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Eine Ikone als Unternehmen

2007-04-02 00:13:26

Bücher, Filme aber keine neuen Alben. Bob Dylan wird immer mehr zum Entertainment-Park für alte und neue Fans, die keinen Bedarf an neuem musikalischen Material haben. Robert Zimmermann führt ein straff organisiertes Regiment.

Er ist seit den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts auf seiner „Never Ending Tour“ und überrascht sein Publikum, mit immer neuen Interpretationen, seiner bekannten und weniger bekannten Songs. Der Ursprung für die Suche nach neuen Ausdrucksformen innerhalb seiner, durch Songs gesetzten, Grenzen, lässt sich hervorragend in seiner Autobiografie „Chronicles Volume one“ nachlesen. Dabei ist diese öffentliche Beichte in Essay-Form, Beleg für das Umdenken in Dylans öffentlicher Präsentation.

Konzernchef Robert Zimmermann
Das letzte Album „Love and Theft“ wurde 2001 auf den Markt geworfen. Bob Dylan vollzog dabei die endgültige Transformation, vom Folk-Helden hin zum Cowboy, doch seitdem gibt es nichts mehr vom großen Bob zu hören. Zumindest nichts Neues. Das Leben als „Bobcat“ hat sich radikal verändert. Die Höhepunkte des Jahres für Fans von „His Bobness“, sind sowohl die alljährliche Verleihung des Nobelpreises für Literatur – als dessen Anwärter Dylan seit 1997 gehandelt wurde – als auch die unregelmäßigen aber dafür umso zahlreicheren Veröffentlichungen von Literatur zu Ehren Dylans.

Die Bandbreite reicht dabei von Essays über einen einzelnen Song – Greil Marcus’ „Like a Rolling Stone“ – über Sam Shepards Freundschafts-Buch „Rolling Thunder“ bis hin zu Dylans Autobiographie „Chronicles Volume one“. Die Behandlung der Kunstfigur Bob Dylan erfolgt unter Oberaufsicht des Konzernleiters Robert Zimmermann – der Mensch hinter dem Künstler sorgt für die Vermarktung. Diese nimmt dabei vor allem in audio-visueller Hinsicht, zum Teil sehr eigenwillige Ausdrucksformen an.

Filialleiter Martin Scorsese
Im Hinblick auf die filmische Reflexion nimmt ein anderer großer Kreativer in der amerikanischen Künstlerlandschaft, einen Sonderstatus ein. Nach seiner Beschäftigung mit der mysteriösen Ikone Howard Hughes in „The Aviator“ beschäftigte sich Scorsese mit Dylan und dies an Hand von Archivmaterial und Interviews. Ohne jedoch jemals ein Wort mit seinem Forschungsobjekt zu wechseln, die Interviews führte Dylans Manager.

So ungewöhnlich diese Vorgehensweise erscheint, sie passt genau in das Konzept der Kunstfigur, die sich Mitte der Achtziger Jahre im Inneren von Robert Zimmermann geformt hat. Der Künstler musste zugänglich sein, der Mensch dahinter verschwinden. Zu negativ waren die Erfahrungen mit seinen Fans und seiner Vereinnahmung durch diese als Sprecher der Bürgerrechtsbewegung. Dylan zerstörte ab den Siebzigern bis in die Achtziger hinein, dieses Bild. Der Knackpunkt dafür wird bei Scorseses Dokumentation „No Direction Home: Bob Dylan“ ausführlich beschrieben. Der Wechsel zur elektronischen Gitarre. Der Bruch mit seinem Stammpublikum.

Ambitionierte Gehilfen – Larry Charles und Todd Haynes
Gerade die international gefeierte Dokumentation von Scorsese kann als Ergebnis einer perfekten Organisation verstanden werden, der sich selbst so selbstbewusste Egomanen wie Martin Scorsese unterordnen. Da haben es junge Filmemacher noch viel schwerer, sich dem allumfassenden Einfluss des „Unternehmens Bob Dylan“ zu entziehen. So war es auch ein leichtes für den Dylan-Konzern den Fernseh-Regisseur Larry Charles („Curb Your Enthusiasm“) für den starbesetzten Assoziations-Trip „Masked and Anonymous“ zu gewinnen und in entsprechende künstlerische Bahnen zu lenken.

Nächster Kandidat wird der Kritiker-Liebling Todd Haynes („Far From Heaven“) sein, dessen Quasi-Biografie „I’m Not There: Suppositions on a Film Concerning Dylan“ gemeinsam mit dem Konzernchef erarbeitet wird. Im Gegensatz zu bekannten Musiker-Biopics wie „Ray“ oder dem demnächst anlaufenden „Walk the Line“, lässt sich Dylan aber auf Zelluloid nicht von einem Schauspieler darstellen. Seine Geschichte wird aus der Perspektive sechs verschiedener Individuen erzählt. Robert Zimmermann hat kein Interesse an einer Ausweidung seines persönlichen Lebens. Die Kunstfigur soll im Zentrum stehen.

Die Lehren der Vergangenheit
Es ist diese rigide Vorgangsweise, mit der Dylan/Zimmermann zum einen Publizisten vor den Kopf stößt und andererseits eine nur leicht nachzuvollziehende Handlungsweise. Als 1972 „Eat the Document“ und 1978 „Renaldo and Clara“ ins Kino kamen, wollte Dylan als Regisseur und Drehbuchautor der beiden Werke, das Licht auf die Kunst lenken und stellte sich der eitlen Nabelschau, für die er bis heute von Fans und Kritikern gegeißelt wird.

Mittlerweile hat sich „His Bobness“ – wie er heute noch ehrfürchtig genannt wird – cleverere Taktiken angeeignet. Kooperationen im Maße, Darstellung des Scheins und gekonnte Dekonstruktion des eigenen Mythos. Ob in Film oder seinen dreiteiligen „Chronicles“, in denen ebenso alles vage bleibt und doch exakte Daten widergegeben werden.

Kunst ist Geschäft
Robert Zimmermann hat sich, gestützt auf seinen Manager und eine Schar interessanter und anerkannter Kreativer (wie seinen Freund Sam Shepard oder Todd Haynes), eine Plattform geschaffen. Mit dieser ist es ihm möglich, ein vielleicht falsches Bild zu zerstören und ein eigenes – womöglich verklärtes – aufzubauen. Die Unterstützung dazu hat er zumindest und es muss am Ende wohl doch wieder bis auf das nächste Album gewartet werden, um ganz zu verstehen, weshalb Bob Dylan damals Folk-Messias war und heute ein apokalyptischer Cowboy ist.

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AutorInnen

Patrick Dorner

Patrick Dorner

Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.

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