2012-10-11 12:32:25
Zehn Jahre Wohnzimmer Records gehört nicht nur gebührend gefeiert, darüber sollte man auch reden. Kerstin Breyer und Lelo Brossmann über die Anforderungen, die das Betreiben eines Indie-Labels auch nach einem Jahrzehnt mit sich ziehen.
Eigentlich führen die Betreiber des renommierten Wiener Indie-Labels Wohnzimmer Records so gut wie nie Interviews über ihre Tätigkeiten. Doch dieser Tage ist alles anders. Am 11. Oktober starten die wöchentlich stattfindenden Feierlichkeiten anlässlich des zehnjährigen Label-Jubiläums im Wiener Chelsea. Gerade noch Gast in der FM4 Morningshow, sitzen Kerstin Breyer und Lelo Brossmann fm5.at im Café neben dem Funkhaus Rede und Antwort über das, was sie eigentlich nebenher, aber mit viel Herzblut, leisten.
Viele Geschichten über Labelgründungen beginnen damit, dass man selbst eine Band hat, die nirgends unterkommt und man daraufhin ein eigenes betreiben möchte. Das kann man in eurem Fall ja ausschließen. Daher: Was war euer konkreter Anlass ein Indie-Label zu gründen?
Lelo: Zu dem Zeitpunkt, wo wir darüber nachgedacht haben ein Label zu gründen, gab es noch keine Bands dafür. Ich habe damals selber Musik gemacht und mein damaliger Schlagzeuger Philipp hat ein Tape mitgebracht von seiner Zweitband und wollte eigentlich nur wissen, was ich davon halte. Kerstin und ich haben das super gefunden obwohl nur ein Song drauf war – das war "Kult" von Zuka– und wir haben uns angesehen und gemeint, dass das genau die Band ist, für die es sich auszahlen würde, ein Label zu gründen. Das ist die unspektakuläre Gründungsgeschichte von Wohnzimmer Records.
Wenn ihr auf die vergangenen zehn Jahre zurück blickt – könnt ihr eine Zeit ausmachen, die für euch extrem schwierig war?
Kerstin: 2010 bis 2011 habe ich als extrem schwierig empfunden, wo auch das Label auf der Kippe stand, da wir uns alle neu beruflich ausgerichtet hatten.
Lelo: Auch das letzte halbe Jahr war etwas schwierig, weil Peter [Anm. d. Red. Peter Winkler – der dritte Mitbegründer von Wohnzimmer Records] Vollzeit zum Arbeiten begonnen hat.
Kerstin: Aber wir haben uns zusammen gesetzt und überlegt, ob wir weiter machen oder nicht, und wir haben uns relativ schnell darauf geeinigt, dass wir weiter machen wollen. Mir war dabei wichtig, dass wir es weiterhin so professionell machen. Und ich glaube das ist uns so auch gelungen.
Was hinzu kommt, das diese zwei Jahre schwierig gemacht hat, war, dass unsere Bands auch sehr wenig released haben. Du bist als Label auch immer abhängig davon, wie viele Demos du rein bekommst und was deine Bands aktiv produzieren. Und da war in diesen zwei Jahren einfach wenig. Das hat auch nach außen hin so gewirkt. Aber uns ist wichtiger, dass die Künstler im Vordergrund stehen und nicht wir als Labelbetreiber.
War euch im Vorhinein klar, dass dies kein 40 Stunden Job für euch sein wird? Oder war das vielleicht doch eine kleine Wunschvorstellung zu Beginn?
Lelo: Nein, wir sind mit der Prämisse herangegangen, dass wir uns davon nicht finanziell abhängig machen wollen. Denn dann bist du gezwungen Kompromisse eingehen zu müssen was die Musik betrifft, wie beispielsweise nur Sachen zu signen, die sich dann auch super verkaufen. Deshalb war es immer so geplant, dass wir das Label nebenbei betreiben und die eigene Existenz wo anders liegt.
Kerstin: Eine Art Hobby.
Lelo: Aber ein professionelles Hobby, und so, dass man nicht davon leben muss.
Wie sieht es mit den Zusendungen aus, die ihr im Durchschnitt zugeschickt bekommt?
Kerstin: Viele. Man kann sagen circa eine pro Tag.
Wonach wird die Entscheidung gefällt? Man hat den Eindruck, dass ihr vermehrt bei eurem Stamm an Bands bleibt und eigentlich wenig neue hinzukommen.
Lelo: Man muss sich auch einschränken. Wir sind teilweise zeitlich am Limit und fünf bis sechs Releases im Jahr sind einfach schwer handlebar. Es ist auch mit einem finanziellen Aufwand und natürlich mit einem Risiko verbunden. Es sieht so aus, als ob wir kaum neue Sachen herausbringen, aber wir hören uns definitiv jedes einzelne Demo an und spielen uns die gegenseitig vor, wenn einer von uns etwas gut findet. So sind auch die meisten unser Signings zustande gekommen.
Kerstin: Es ist auch teilweise so, dass wir vieles bekommen, das nicht zu uns passt. Es ist wichtig, dass es allen drei gefällt – was schon extrem schwierig ist – und es unseren musikalischen Ansprüchen entspricht. Es ist eben ein Nullsummenspiel für uns und muss daher immer finanzierbar sein. Das heißt wir können nur so viele Releases veröffentlichen, wie es finanziell machbar ist. In den letzten Jahren hatten wir zum Beispiel keine Bands, die uns gefallen hätten. Heuer waren es auf einmal drei Signings.
Lelo: Es gibt Phasen, da gefällt einem nichts von dem, was reinkommt und dann wiederum interessiert man sich für fünf verschiedene Sachen. Da muss man abwägen, ob sich das mit der Releaseplanung überhaupt ausgeht.
Kerstin: Und was man nicht vergessen darf ist, dass die Vorläufe sehr lang sind. Ein Beispiel: Paradies der Tiere wurde jetzt im Juni veröffentlicht, die bereits ein Jahr zuvor wegen dem Vertrag zusammen gesessen sind. Oft dauer es von der Abgabe des Demos oder der ersten Proberaumaufnahmen bis zur Veröffentlichung des Tonträgers ein Jahr.
Wenn wir schon beim wirtschaftlichen Aspekt sind: Wie haben sich die Anforderungen im Laufe der Jahre geändert?
Lelo: Mit Blick auf die CD-Herstellung hat sich nicht so viel verändert bis auf die Rückgänge der CD-Verkäufe. Man spricht von einem toten Medium, wobei Vinyl wiederum ein Revival hat und die Leute wieder vermehrt Vinyl kaufen. Das heißt um am Markt etabliert zu sein müsste man nun in beiden Formaten produzieren, was auch in kleinen Auflagen eine finanzielle Challenge ist. Aus der Sicht der Produktion hat sich verändert, dass es einerseits jetzt den Musikfonds gibt, der den Bands zugute kommt und dadurch auch uns, weil Bands beim Musikfonds ansuchen können und eventuell ihre Studioproduktion gefördert bekommen.
Und generell hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Produktionsvorgang revolutioniert, weil sich mittlerweile mit einem durchschnittlichen Laptop ein radiotaugliches Album produzieren lässt. Das kommt einem kleinen Label mit finanziellen Beschränkungen zugute.
Du hast angesprochen, dass der Musikfonds euch sozusagen indirekt zugute kommt, doch wer unterstützt das Label sonst noch?
Lelo: Der SKE Fonds von der Austromechana unterstützt die Anfertigung von CDs, doch man hört, dass auch dort die Mittel am schwinden sind und weniger Sachen gefördert werden. Möglicherweise hat dieser dann ein Ablaufdatum, was für uns sehr schlimm wäre, weil uns der Fonds viel finanzielles Risiko abnimmt.
Kerstin: Durch die beiden Fördertöpfe hat sich auch die Qualität der Produktionen in Österreich extrem verbessert. Teilweise hört man im Radio keinen Unterschied mehr zwischen einer so genannten internationalen Produktion und einer heimischen, weil viel Geld in die Bands hierzulande investiert wurde. Das finde ich großartig.
Lelo: Ein weiterer positiver Aspekt der Förderungen ist, dass Leute, die selbständig ein Tonstudio betreiben, auch davon leben können und das zudem höchst professionell machen.
Die Frage, ob ihr euch heute nochmal entscheiden würdet, ein Label zu gründen, denke ich, kann ich mir sparen, denn die Antwort würde „ja“ lauten…
Kerstin: …ja absolut!
…daher frage ich lieber: Was hättet ihr in der Vergangenheit anders gemacht?
Kerstin: Wir würden uns sofort jemanden ins Boot holen, der sich wahnsinnig gut mit Förderungen auskennt. Wir sind die Welt schlechtesten Förderungseinreicher – bis wir angefangen haben, Förderungen anzufragen…
Lelo: …wir sind da ein wenig unfähig.
Kerstin: Das würde ich machen – jemanden einstellen, der sich nur um Förderungen kümmert.
Lelo: Einen Formularexperten [beide lachen].
Danke für das Interview!
Termine
Konzerte
11.10.12 Wild Evel & The Trashbones, The Boys You Know
18.10.12 Kreisky, Destroyed But not Defeated, Paradies Der Tiere
25.10.12 Velojet, Shy
01.11.12 Christoph und Lollo, Brosd Koal, Petsch Moser
DJs
11.10.12 Stuart Freeman & Michi Hatz
18.10.12 Joe Luce & Lelo Brossmann
25.10.12 The Laming Hips & Miss Behave
01.11.12 Man On the Moog & Corner
VVK gibt es bei der Jugendinfo in Wien
VerhaltensUNgestörtes Einzelkind, Belegerin diverser Massenstudien mit großem Faible für Alltagseskapismus mittels Ton und Schrift.
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