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Eine heikle Sache, das Theater

2008-05-11 15:26:58

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Eines muss man ihm lassen, dem Dimitré Dinev. Seine Sprache ist voller Humor, das gilt sowohl für seine Romane und Erzählungen als auch für sein aktuelles Theaterstück "Eine heikle Sache, die Seele". Ein Auftragswerk für das Volkstheater Wien.

Der derzeit allseits (in den deutschsprachigen Medien, in den Wiener Theatern, bei Podiumsdiskussionen) gefragte Dinev hat sich dafür entschieden, ein Stück über sich selbst zu schreiben. Wie es wäre, wenn er kein schreiberisches Talent hätte. Wie es wäre, wenn er nach seiner Flucht aus Bulgarien 1990, nach seiner Ankunft im Flüchtlingslager Traiskirchen und seinen zahlreichen Gelegenheitsjobs nicht den Durchbruch als Schriftsteller geschafft hätte.

Flucht in die Ekstase


Dann würde vielleicht auch ein Bauarbeiterkollege auf einer schlecht gesicherten Baustelle bei einem Unfall ums Leben kommen, dann würden er und eine Handvoll anderer Freunde auch die Totenwache bei ihm halten. Die Totenwache als ein slawisches Ritual in einer Gesellschaft, in der Rituale gar keinen Platz mehr haben. Die Totenwache als eine Seelen- und Geistergeschichte, deren Zweck schließlich die (alkoholgeschwängerte) Flucht in die Ekstase ist.

Damit ist auch der Erzählrahmen vorgegeben. Nach einer kurzen Traumsequenz am Beginn wechselt das Bühnenbild in die Schräglage der anwesenden Seelen: der tote Bauarbeiter Nikodim (Günther Wiederschwinger), der Österreicher und Vorarbeiter Josef Schutt (Johannes Seiler), der Serbe und Freund Bora Soric (Günter Franzmeier), der Rumäne, Freund und Teilzeitphilosophiestudent Virgil Mistrianu (Kai Schumann), der arbeitslose Bulgare Zeko Zekov (Marcello de Nardo) und die eigens engagierte Klagefrau (Claudia Sabitzer).

Das lustige slawische Volk?


Dinev lässt die Figuren Geschichten erzählen, lustige Geschichten, die sich in ihrem Leben ereignet haben. Jede davon eigentlich tieftraurig, vielleicht nur durch den Humor ertragbar. Vielleicht aber auch über das Verdrängen. „Die Seele des Menschen ist so gebaut, dass sie sich schnell neu orientiert, sich anpasst“, so Dinev.

Mit all dem Witz, der sich im Theatersaal durch allgemeines Gelächter bemerkbar macht, geht so manch feiner Zwischenton verloren und man fragt sich: Sind sie, die Bulgaren, Serben und Rumänen, alle so voller Humor, wie uns Dinev weismacht, oder handelt es sich um einen Galgenhumor, der sich im Ritual manifestiert und im Alltag in ein menschenunwürdiges Leben umschlägt? Hier stellt sich dann auch die Frage, warum es keine Serben, Rumänen und Bulgaren am Volkstheater gibt, die diese Rollen übernehmen hätten können? Oder genauso gut, warum es keine Serben, Rumänen und Bulgaren gibt, die sich das Stück im Volkstheater anschauen?

Die Welt ist kaputt. Deswegen fährt man immer mit Werkzeug.


Aber eines muss man ihm wirklich lassen, dem Dinev, seine Sprache ist die Sprache der Leichtigkeit und des Humors. Er überlässt es dem Betrachter, zwischen den Lachern auch die Menschen zu erkennen, die ihre Heimat verlassen haben, um nie irgendwo richtig anzukommen, im Gepäck die Hoffnung auf ein besseres Leben und ein paar alte Rituale und Erinnerungen, die sie überhaupt am Leben erhalten. Und nicht zu vergessen das Werkzeug:

„Schau wie viele Busse kommen. Tschechen und Slowaken kommen nach Österreich. Sie reisen jetzt viel, aber im Gepäck haben sie Werkzeug. Man reist nicht mehr, um die Welt zu sehen. Man kommt hier arbeiten, reparieren. Ist das normal? Kaputt ist das. Die Welt ist kaputt. Deswegen fährt man immer mit Werkzeug.“

Regie: Hans-Ulrich Becker 

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