Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

fokus

Eine Gesellschaft im Umbruch?

2007-04-02 00:13:23

oder "Die Eheschließung als konservativer Heiliger Gral"

Am 8. August verkündet, in der "Grazer Woche", der steirische ÖVP-Klubobmann Christoph Drexler, dass eine rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren rasch erfolgen muss. Seinen Worten lies er Taten folgen, indem er einen Gesetzesentwurf über "eingetragene Lebensgemeinschaften" bei seiner Bundespartei hinterlegen ließ.

Die Chronologie der Ereignisse liest sich beinahe charakteristisch für dass "gewendete" Österreich. Lange tut sich nichts, während der Blätterwald rauscht (nur die Neue Kronen Zeitung findet es nicht der Mühe wert ausführlich zu berichten) und vom Generalsekretär der ÖVP, Reinhold Lopatka – übrigens ebenfalls Steirer und vor seiner Tätigkeit in der Bundespartei Wahlkampfleiter von Waltraud Klasnic – erteilte der ganzen Diskussion eine Absage. Der Schlussstrich soll durch den "Befehl" einer parteiinternen Diskussion gezogen werden. Allerdings ließen sich einige Abgeordnete und Parteiinterne der ÖVP nicht damit abspeisen.

Sommerloch, Profilierungssucht oder Diskussion?

Bauernbund-Präsident Grillitsch wie auch der steirische Landesrat Gerhard Hirschmann haben den Handlungsbedarf erkannt und fordern, dass sich ihre Partei dem gesellschaftlichen Wandel stellen muss.

Andreas Kohl, ansonsten tatkräftiger Unterstützer des großen Schweigers Wolfgang Schüssel ist nun, nach einer turbulenten Woche, plötzlich dazu bereit eine Arbeitsgruppe einzusetzen, welche die Möglichkeiten der rechtlichen Gleichstellung diskutieren soll. Obwohl die ÖVP sich der Unterbindung jeglicher Diskriminierung verschrieben hat, ist eine Anerkennung von homosexuellen Paaren wohl noch nicht bis in die obersten Etagen der Macht vorgedrungen.

Dabei sollte das eigentlich niemanden überraschen. So propagiert die ÖVP, unterstützt von ihrem, seit Jahren dahin siechenden, Koalitionspartner FPÖ, das Bild der traditionellen Familie.
"Die Familie mit zwei Elternteilen und Kindern ist unser Leitbild", heißt es im Grundsatzprogramm wo auch des weiteren ausgeführt wird, wie man sich die Umbrüche in einer modernen Gesellschaft vorzustellen hat.

"Unsere Politik verschließt sich nicht der Tatsache, dass veränderte Lebensperspektiven und Anforderungen in der modernen Gesellschaft zu neuen und vielschichtigen Familiensituationen geführt haben, wie Alleinerziehende, Wiederverheiratete, Familien mit Kindern aus verschiedenen Ehen und Kinder aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Wir berücksichtigen in unserer Politik daher diese Lebensformen und wollen die notwendigen Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen setzen."

Im Regierungsprogramm 2003 – 2006 findet sich diese Ideologie ebenfalls wieder, so wird dort die Verankerung der Familie in der Verfassung als Ziel gesetzt und eine punktgenaue Förderung des Familienbegriffes, wie ihn sich die ÖVP vorgezeichnet hat.

Dass von der steirischen Fraktion ein Überdenken des Grundsatzprogramms ausgegangen ist und auch seine Früchte zu tragen scheint, ist nicht nur überraschend und ein Armutszeugnis der Opposition (namentlich die SPÖ), sondern könnte gleichzeitig auch als Neubeginn einer Diskussion in der Öffentlichkeit zu sehen sein in welcher, laut "market" Umfrage – veröffentlicht am 15.6.2004 – 41 % der Österreicher sich gegen die sogenannte Homo-Ehe aussprechen und nur 29 % deklariert dafür stehen (29 % hatten keine Meinung, 1 % wollte keine Angabe machen).

In einem Land dass sich, unter dieser Regierung, stets des christlichen Erbes und seiner Wurzeln bewusst zu werden sucht, erscheint ein solches Umfrageergebnis kaum überraschend. Und so blieb, bislang, die ernsthafte Auseinandersetzung mit homosexuellen Lebensgemeinschaften auf aktionistische Eheschließungen am "Life Ball" beschränkt, welche zwar keinerlei rechtliche Konsequenzen in sich trugen, jedoch die verzweifelt verfahrene Situation in Österreichs Gesellschaft deutlich darlegt(e).

In Deutschland ist, in gewissen Bundesländern, die eingetragene Lebensgemeinschaft bereits Realität und in Spanien(!!) ist ab 2005, unter einer sozialistischen Regierung, die Eheschließung zwischen homosexuellen Lebenspartnern legal durchführbar, während in Frankreich und den USA ein solcher Schritt noch in weiter Ferne scheint. Die Regierungschefs dieser beiden Nationen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden.

Was bedeutet Ehe?

Ob sich die spanische Einsicht auch bis in das, von katholischen "Skandalen" erschütterte, österreichische Land durchsetzen wird, bleibt fraglich. Die grundsätzliche Frage ob die Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau bleiben soll und damit diskriminierend ist oder ob die eingetragene Lebensgemeinschaft ein Kompromiss ist, welcher homosexuellen Paaren ermöglicht ihre Verbindung auch vor dem Staat zu zeigen, ist der Funke an welchem sich die konservative Mehrheit des Landes entzündet.

Während die Scheidungsraten stetig zunehmen, scheint die Ehe doch noch immer als letzte Bastion zu gelten, in welcher man "unter sich" sein kann. Diese gedankliche Barriere nieder zu reißen und der endgültigen Gleichstellung, in rechtlicher wie sozialer Hinsicht, näher zu kommen, muss ein Anliegen dieser Regierung werden! Das gebietet der einfache Menschenverstand.

Ob es nun das Grundsatzprogramm vorschreibt oder nicht.


Printer Icon



AutorInnen

Patrick Dorner

Patrick Dorner

Im Jahre 1983 geboren in der Steiermark, führte mich mein Weg über einen Zwischenstopp in Graz zum Studium nach Wien. Die meiste Zeit verbringe ich dennoch im Kino und ich würde lügen würde ich die Freude an dieser Beschäftigung bestreiten.

Newsfeed Icon Newsfeed von Patrick Dorner abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop