2007-04-02 00:10:58
„Wir brauchen wieder mehr Kinder!“, „Die Achtundsechziger sind schuld!“ und „Patriotismus muss her!“: Phrasen dieser Art werden von einer sowohl in Deutschland als auch in Österreich tonangebenden „Neuen Bürgerlichkeit“ vor sich hergetragen. Der deutsche Journalist Christian Rickens macht mit seinem letzten Herbst erschienenen Buch „Die neuen Spießer“ endlich Schluss damit – mit der dafür notwendigen Coolness.
„Das Desaster für die kommende Generation ist vorhersehbar. Das System kümmert sich stattdessen um Ein- und Zuwanderer, Asylanten, Kriegs-und sonstige Flüchtlinge, heute zeitgeistig „MIgranten“ genannt. Der horrende Anstieg einer entsprechenden Ausländerkriminalität ist zwar eine Tatsache, darf aber aus Gründen der politischen Korrektheit nicht beim Namen genannt werden, denn wer will sich schon als „fremdenfeindlich“ beschimpfen lassen?“ Diese Passage stammt aus der mit der Überschrift „Deutschland als Auswanderungsland“ – man staune der deutlichen Ironie wegen, denn bis jetzt hat doch immer die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, Angst gemacht! – versehenen Kolumne des Publizisten Jürgen Müller, erschienen in der aktuellen Ausgabe der mit Holocaust-Leugnern sympathisierenden „Zur Zeit“. Und es sind unzählige andere ähnlich klingende Sätze, die ob ihrer zutiefst lächerlichen und aus dem empirischen Zusammenhang gerissenen Inhalte nur ungern zitiert werden wollen. Ein Leser, der auch nur halbwegs bei klarem Verstand ist, fragt sich wohl zurecht, warum solche Kommentare, an Naivität ja nicht zu übertreffen, überhaupt veröffentlicht werden (dürfen).
Brillenträger = CDU-Wähler = Spießer?
Der deutsche Journalist Christian Rickens, Jahrgang 1971, veröffentlichte letzten Herbst ein Buch namens „Die neuen Spießer“, das mit dem Aufhänger „Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“ auch noch einen passenden Subtitel vorzuweisen hat. Rickens, zurzeit „Trends“-Redakteur beim „Manager Magazin“, legt darin die am häufigsten vorkommenden Thesen der „Neuen Bürgerlichen“ (z.B. „Wir brauchen wieder mehr Kinder!“) dar und widerlegt sie mit seiner seriösen wie ironischen Weise auch gleich. In zehn übersichtlich gehaltenen Kapiteln – unter anderem „Werteverfall oder: Die Achtundsechziger haben uns zu Egoisten gemacht!“ – erklärt er, warum letztendlich alle von den Spießern aufgebauten und zurechtgezimmerten Floskeln wie ein fragiles Kartenhaus zusammenstürzen: Weil sie zum Beispiel die Empirie entweder missverstehen oder, das ist ungemein schlimmer, gar nicht anwenden. Und weil sie essentielle Punkte wie die von den Achtundsechzigern erreichte Liberalisierungswelle eine gesamte Demokratie betreffend negativ deuten und allen Ernstes kühl behaupten, mehr Freiheit bedeutet eben auch weniger Anstand und Courage. Richtung des auch immer gerne eingesetzten Spruchs von dem „Werteverfall der Gesellschaft“ schreibt er mit schöner Lässigkeit: „Es gibt nach Ansicht der seriösen Soziologie keinen allgemeinen Werteverfall – wohl aber einen Wertewandel. Dieser Wandel verläuft nach Klage `s (Helmut Klages, deutscher Soziologe; Anm. d. Autors) Ansicht genau in die richtige Richtung: Er macht den Menschen fit für das Leben in der Moderne“. Logisch, dass den reaktionären Bürgerlichen die Moderne als gefährlich erscheint: Es könnte sich ja etwas verändern.
Mit der Frage, was denn überhaupt ein Spießer sei, tut sich Rickens auch alles andere als leicht, obwohl er für sich konstatiert: „Niemand ist für mich ein Spießer, weil er einen bestimmten Lebensstiel lebt. Spießigkeit ist für mich Ausdruck einer geistigen Haltung. Spießigkeit hat heute nichts mehr mit Einfamilienhäusern und IKEA-Family-Card zu tun, dafür aber viel mit Intoleranz, mit Misstrauen gegenüber anderen Menschen, Ideen und Religionen, mit der Verabsolutierung des eigenen Lebensentwurfs und einer aus Zukunftspessimismus gespeisten Abwehrhaltung gegen alles Neue.“ Besser ist die Physiognomie eines Spießers wohl nicht erklärbar. Der Fall, dass ein bebrillter Thirtysomething definitiv bei der CDU sein Kreuzchen macht, muss also nicht unbdedingt gegeben sein; auch wenn zwischen den Zeilen hervorgeht, dass Rickens bis jetzt immer solche Erfahrungen gemacht hat.
Österreich = Deutschland?
Klar, Rickens schrieb sein Buch aus der deutschen Perspektive. Auf Österreich lässt sich die „Neue Bürgerlichkeit“ – auch wenn dieser Begriff bisher noch unter der publizistischen Decke schläft –, sowie folgerichtig die Quintessenz des Werkes ummünzen. Das Nachbarland ist zwar in der Debatte über dieses Thema weit voraus, jedoch ist im „Schnitzelland“ eine an alten Werten orientierte Gruppe politische ebenfalls präsent – ein Blick in das Parlament genügt. Die Frage hier ist, wie diese ewiggestrigen Kalauer von der Gesellschaft angenommen werden: Ist es schon selbstverständlich, ein den im letzten Nationalratswahlkampf vonseiten der FPÖ eingesetzten Slogan „Daham statt Islam!“ zu glauben? Oder setzt sich die Gesellschaft, die intellektuelle Minderheit, kritische damit auseinander und hinterfragt es?
Angesichts zweier im Jahr 2006 veröffentlichter Bücher von der Fernsehmoderatorin Eva Herman („Das Eva-Prinzip“) und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher („Minimum“) erscheint zurzeit nur folgender Spruch von Bertolt Brecht sinnvoll: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!“
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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