notdurft verrichtet. Auch ich war einmal jünger, aber so deppat war ich in diesem pubertären Lebensabschnitt zum Glück nicht!
Nun gut, neben diesen eher erschreckenden Ereignissen gab es am Samstag auf dem Frequency-Festival auch noch Positives zu berichten.
Bei den Editors, die sich sogar für das schlechte Wetter entschuldigen, stehe ich liebend gerne im Regen. Die melancholische, Hallgitarren-lastige Musik der Band ist sowieso nicht gerade sommertauglich. Die von treibenden Disco-Beats vorangetriebenen Songs ihres aktuellen Debütalbums "The Back Room" zehren vor allem vom Charakter der eigenwilligen und wundervollen Bariton-Stimme von Tom Smith, der in den Instrumentalparts wild seine Gitarre jongliert und in irren Verrenkungen über die Bühne hechtet. Mein Gefühl sagt mir, dass wir von dieser Band noch viel hören werden. Hoffentlich, denn der mitreißende und gleichzeitig berührende Auftritt war einer der besten des gesamten Festivals, und bei einem Aufgebot von über 40 Bands heißt das was.

Tom Smith, der Sänger von den Editors, verrenkte seinen Körper ohne Rücksicht auf Verluste...

...während Chris Urbanowicz mit Rehaugen und offenem Mund auf der Gitarre schrammelte.
The Coral mussten an diesem Tag leider kurzfristig auf ihren Lead-Gitarristen verzichten. Dieser war kurz vor dem Auftritt wegen Verdacht auf Blinddarmdurchbruch ins Salzburger Spital eingeliefert worden. Nun standen statt normalerweise sieben Bandmitglieder nur sechs auf der Bühne, die – wie mir der Drummer kurz vor dem Auftritt auch bestätigte – auf jeglichen Style pfeifen und am Liebsten in einer gemütlichen Jogginghose und Schlapfen auftreten würden. Das Fehlen des Gitarristen fiel logischerweise bei einigen Songs auf, wurde aber mittels persönlichen Einsatz und Improvisation wettgemacht. Drogenverseuchte Gitarren trafen auf melodisches Bassspiel. Besonders bei der Schlussnummer kam der Freakfaktor bei The Coral zum Vorschein, denn der ansonsten nur drei Minuten dauernde Song „She Sings The Morning“ wurde zu einem acht minütigen Geniestreich umgewandelt.

James Skelly von The Coral.
Währenddessen andere bei den aus Deutschland stammenden Beatsteaks so manchen vorgetragenen Coversong lauschten, wurde auf der 2nd Stage zum ersten Mal an diesen drei Tagen die Fans rund um das Genre Hip Hop, Trip Hop und Dub mit Musik versorgt.
Roots Manuva war der Mann, der dafür zuständig war. Mit tiefer Stimme und noch tieferen Bässen vermischte der aus England stammende Manuva die Elemente Rap und Elektronik auf bemerkenswerte Art und Weise.

Rooooooots komm doch zu uns...

...aber dieser verneinte, verließ die Bühne nicht und ging seiner Arbeit unbeeindruckt nach.
Die Asian Dub Foundation setzte danach in Sachen Tempo noch eines drauf. Die ebenfalls aus Großbritannien stammende sechsköpfige Formation, die Drum and Base mit orientalischen Einflüssen zu einer energetischen Melange vermischt, präsentierte sich wie gewohnt mit politischen Texten und Statements gegen die Globalisierung. Diese wurden in einem haspeligen Sprechgesang vorgetragen und durch einen in der Magengrube herumwühlenden Bass verstärkt. Vorgetragen wird das bei der Asian Dub Foundation mit einer Art Ritualtanz, welcher von einem afrikanischen Stamm abgeschaut sein könnte. Diese Performance half über die nicht existenten Visuals (die ich eigentlich während des ganzen Festivals vergebens gesucht habe) hinweg. Und nicht einmal ein kurzer Stromausfall konnte der Foundation die Kraft rauben.

DJ Sun-J hielt Ausschau nach dem Publikum, während es der Rapper Spex voll im Visier hatte.

Rocky Singh verlangt seinem Arbeitsgerät alles ab.
Bleibt zum Abschluss noch der Blick aufs Festivalgelände, wo sich gerade die Massen zu den Sportfreunden bewegen…

...und die Frage: Warum brennen eigentlich Scheinwerfer auf dem Campingplatz an einem helllichten Tag?

Fotos: Stephan Brückler und Marco Weise
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