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Escaped and lost down in Vienna

2007-05-12 21:40:57

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Das japanische Kollektiv Ghost geistert seit Jahren durch ein stets faszinierendes Gestrüpp aus schwer zu definierenden Einflüssen. In Wien spielte es ein fantastisches Konzert.

Das japanische Kollektiv Ghost geistert seit Jahren durch ein stets faszinierendes Gestrüpp aus freier Improvisation, „westlichem“ Folk, traditioneller japanischer Musik, dem Psychedelic und Progressive Rock der Sechziger und Siebziger Jahre und allerlei anderen schwer zu definierenden Einflüssen und zählt zu den einflussreichsten und faszinierendsten Bands der seit Jahren üppig blühenden japanischen Psychedelic-Szene(n).

 

Politischer Aktivismus – in der öffentlichen Wahrnehmung wohl kulminierend im Album Tune In, Turn On, Free Tibet von 1999 – gehört ebenso zur Geschichte dieser sich um Sänger, Gitarrist und „Spiritual Leader“ Masaki Batoh drehenden Gruppe wie experimentelle Performances in U-Bahn-Stationen, Kirchen oder buddhistischen Tempeln – siehe hierzu das Live-Album Temple Stone (1994) und die durchwegs inspirierende DVD/CD-Kombination Metamorphosis: Ghost Chronicles 1984–2004, ein Pflichtkauf für jeden, der sich dafür interessiert, wie sich mit Einfallsreichtum, Kreativität und Einsatz die unterschiedlichsten, faszinierendsten Klanglandschaften und Kompositionen konstruieren und kombinieren lassen.

 

Ghost live ist ein seltenes Glück

In den letzten Jahren haben sich Ghost als recht stabile Einheit erwiesen; die letzten beiden Alben wurden von derselben Band aufgenommen, wobei das ebenso abwechslungsreiche wie ambitionierte und im besten Sinne bombastische Hypnotic Underworld (2004) eine Art internationalen Durchbruch darstellte und das Anfang dieses Jahres erschienene In Stormy Nights mit Liedern wie „Water Door Yellow Gate“ oder dem Cromagnon-Cover „Caledonia“ neben der Weiterführung und Perfektionierung mancher bekannter Ghost-Tugenden eine Tendenz zu viszeralem/martialischem Psych-/Noise-Rock zeigte. Trotzdem bleiben Ghost schwer fassbar: Konzerte nicht nur außerhalb Japans sind eher selten vorkommende Ereignisse (wenn auch beispielsweise Gitarrist Michio Kurihara vor wenigen Wochen mit dem US-Duo Damon & Naomi in der Fluc Wanne zu sehen war) und die offizielle Website ist nicht sonderlich aktiv, während das dazugehörige Forum für nicht japanisch sprechende bzw. lesende Fans nur wenige Informationen bietet.

 

brpobr im Vorprogramm 

Umso schöner ist es dann, eine solche Band in Wien sehen zu können: am 11. Mai traten Ghost in der (leider eher spärlich gefüllten) Szene auf. Als Support fungierte das österreichische Trio brpobr, dessen improvisierter, rhythmisch anspruchsvoller und dynamischer Auftritt begeistern konnte. In seiner Spannung zwischen Rock-Rhythmen und -Strukturen einerseits und dem Aufgehen in abstraktem Noise andererseits war dieser vielleicht mit gewissen aktuellen US-Noise-Bands wie Mouthus vergleichbar, aber brpobr klangen hier schlussendlich wie niemand sonst. Auch Ghost begannen mit einem improvisierten Stück, bei dem unter anderem Masaki Batohs Drehleier und ein kleines Theremin-artiges Instrument zum Einsatz kamen. Der Rest des Konzerts bediente sich eher (in einem „Rock“-Kontext) traditioneller Instrumente; dass sich im Gegensatz zum vor dieser Tournee bisher letzten außerhalb Japans stattfindenden Ghost-Konzert beim Terrastock Six-Festival in Providence/Rhode Island im letzten April weder Batohs selbst konstruierter „Springer“ (ein extravagantes, auch Theremin-ähnliches Instrument) noch Gong oder Kontrabass auf der Bühne fanden, hatte wohl vor allem logistische Gründe.

 

Ghost begeistern, das Publikum ist begeistert

Nachdem „Motherly Bluster“ und „Grisaille“ vom neuen Album in einem durchgehenden Stück gespielt worden waren, widmeten Ghost sich vor allem Songmaterial aus den Neunziger Jahren; eine Ausnahme stellte die fantastische, kurze Kombination der Teile drei und vier der „Hypnotic Underworld“-Suite vom gleichnamigen Album, „Barbarous Aramaic Dawn“ und „Leave the World!“, dar, vor der Ghost einmal mehr Cromagnon Tribut gezollt hatten (gesungen wurde das A Capella-Intro zu „Fantasy“ vom Album Orgasm; hier sei noch anzumerken, dass jeder dieses geheimnisumrankte, völlig verrückte Meisterwerk aus den seltsamsten Winkeln der Sechziger Jahre zumindest einmal gehört haben, nein, so oft wie möglich hören sollte).


Andere Höhepunkte waren „Way to Shelkar“, ein hier als spannende Folk/Noise-Kombination präsentiertes Lied von Tune In, Turn On, Free Tibet, oder auch das eingängige „Marrakech“ von Lama Rabi Rabi. Das Publikum war wie bereits erwähnt kein allzu großes, doch war es begeistert genug, um Ghost (sehr zur Freude des zum Schluss doch noch breit grinsenden, in seiner Aura beeindruckenden Masaki Batoh) für zwei separate Zugaben auf die Bühne zurück zu applaudieren; das epische „Orange Sunshine“ (von Second Time Around) endete in einer wunderbaren Kakophonie, während die zweite, ebenfalls sehr schöne, mir leider nicht bekannte Zugabe eines der „zugänglichsten“ Lieder des Abends war. Auch wenn Ghost hier nicht die ganze Bandbreite ihres Werks abdeckten (die exzentrischeren Song-basierten Momente der letzten beiden Alben wurden, was wohl auch mit den vorher erwähnten logistischen Einschränkungen und der Abwesenheit eines anderen langjährigen Bandmitglieds, Taishi „Giant“ Takizawa, zu tun hatte, eher ausgespart), beendete diese zweite Zugabe ein oft beeindruckendes Konzert.

 

Die Geister, die uns heimsuchen... 

Dieses hatte es geschafft, einen Aspekt noch einmal deutlich zu machen, der für die Brillanz von Ghosts Werk wohl ebenso wichtig ist wie genial gewählte Performance-Orte und perfekte Kombinationen selten benutzter Instrumente, zwischen Ausführungen über letztere Gewohnheiten bzw. Eigenschaften aber recht schnell verloren gehen kann: Ghost schreiben hervorragende, ebenso originelle wie mitreißende Songs und verstehen es auch, diese unverwechselbar klingen zu lassen, wobei für mich hier besonders die von Michio Kuriharas Gitarre erzeugten Texturen den Sound oft auf eine ganz eigene, faszinierende Ebene zu heben vermochten. Äußerungen im offiziellen Ghost-Forum lassen befürchten, dass man die Band so schnell nicht mehr auf europäischen Bühnen sehen wird; dies könnte aber auch einfach ein Ausdruck der Unvorhersehbarkeit von Ghosts Entwicklung sein. So schnell werden wir diese Geister sicher nicht los, und womit auch immer sie uns in der Zukunft live oder auf Tonträgern heimsuchen werden – die Chancen stehen gut, dass es sich weiterhin auf einem nur schwer erreichbaren Qualitätslevel abspielen wird.

Text: Maximilian Spiegel

Fotos: Lukas Ertl 

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AutorInnen

Maximilian Spiegel (Gastautor)



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