2010-02-22 11:34:04
Das Volkstheater kürzt Eugene O’Neills Endlostag bis zur Erträglichkeit. Dass an diesem Zwei-Stunden-Abend trotzdem kein Text zu fehlen scheint, dafür sorgen Dieter Mann und Maria Bill.
O’Neills 1956 posthum veröffentlichtes "Long Day’s Journey Into Night" ist das, was man einen
amerikanischen Klassiker nennt: Eine Familie trifft sich im Wohnzimmer und
bricht, zuerst beinahe unmerklich, dann mit oft grotesker Brutalität
auseinander. Im bürgerlichen Original kann man diese Rezeptur gerade in Ibsens "Gespenster" im Theater in der Josefstadt bestaunen, die aktualisierte Version
spielt das Akademietheater in Tracy Letts’ "Eine Familie". O’Neills Variante
ist stark autobiographisch gefärbt: Seine morphiumsüchtige Mutter, der Bruder,
der von der Schwindsucht dahingerafft wird, und schließlich die irische
Herkunft prägen auch "Eines langen Tages Reise in die Nacht." Sie waren wohl
auch der Grund dafür, warum O’Neill den schon 1941 verfassten Text über ein
Jahrzehnt im Tresor verwahrte.
Kein Zuhause in Gelb
Die Inszenierung von Thomas Schulte-Michels am Volkstheater nimmt dem Text auf durchaus radikale Weise seine Atmosphäre. O’Neills seitenlange
Regie- und Ausstattungsanweisungen, die ein sommerliches Strandhausinterieur
samt stimmungsvoller Nebellandschaft zeichnen, werden bewusst ignoriert.
Stattdessen baut Schulte-Michels einen Nicht-Ort auf, eine leere Bühne, auf der
eine Couch und ein Barwagen platziert sind, und die in ein gespenstisches Gelb
getaucht ist. Das Nichtvorhandensein von Räumlichkeit macht eines von Beginn
an klar: Dieses Haus kann kein Zuhause sein, es ist bloß ein seelenloses Vehikel auf
der unvermeidlichen Reise in die Nacht.
Auf der Reise in die Nacht
Die gelbe Schaurigkeit unterstreicht das Unvermeidliche:
Hier folgt keine Familienidylle im August, sondern ein subtiles Spiel mit der
Vergangenheit, mit Erinnerungen, Gefühlen, Schuld, und allzu menschlichem
Versagen. Am Morgen scherzen James Tyrone (Dieter Mann) und seine Frau Mary
(Maria Bill) noch unbeschwert-verspielt, doch als der Tag seinen Lauf nimmt,
kommt das Grauen immer mehr zum Vorschein. Mary ist seit der Geburt ihres
Sohnes Edmund morphiumabhängig, und hat nur mehr wenige wache Momente. James
Tyrone ist ein alternder Schauspieler, der im Grunde seines Herzens noch immer
ein ungehobelter irischer Bauer bleibt. Wie seine beiden Söhne James Jr.
(Günter Franzmeier) und Edmund (Till Firit) ist der Vater Alkoholiker, und in
einem langen Rausch, in dem Morphium und Alkohol und das monotone Gelb der
Bühne immer mehr verschwimmen, spielen sich alle vier der dunklen Nacht
entgegen.
Komplexes Schauspiel
Die Reise wird kürzer als erwartet. Einiges an
Vergangenheitsbeleuchtung wird ausgespart, und auch das Ende, in dem Mary in
ihrem Hochzeitskleid zum geisterhaften Schlussmonolog ansetzt, wirkt abrupt. Es
ist dem grandiosen Spiel der Eheleute zu verdanken, dass trotzdem kein
Sentiment ausgespart bleibt. Beide Charaktere sind als komplexe psychologische
Miniaturen gezeichnet, deren Lebensdramen sich erst mit der Zeit entfalten. Und
doch ist bei Maria Bill und Dieter Mann alles von Anfang an da: die
Zärtlichkeit und die brutale Aggression; die betäubende Apathie und die
schmerzhaften Erinnerungen; die Verletzlichkeit und die Gemeinheit; die
Schuldzuweisung und das gleichzeitige Schuldeingeständnis. In jeder Regung
scheint der komplette Text des Dramas mitzuschwingen: Bravourös zeigen sie vor,
welche Komplexität gutes Schauspielertheater vermitteln kann.
"Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von Eugene O’Neill
Deutsch von Ursula und Oscar Fritz Schuh
Volkstheater, 1070
Wien, Neustiftgasse 1
3., 6., 7., 9., 13., 15., 17., 22., 23., 25., 27., 29. März
3., 11., 19., 22., 23., 30. April
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
Newsfeed von Leopold Lippert abonnieren