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Einmal Techno, bitte!

2009-03-17 17:59:40

  • and sound Lost

In „Lost and Sound – Berlin, Techno und der Easyjetset“ geht der Musik-Journalist Tobias Rapp dem Phänomen des Berliner Nachtlebens auf den Grund. Dort beginnt das Wochenende nämlich schon am Mittwoch.

Berlin ist nie tot. Die Beziehung Berlin und Techno schon gar nicht. Ganz im Gegenteil. Gewiss, bei den Worten Berlin und Techno denkt man zuerst wahrscheinlich an die legendäre (jetzt ohnehin nicht mehr in Berlin stattfindende) Love Parade, an Westbam und Co. Und kommt danach vielleicht zu dem Gedanken, dass das mit Berlin eh nichts mehr wird und dass alles ein 90er-Ding sei. Dass jene Stadt, die einst auch Größen wie David Bowie beherbergte, ihren Spirit schon längst verloren hat. Doch gerade in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts lässt sich ein gewisser Berlin-Trend – wenn auch auf ganz andere, neue Art und Weise – erkennen. Tobias Rapp, langjähriger taz-Redakteur, jetzt Musikkritiker beim Spiegel, packte all diese Gedanken rund um die Bundeshauptstadt in sein vor kurzem erschienenes Buch Lost and Sound – Berlin, Techno und der Easyjetset.

Berlin, nur du allein!


Rapp, das merkt man gleich zu Beginn, ist ein Auskenner, und wenn jemand ein Buch über dieses Phänomen namens elektronische Musik trifft Stadt (oder umgekehrt) schreiben sollte, dann er. Er trifft einen angenehmen, nicht überdrehten, sondern nüchternen Ton: „Dieses neue Berlin“, so merkt er an, „das jedes Wochenende Tausende von Ausgeh-Touristen anlockt, ist die Feier-Hauptstadt der westlichen Welt. Es ist eine Stadt, in der die Mieten billig sind und die Behörden äußerst liberal. Wo das Realitätsprinzip der anderen Städte zugunsten eines umfassenden Lustprinzips ausgesetzt ist. Niemand muss hier wirklich arbeiten, außer an irgendwelchen Kunst- oder Musikprojekten, ständig machen neue Clubs auf, und eigentlich ist man ständig nur auf Partys. Vor allem das.“

Doch wie sich so einer interessanten, gigantischen, man möchte fast sagen Party-Stadt wie Berlin nähern, ohne die üblichen Erwartungshaltungen zu befriedigen oder diverse Allgemeinplätze abzusondern? Rapp gelingt das mit Lost and Sound vorzüglich. Er führt uns durch eine faszinierende, vor allem faszinierend junge, progressive Stadt, die nicht nur für Tanznasen alles und mehr zu bieten hat, baut auch politische sowie ökonomische Aspekte (Stichwort „Easyjetset“) ein und vermengt dies zu jenem Werk, das jenes Berlin der Nullerjahre wohl am besten erklärt.

Vor allem seine Herangehensweise sticht hervor: Nicht nur, dass er das Offensichtliche erörtert – Wir-Gefühl am Dancefloor, Anekdoten aus dem Clubgeschehen, das übliche Schlangestehen vor dem Türsteher –, sondern er klärt auch mit zahlreichen Hintergrundgeschichten auf, lässt uns mehr über das Projekt MediaSpree mitsamt einer Bürgerinitiative wissen und interviewt einige Clubbetreiber des Berliner Nachtgeschehens, die uns das Treiben aus ihrer Sicht schildern.

Arm, aber sexy!


Vor allem ein ökonomischer Faktor, den Rapp ins Treffen führt, sticht sofort ins Auge: Der sogenannte Easyjetset. Das meint hier den Umstand, dass jedes Wochenende tausende von tanzwütigen Touristen aus aller Welt mit günstigsten Flügen in Berlin landen und sich dort für zwei, drei Tage aus dem Alltag ausklinken und dem Hedonismus frönen. Er meint dazu treffend: „Der Easyjetraver ist das bestimmende Subjekt der europäischen Ausgehkultur der nuller Jahre. Er kam, ohne sich groß anzukündigen, und hat sich zu einer der wichtigsten subkulturellen Figuren der Gegenwart entwickelt. Seine Bedeutung ist enorm. Er hat die europäische Clubgeografie gründlich durcheinander gebracht.“

Zumindest darin unterscheidet sich das heutige Tanz-Berlin von dem der 90er – es wäre also nicht nur deswegen etwas voreilig und unachtsam, die heutige „Hipness-Hauptstadt“ (Rapp) als ein Ding der 90er zu betrachten. Eines lernt man in diesem Buch auch: Berlin hat verdammtes Glück, so zynisch das klingen mag, historisches und ökonomisches. Denn gäbe es keinen beschriebenen Easyjetset, man würde sich nicht ausmalen wollen, wohin das führt. Und gerade eine Stadt, die sich (finanziell) auf das Nachtleben stützt – wieso sonst in aller Welt gäbe es eine Berliner Club Commission und eine Clubbeauftragte des Senats (sic!) –, hat es dringend notwendig, jedes Wochenende von Touristen aus Gottweißwo besucht zu werden.

Berghain, Bar 25, Watergate. Use it or lose it!

„Der längst zum geflügelten Wort avancierte Spruch des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, Berlin sei „arm, aber sexy“, ist im Grunde nichts anderes als die zum Slogan geronnene Philosophie der Zwischennutzung. Für die Umsetzung großer Pläne ist kein Geld mehr da. Also feiern wir in den Gebäuden, die wir haben.“ Vielleicht, glaubt man zu wissen, stimmt das in manchen Teilen Berlins wirklich: Es gibt kein Leben nach der Sperrstunde.


Lost and Sound – Berlin, Techno und der Easyjetset
von Tobias Rapp
erschienen im Suhrkamp Verlag

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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