2007-04-02 00:11:19
Ein Rückblick auf das Festival Internacional de Benicàssim 2005.
Seit rund zwei Stunden bin ich nun von meinem Kurzurlaub aus Spanien wieder zurück in Wien. Realisiert und verdaut habe ich das in Benicàssim Erlebte noch kaum. Wenn ich einen Blick aus dem Fenster wage und die von Regentropfen benetzte Straße unter meiner Wohnung erblicke, wird mir jedoch von Minute zu Minute immer mehr bewusst, was ich die letzten vier Tage auf dem XI Festival Internacional de Benicássim, Wundervolles und Einzigartiges erleben durfte.
Die Spuren sind noch eindeutig vorhanden: findet sich hie und da noch immer ein Sandkorn in meinen durch die Sonne etwas aufgehellten Haaren und Kleidungstücken, und meine Haut riecht nach einer Mischung aus Sonnencreme und salziger Meeresluft. Um die vielen Eindrücke zu verarbeiten braucht man Zeit, die ich im Moment nicht habe. Sei es, wie es sei - ich werde euch dennoch in den folgenden Zeilen und Berichten einen groben Einblick in die Welt des wunderbare FIB 2005 gewähren.
Das Gelände des FIB liegt rund 30 Gehminuten vom Meer entfernt. Die Besucher können zwischen drei Zeltplätzen wählen, vorausgesetzt sie reisen rechtzeitig an. Was mir bei meiner Ankunft am Donnerstag sofort auffiel, war der reibungslose Ablauf und die bemerkenswerte Ruhe, die trotz Besucheransturm stets vorhanden war. Das war mir neu, denn in Österreich läuft bei der Festivalorganisation so einiges - nun ja -schief. Diverse Festival-Veranstalter möchte ich an dieser Stelle dieses Festival ans Herz legen - es zahlt sich wirklich aus!
Dass das FIB kein Geheimtipp mehr ist, beweißen die Jahr für Jahr zahlreich anreisenden Besucher aus aller Herren Länder. Diese nisten sich auf den braunen, von der Hitze in Mitleidenschaft gezogenen Wiesen ein. Ein Spanier traf es genau auf den Punkt, als er mir auf Englisch mitteilte: "Spain is going to become a desert".
Einige genossen im Schatten, welcher mittels großer Planen erzeugt wurde, schlicht und einfach das Leben, andere wiederum gingen tagsüber zum Strand und erholten sich dort bei einem kühlenden Besuch im Meer vom Vortag. In Mitten des Campingplatzes, auf dem ich mich niedergelassen hatte, erstreckte sich eine riesige Oase, in der sich jeder Festivalbesucher zu jeder Tageszeit kalt duschen konnte. Duschköpfe so weit das Auge reicht, kein lästiges Anstellen oder eine monegassische Gebühr, und das, obwohl wir hier in Spanien sind - man bedenke: Wasser ist um diese Jahreszeit äußerste Mangelware.
Schmuserock und Techno-Beat

Brett Anderson greift nach den Sternen.
Gutes altes Songwriting mit gehörig viel Glamour und Schmalz boten die beiden wiederversöhnten Streithanseln Anderson und Butler. Mit mitgebrachter Band sangen sich die beiden die Seele namens Pop aus dem schmächtigen Leib. Das hierbei ein La-La-La und Na-Na-Na natürlich nicht fehlt, versteht sich. Vorgetragen wurde dies großteils mit einer Arschwackler-Pose.
#
Ich kann mir nicht helfen, aber Karl Hyde von Underworld erinnert mich irgendwie an Right Said Fred...
Underworld ist eine Band, von denen man lange Zeit nichts, aber auch gar nichts hört, um ihnen auf einmal wieder unverhofft auf irgend einem Festival als Besucher gegenüber zu stehen. Das aus Karl Hyde und Rick Smith bestehende Duo lebt und zerrt noch immer von ihren damaligen Trainspotting-Hit "Born Slippy", dessen Eingangsmelodie wohl in jedem ihrer vorgetragenen Songs, eine gewisse Zeit ( vielleicht etwas abgeändert) zu vernehmen ist. Das macht die beiden Engländer ein wenig einfallslos. Sie beharren auf ihrer Musik aus den 90er Jahren - und das nicht einmal erfolglos, denn Techno lebt im Moment wieder groß auf.
Pornografie und Melancholie
Welche Atmosphäre könnte für die Musik der Kills besser sein, als eine 30 bis 40 Grad Celsius rauchgeschwängerte Luft, bei der man bereits bei der kleinsten Bewegung in einen nie endenden Schweißausbruch verfällt. Ohnmacht ist dabei nichts Außergwöhnliches. Der Schweiß vermischt sich mit Hormonen, Alkohol, Testosteron und etwaigen Suchtmitteln zu einer elektrisierenden und pulsierende Mischung. Die Kills zelebrierten einen Show der Extraklasse. Sängerin VV und Gitarrist Hotel wandelten ständig zwischen Implosion und Explosion. Der Höhepunkt wird oft angekündigt und wenige Sekunden vor dem Errreichen, wird reduziert und beruhigt. Das Ganze wiederholt sich immer wieder - ein Spiel mit dem Feuer. Die Bühnenshow gleicht einem mit Drogen verseuchten Porno - YEAH!

Darf ich vorstellen: Meine Traumfrau, Gitarristin und Sängerin VV alias Alison Mosshart.
Dass man sich mit einem schnellen Sprint nicht nur eine Goldmedaille sichern kann, sondern es damit auch rechtzeitig zum Athlete-Konzert schafft, konnte ich nach den Kills feststellen. Natürlich bin ich von einer Medaille natürlich meilenweit entfernt.
Zu Gesicht bekam ich eine blassen Sänger, der sich zu Beginn vorneweg beim spanischen Publikum einschleimte - so etwas kann nie schaden. Die vier Melancholiker aus London spielten Schmuseballaden, welche die spanischen Frauenherzen mit Sicherheit zum Schmelzen brachte.

Joel von Athlete zeigte sich als gerührter Schmuserocker.
Die aus New York stammenden Fisherspooner betraten unter stürmischen Begeisterungsausbrüchen der grammelten Zeltes die Bühne im Hellomoto. Das Kostüm von Casey Spooner sah aus wie eine Mischung aus Motorradkluft und Mönchskutte - whatever. Mit von der Partie hatten die beiden Elektroniker eine dreiköpfige Rhytmusgruppe, die bis auf die etwas statisch anmutende Sängerin, recht ordentlich mitwirkte.

Casey Spooner seines Zeichen Sänger und Performer bei Fisherspooner.
Was auffiel war, dass sich Fisherspooner ein wenig mit ihrem Konzert abmühten, sie wirkten müde und verbraucht. Bei "Never Win" kamen sie jedoch wieder in Schwung und es wurde mit dem Publikum beherzt folgende Textzeile gesungen:
"I don‘t need to need you
Tell me what to do
Tell me what to say
Don‘t you wanna help me
Tell me what to do
Help me find a way"
(Never Win / Fisherspooner)
Bei "Emerge" zuckte das Publikum völlig aus und Spooner verabschiedete die ausharrende Masse mit einem Dance Motherfucker, dance!

Shake your dixs, shake your dix ... Shake your tits, shake your tits.
Hat Slash eine Schwester?
Peaches übernahm und zeigte sich, wie man es von ihr gewohnt ist: gefährlich, lasziv, sexy und verrucht. Künstliche Penisse wurden im Takt geschwungen und der Mikrofonständer diente zwischen den Beinen von Peaches als Objekt der Begierde. Eine pornografische Darbietung mit hemmungslosem Gezappel und Geschrei. Dass Peaches rockt, bewies sie bei ihrem Duett mit Iggy Pop, der leider nur in Lebensgröße auf die Leinwand projeziert wurde. Peaches wälzte sich auf der Bühne, warf sich ins Publikum und erklomm das Bühengerüst bis zur Hälfte. (Einer wird es noch weiter nach oben schaffen, aber das könnt ihr an dieser Stelle im zweiten Teil nachlesen.)

Jimi Goodwin singt sichtlich geblendet in die dunkle Nacht hinaus.
Die aus Manchester (England) stammenden Doves spielten nach einigen Line-up changes nicht wie geplant um 22.20 Uhr, sondern als letzter Act um circa 03.00 Uhr auf der Hauptbühne, namens Escenario Verde. Vor dieser herrschte ein Engländer-Anteil, der die 70 Prozent überschritt. Hinzu kommt dass die Lieder der Doves allesamt Hit- und Mitsing-Charakter besitzen. Beim Zusammenspiel dieser beiden Faktoren entstand etwas sehr Schönes - nämlich Einklang. Zum Abschluss artetet "There Goes The Fear" noch in ein Rhythmus-Spektakel aus.
Fotos: Florian Wieser, Marco und Olivia Weise
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
Newsfeed von Marco Weise abonnieren