2007-04-02 00:15:34
Ein melancholisch-witziger Film über das Leben in einem kleinen Einkaufsviertel in Buenos Aires, die Suche nach sich selbst und seinen Wurzeln…
Orientierungslos
Ariel Makaroff (Daniel Hendler) ist trotz seiner 30 Jahre immer noch auf der Suche nach seiner Identität. Er ist ein Studienabrecher, der gelegentlich in dem Dessousgeschäft seiner Mutter aushilft, jedoch nicht recht weiß, was er mit dem Leben anfangen soll. Auch mit seiner Freundin ist erst seit kurzem Schluss, einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Sie waren einfach schon zu lange zusammen. Gelegentlich trifft er sich mit der hübschen Rita vom Internet-Cafe gegenüber.
Vergangenheit
Ariels Großeltern kamen vor langer Zeit auf der Flucht vor dem Holocaust von Polen nach Argentinien. Über die Vergangenheit und die jüdischen Wurzeln spricht seine Familie jedoch nicht gerne. Seine Großmutter beispielsweise war damals in Polen eine leidenschaftliche und begnadete Sängerin. Um ihren Gatten nicht an das Leid der Vergangenheit zu erinnern, gab sie ihr Talent jedoch auf. Erst jetzt durch Ariels Neugierde beginnt sie wieder zu singen und entdeckt dadurch alte Lebensfreunde. Duch die Verschwiegenheit der Familie bleiben ihm deshalb viele Fragen unbeantwortet, vor allem auch jene nach dem Verschwinden seines Vaters als Ariel noch ein Baby war. Sein Vater ging damals fort, um in den Krieg für Israel zu ziehen und kehrte nie wieder zurück. Außer einigen wenigen Anekdoten, die im Viertel immer wieder erzählt werden, besitzt er als einzige Erinnerung ein Amateurvideo von seiner Beschneidung. Darin huscht der Vater jedoch kurz durch das Bild. Auch das Wäschegeschäft der Mutter trägt noch den Namen des Vaters. Ariel möchte sich auf die Suche nach seinen europäischen Wurzeln machen und deshalb den polnischen Pass beantragen. Die Frage nach seinem Vater steht jedoch im Vordergrund: Warum nur verließ der Vater die Familie, um in den Krieg zu ziehen und warum kehrte er nie mehr zurück?
Mikrokosmos
Währendessen Ariel über diese Fragen nachgrübelt, betreibt er zusammen mit seiner Mutter den kleinen Laden für Damenunterwäsche in der etwas heruntergekommenen Ladenpassage in der Innenstadt von Buenos Aires. In dieser Passage spielt sich auch Ariels Leben ab. Hinter jedem kleinen Geschäft verbergen sich Geschichten, die liebevoll und mit wunderbarem Sinn für Humor erzählt werden. Da ist beispielsweise ein koreanisches Pärchen, das in seinem Laden Feng-Shui-Artikel vertreibt. Paradoxerweise lernten sie Feng-Shui erst in Argentinien kennen. Ariel hat bis zu diesem Zeitpunkt nie ein Wort mit ihnen geredet. Nun endlich, nach vielen Jahren, betritt er das Geschäft und lernt deren Geschichte kennen. Dann ist da noch das kleine Internet-Cafe, in dem die attraktive Rita arbeitet und eine sonderbare Beziehung zu einem älteren Herren pflegt. Niemand weiß jedoch in welcher Beziehung die beiden stehen. Die italienische Familie im Viertel kommuniziert immer nur schreiend und zwei wunderliche jüdische Brüder, die eigentlich gar keine sind, handeln mit Stoffen. Dann gibt es noch Oswaldos Schreibwarengeschäft, das seine besseren Zeiten längst hinter sich hat. Der Film zeigt einen kleinen überschaubaren Mikrokosmos mit warmherzigen Charakteren verschiedener Herkünfte, der jedoch langsam zu verfallen droht.
Die Frage nach der „Identität“
Dem Regisseur Daniel Burman, der selbst aus einer polnisch-jüdischen Familie stammt, ist mit El Abrazo Partido (zu Deutsch: die verschwundene Umarmung) ein heiter-melancholisches Portrait einer Generation im heutigen Argentinien gelungen, die sich zwischen verblassender Tradition und unsicheren Zukunftsperspektiven zu Recht zu finden versucht. Den Filmemacher interessiert vor allem die Frage nach der Identität und wie sie sich zusammensetzt: „Ich versuche den Weg zu zeigen, der die Struktur einer Identität bildet; Ein Weg voller kleiner Anekdoten, tragischer und komischer Momente, und voller Wahrheiten und Lügen.“
Ausgezeichnet
Der Film geht auf charmant-melancholische und zugleich subtil-witzige Weise dieser Frage nach. Die nervös-wacklige Kamera, die schnellen Schnitte und das lebhaftes Geplauder dominieren und lassen Bilder in den Hintergrund treten. Was anfangs etwas anstrengend erscheint, passt jedoch gut zum Seelenleben des Protagonisten, der immer auf der Suche nach Antworten ist. Daniel Hendler, der den perspektivlosen Ariel verkörpert, erhielt auf der Berlinale 2004 den Silbernen Bären für seine schauspielerische Leistung. El Abrazo Partido wurde zudem mit dem Großen Preis der Jury gekürt. Auch auf dem Lateinamerika Filmfestival Lleida 2004 könnte der Film zu Recht einige Auszeichnungen für sich gewinnen.
Kinostart: 7. Juli 2006
Sorge dich nicht um das was kommen mag, weine nicht um das was vergeht, aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren, und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen. (Friedrich Schleiermacher)
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