2012-05-15 10:00:40
Christoph Schmitz legt mit "Das Wiesenhaus" einen auf den ersten Blick unauffällig durchschnittlichen Roman vor, der seine Größe aus der konsequenten Betrachtung eines Durchschnittsbürgers bezieht. Eine Erzählung vom Leben und Sterben.
"Erzählen muss ich, bevor ich vergesse, bevor ich vergessen werde."
Die Menschheit altert, die Lebenserwartung steigt unaufhörlich, aktiv bis ins hohe Alter zu sein, wird zur Regelmäßigkeit, denn zur Ausnahme. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist der frühe Tod: Je länger Menschen durchschnittlich leben, desto mehr Aufmerksamkeit erfahren Todesfälle jüngerer Menschen. "Mitten im Leben stehend" bezeichnet man sie, die dann "viel zu früh" verscheiden. Oft ist es der Krebs, der Schuld am Tod trägt - mittlerweile zweithäufigste Todesursache in Österreich und nicht selten eine aussichtslose Schlacht. Zu wissen, dass man stirbt und sich darauf vorzubereiten ist dabei die größte Herausforderung.
Was will ich noch erleben, was soll von mir bleiben, von wem verabschiede ich mich? Eine unüberschaubare Masse kultureller Arbeiten werden von diesem Topos dominiert, auch Christoph Schmitz' Debütroman "Das Wiesenhaus" ist diesem Genre zuzuordnen. Und dabei doch ganz unauffällig eigenständig.
Vergangene Zukunft
"Erzählen muss ich, bevor ich vergesse, bevor ich vergessen werde. Nur sporadisch habe ich die eine oder andere Geschichte meiner Frau und später unseren Kindern erzählt, zur Unterhaltung, zum Vergnügen. Das meiste habe ich ausgelassen. Vorhin standen noch meine Töchter an meinem Bett. Sie wollten wissen, was ich schreibe. Alte Geschichten, sagte ich, für euch. Liest du sie uns vor? fragte die Älteste und schon setzte sie sich mit ihren Schwestern vorsichtig zu mir aufs Bett und schob ihren Kopf vor den Bildschirm. Noch nicht, sagte ich."
Johannes ist etwa 50, Metastasen haben Lunge und Darm befallen. Illusionen sind ihm fremd, er weiß, dass er der Krankheit erliegen wird. Ans Bett gefesselt sind ihm seine Kindheitserinnerungen als das Tröstlichste geblieben. "Bevor ich sterbe, muss ich erzählen."
Erzählen von der Kindheit in einem provinziellen Nest im Rheinland und von unzähligen kleinen Details, die sich im Rückspiegel des Erwachsenen zu einem neuen Bild zusammenfügen. Vom Onkel Jupp, einer ambivalenten, markanten Figur ohne große Skrupel und Moralvorstellungen, dafür mit der Gabe, Menschen zu begeistern, zu lenken. Johannes erzählt die Geschichte seiner Familie, angefangen von den Wirren der Weltkriege, über bürgerliche Lebensentwürfe bis hin zu markanten Brüchen. Von der Demaskierung menschlicher Fassaden, Streit und Verlust, aber auch von zeitlosem Glück, Geborgenheit und Gemeinschaft. "Ich hätte das Paradies kaum wiedergefunden, wenn ich in meiner Kindheit nicht darin hätte leben dürfen."
Besonders zentral in den Erinnerungen nimmt sich dabei ein Ort aus - das Wiesenhaus. Auf einem Hügel des Rheintals gelegen und als Wochenendhäuschen konzipiert, wird die charmante Hütte für Johannes zu einem Rückzugsort und Heim langer Gedankengänge. Ohne zu verklären und allzu idyllische Bilder zu zeichnen, macht er die Tage im Wiesenhaus zum Gegenstand seines Glücks.
Stille und Stil
"Das Wiesenhaus" zeichnet weder eine besonders aufregende Handlung noch ein furioser Sprachgestus aus. All den Verlockungen, den Abschied hochemotional anzulegen und mit Pathos zuzukleistern, widersteht Christoph Schmitz bravourös. Sein Roman ist eine stille Geschichte vom Leben. Ohne große Wertungen und vorgefertige Kategorisierungen. Dafür mit dem höchst sympathischen Stil des Ausgegeglichenen und doch höchst Sensiblen.
Nicht zuletzt ist "Das Wiesenhaus" aber auch keine Geschichte vom Sterben (zumindest nicht primär), sondern ein unbeirrt lebensbejahendes Buch. Der Erzähler schöpft seine Kraft und Legitimation aus seinen Erinnerungen, lebt deshalb aber nicht in seiner Vergangenheit. Repetitiv wird immer wieder die Bedeutung des Mitteilens betont, geteilt werden hier zutiefst aufrichtige Erfahrungen. Reflektiert betrachtet er seinen Weg, der im Grunde genommen völlig durchschnittlich ist und vielleicht gerade deshalb so bindet.
Das Debüt des Kulturredakteurs Christoph Schmitz ist die leise Geschichte eines Mannes "mitten im Leben". Den hier zu Papier gebrachten Stil kann man mögen (oder eben auch nicht) - wer dieses Werk aufmerksam und mit der Fähigkeit für den zweiten Blick liest, wird mit einer unfassbar authentischen Lebensgeschichte belohnt.
"Ich warte. Ich warte." Die letzten Worte des Buches mögen doch bitte gleich für das nächste gelten: Literatur von Christoph Schmitz könnte noch sehr bedeutend werden. Als Plädoyers für das bedingungslos ehrliche Leben.
Das Wiesenhaus
von Christoph Schmitz
Erschienen bei Suhrkamp
gebunden, 196 Seiten, 23,60€ (A)
ISBN: 978-3-518-42285-4
Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -
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