Habermas, Arendt, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Parson, Luhmann und viele andere haben die politischen Theorien des 20. Jahrhunderts geprägt. Diese Einführung ist eine Pflichtlektüre für jeden Politik interessierten Menschen, da sie nicht nur diese komplexen Theorien verstehbar machen - sondern auch historisch verorten.
Zugegeben, ich war skeptisch, ob eine Einführung in die politische Theorie bzw. politische Philosophie des 20. Jahrhunderts auf 227 Seiten gelingen könnte. Doch sollte sich dieses Vorurteil bald widerlegen. Ich war sehr positiv überrascht, wie es den Autoren gelungen ist, diese oftmals nicht nur sprachlich hochkomplexen Theorien in einfache und vor allem verständliche Sätze zu fassen. Für mich war das Buch eine echte Bereicherung mich diesen Theorien anzunähern.
Natürlich kann man einer solchen Abhandlung immer den Vorwurf machen, dass sie auswählend sei, zu sehr reduzieren würde oder einfach "wichtige" Gesichtspunkte unterschlage. Ich persönlich halte dem entgegen, dass es so verstehbar wird und vor allem auch über den Kontext hinaus greifbar wird. Manchmal sind die Theorien so komplex, dass man den Kontext aus den Augen verliert, was die Theoretiker des 20. Jahrhunderts eigentlich sagen wollen. Dies darzulegen gelang Hartmann/Meyer sehr gut.
Ich erlaube mir hier einige Autoren und Theorien, die in diesem Buch dargestellt sind, im Folgenden anzuführen. Natürlich noch einmal stark verkürzt.
Arendt
Bei Arendt war es sehr aufschlussreich wie die Autoren darauf hingewiesen haben, warum gerade zu jener Zeit vermehrt die Polis der Antike wieder ein Bezugspunkt der Philosophen wurde. Ihr Verhältnis mit Heidegger darf natürlich hier auch nicht fehlen - immerhin "sex sells".
"Angelpunkt der Arendtschen Staatstheorie ist die Republik oder genauer die gemischte Verfassung eines Aristoteles und Montesquieu. Arendt versteht den Staat nicht so sehr als Institutionenordnung, sondern vor allem als eine Werteordnung. Diese Werte stecken allerdings nicht in Verfassungsproklamationen und Gesetzespostulaten, sondern im Geist und im Handeln der Menschen, die im Staat leben." (76)
Auf die Ausführungen zu der Frankfurter Schule und ihren Mäzen die Familie Weil soll an dieser Stelle ebenso übergangen werden, wie die überaus interessanten Ausführungen über Gramsci - und dessen Bedeutung für die Theorie.
Adorno
"Theodor Adorno stammte aus dem großbürgerlichen Frankfurter Kaufmannsmilieu. Auch er studierte Philosophie, gelangte jedoch über eine ästhetisierende Sozialkritik zur marxistischen Analyse. Adornos Interessen galten in starkem Maße der Kunst und insbesondere der Musik. In einer an Musik interessierten Familie aufgewachsen, enthält sein Werk zahlreiche Arbeiten zur Musikkritik. Dem groß- und bildungsbürgerlichem Herkunftsmilieu blieb Adorno zeit seines Lebens verhaftet, ebenso dem hochabstrakten Gestus und der komplizierten Sprache der deutschen Philosophie. "(90)
Solche Zusammenfassungen finden sich vielleicht noch in anderen Lehrbüchern. Aber die vielfältigen Querverbindungen machen es so lesenswert, im Fall von Adorno und Horkheimer beispielsweise ihre Erfahrungen im Exil in den USA. "Bei aller Dankbarkeit für die Aufnahme in Amerika blieben sie dort heimatlos: Ihre Bildung galt dort wenig, Kunst- und Musikverstand wurden dort gesellschaftlich nicht sonderlich geachtet, die Sozialwissenschaften hatten für ihre marxistischen Ideen wenig übrig." (100) In Europa in Kreisen der Wissenselite groß gefeiert brachte die amerikanische Gesellschaft ihnen keine Sympathie entgegen.
Über die Demokratie als Polyarchie von Robert Dahl über die Gerechtigkeitstheorie von Rawls und deren kommunitaristische Antwort von Michael Walzer möchte ich ihm Rahmen meiner Abhaldung die Systemtheorie von Parson vorstellen.
Parson
Was verbindet Menschen zu einer Gesellschaft? Hobbes hat diese Frage mit dem Sicherheitsdilemma beantwortet. (…) die Lösung der Sicherheitsfrage lässt die Frage offen, wie die materielle Reproduktion vonstatten geht, wie eine kollektive Identität zustande kommt und wie es gelingt, die Herausforderung wirtschaftlicher Subsistenz, kollektiver Handlungsfähigkeit und gemeinsamer Wertvorstellungen zu bewältigen. Parsons´ Gesellschaftstheorie hat einen handlungstheoretischen Ausgangspunkt, sie ist auf den einzelnen Menschen bezogen. (148) Das soziale System fußt nicht auf real existierenden Institutionen. Es besteht im Grunde aus Normen, die dem handelnden Individuum eine Orientierung bieten. (...) Dieses Normengerüst, eben das soziale System, befähigt die Gesellschaft, sich in der Umwelt zu behaupten. Es gliedert sich in vier große funktionale Subsysteme: die Adaption, die Zielvorgabe, die Integration und die Latenz. Jeder dieser Funktionsbereiche dient der Erhaltungsfähigkeit des sozialen Systems als Ganzes. Die entsprechenden Funktionen müssen erfüllt werden. Wie sie erfüllt werden, ist aber eine Sache der Strukturen. (149) Parsons AGIL-Schema sollte in der Politikwissenschaft "berühmt" werden.
Alle Funktionsbreiche des sozialen Systems besitzen schließlich ein spezifisches Medium, das der Verständigung über die Funktionserfordernisse dient. Für die Ökonomie handelt es sich um Geld, für die Integration um Wissen und für die Politik um Macht. (151) Diese Elemente der Parsonschen Theorie finden sich an allen späteren sozialwissenschaftlichen Systemtheorien. (152)
Easton sollte inspiriert davon das Kreislaufmodell entwerfen. Auch die Systemtheorie Luhmanns sollte nicht unbeeinflusst davon bleiben.
Luhmann
Nach Luhmann besitzen Systeme eine allein für sie typische kommunikative Struktur. (209) Systeme entstehen aus sich selbst heraus. Sie werden von der Umwelt bestehender Systeme ausgebrütet. Luhmann bezeichnet das als Autopoiesis. (211)
Kommunikation wird durch Verfahren gesteuert. Verfahren haben in Luhmanns Systemverständnis eine Schlüsselbedeutung. Der Mensch steht dabei außerhalb des Systems, er ist ein Teil der Umwelt. (214) Systeme (...) sind emotionsfreie Sinnwelten, in denen der Mensch als Verursacher keine Rolle spielt. (214) Nur weil der Mensch eben nicht strikt systemrational handelt, sondern die systemgerechte Kommunikation mit seinen Gefühlen vermischt, entstehen Probleme im politischen System. Deshalb spielen beispielsweise Geld und Erwerbsinteressen in das an sich bloß auf Macht geeichte politische System hinein. Auf diese Weise entstehen in Systemen so genannte Irritationen (…) (215)
Diese Machtzuweisung in den Wahlen wird mit Hilfe der Parteien bewerkstelligt. Danach sinkt das Volk zum Machtadressaten herab. Es wird dennoch nicht einfach zum Objekt der Erzwingungsmacht der Regierung. Den Regierenden bleibt es als Machtquelle stets gegenwärtig. Deshalb übt das politische System Macht so aus, dass sie beim Publikum als Ausdruck der eigenen Vorstellungen und Wünsche wahrgenommen wird. (217) Werden aus der Umwelt Ereignisse mitgeteilt, die Macht gefährden, stabilisieren oder steigern, dann sind sie systemrelevant. (218) Trotz seiner Kritik an der Politik benötigt aber auch Luhmann einen Staat in seiner Theorie. Verzichtet die Politik nämlich auf "jegliche Regulierung, so entstehen im ökonomischen System Verwerfungen, etwa durch Verarmung und Arbeitslosigkeit, die Störungen im politischen System oder im familiären System verursachen. (222) Bei Luhmann spielt die Verwaltung eine zentrale Rolle. "Die Verwaltung bewahrt die Politik im Wege der Entscheidungsvorbereitung vor den gröbsten Fehlern." (225)
Jürgen Hartmann/Bernd Meyer, Einführung in die politischen Theorien der Gegenwart. Lehrbuch (Wiesbaden 2005) ISBN: 3-531-14909-1