2011-04-15 21:26:58
Sie suchten und fanden sich selbst. Warum die neue Platte als Ganzes mehr kann als ein sommerlicher Ohrwurm-Titel.
Ezra Furman ist so ziemlich der coolste spindeldürre Antiheld, der in den letzten Jahren unter einer voluminösen Frisur hervorgekrochen ist. Das Beste daran: er klingt auch so. Nur dass Antihelden eben selten richtige Hits landen. Mit "Take Off Your Sunglasses" ist das 2009 allerdings doch irgendwie gelungen. Das Ergebnis: Keiner erinnert sich an die anderen Songs des letzten Albums. Dieser Gefahr setzen sich die Amerikaner mit dem neuen Werk Mysterious Power weniger aus. Diesmal ist kein Song dabei, der in den Charts eine Ego-Nummer schieben könnte. Aber - und das ist viel besser - das Album wirkt als Gesamtkunstwerk stimmig.
God I am nothing but a boy in my room
Nachdenklich, sanft und irgendwie auf Zehenspitzen schleicht sich das neue Album ins Herz. Manchmal traurig, manchmal verträumt setzt man in Mysterious Power viel auf akustische Gitarren. Ezra Furmans nasale und zugegeben leicht gewöhnungsbedürftige Stimme raunzt halbpoetische Texte. Die geballte Harmlosigkeit schlägt einem von der Platte entgegen. Sentimentale und sehr einfache Arrangements machen das Album aus - charmant und unaufdringlich. Dennoch ist hier nichts langweilig. Die Texte bringen das Feriengefühl auf den Punkt, wie das selten jemand geschafft hat. Die Ungewissheit was die eigene Zukunft angeht und nicht zuletzt auch noch all die Komplikation mit der Liebe kommen auf Mysterious Power nicht zu kurz.
"And I fell deep in love with a lady who I hadn't yet met
Oh but she made me her baby right then
And that's when I started into this dream
And it's not done, I don't wake up, I don't know what it means
But I know that she's out there, God I know you can hear me
How I'd love to be real, and I want you to be near me, but the radio's broken
The phone's out of service, and we've got no connection and it's making me nervous." - aus der Titelnummer "Mysterious Power"
Ezra Furman ist nicht irgendein dahergelaufenes Bubi, das mal schnell Musiker geworden ist, sondern er ist ein Genie, was bestechende Texte und verfängliche Melodien angeht. Nebenbei traut er sich manchmal stimmlich zu kratzen statt nur zu schmeicheln. Auch ist die Platte ausgeglichener als ihr Vorgänger.
Don‘t turn your back on love you idiot
Wer diese Band schon einmal live gesehen hat, ist längst verliebt in sie und natürlich auch in Ezra. Mysterious Power wird daran bei den wenigsten etwas ändern. Die paradoxe Bezeichnung Country-Punk leuchtet für Ezra Furman & The Harpoons ein, wie sonst nur was. Die Platte hat von ruhigen Tralala-Lovesongs bis zu geräuschvollen Rocknummern wie "Bloodsucking Whore" einfach alles. Das Schönste daran: Man kann Mysterious Power vom Anfang bis zum Ende durchhören, ohne sich zwischenzeitlich an einem Titel zu stoßen. Die Songs vermitteln eine Zusammengehörigkeit, die besser ist als ein Hit und dazu viele nur halblustige Nummern.
Während das letzte Album Inside The Human Body noch stellenweise wie die Suche nach einem passenden Band-Ich geklungen hat, so ist die neue Platte ein absolutes Selbstbekenntnis der US-Indierocker. Sie sind eine Band bei der vor allem das Gesamtkonzept, das Image und der
Auftritt die Show ausmachen. Das alles würde aber nicht helfen, wenn sie
musikalisch nicht auch ein Hammer wären.
Ezra Furman & The Harpoons - Mysterious Power
schoenwetter schallplatten
VÖ: 29.4.2011
Die Wiener sind ein heiterer Menschenschlag von großer Traurigkeit, ein leichtlebiges Volk von schwermütig-depressiver Grundstimmung, sie sind hochbegabt, aber die mitleidlosen Feinde ihrer Begabung, sie fühlen sich nur wohl, wenn sie sich nicht wohl fühlen.
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