2007-04-02 00:11:13
Stereo Total erwiesen der Fluc Mensa am Wiener Praterstern am Ostermontag die letzte Ölung.
Begab man sich am Ostermontag so gegen 18.00 Uhr in Richtung Fluc Mensa am Praterstern, traute man seinen Augen nicht: Eine unglaubliche Menschtraube stand vor den Toren und vor einem Zettel, auf dem stand: Abendkasse ab 18.00 Uhr. Alle diejenigen, die sich an der Abendkasse noch eine Karte sichern konnten, waren nun im Besitz eines Zettels, der einen einfachen Kellnerblock um nichts nachstand. Ein Zettel, für den man an diesem Abend am Schwarzmarkt schon unverschämte 20 Euro verlangen konnte.
An diesen Tag betrat wohl jeder, der die Fluc Mensa schätzt, mit einem weinenden Auge die räudigen und gerade deswegen ehrwürdigen Hallen. Denn es war der letzte Abend, bevor die Mensa den Sanierungsarbeiten des neuen Bahnhofsareals weichen musste.
Für eine gewisse Gruppe von Menschen entwickelte sich die Mittagessen-Versorgungsstelle – als welche sie in meiner Generation bei Wienwochenaufenthalten fungierte – in kürzester Zeit zu so etwas wie einer zweiten Heimat. Und viele Icke Micke-Fanatiker (Anmerkung: ehemaliger Club jeden Freitag in der Fluc Mensa) aus meinem Freundeskreis stellen sich nach diesem finalen Abend die berechtigte Frage: „Wohin jetzt an einen Freitagabend in Wien?“
Nun gut, meine Kollegin Marion und ich trafen vorweg Françoise Cactus und Brezel Göring, die zusammen Stereo Total bilden.
„Nur nicht alles zu ernst nehmen!“
Auf dem neuen „Stereo Total“ Album „Do The Bambi“ prangt ein mit treuherzigen Kulleraugen behaftetes Rehkitz, das den Inbegriff des hoffnungslosen Kitsches darstellt. Im Hintergrund sind Francoise und Brezel völlig fertig und sichtlich zerrüttet in Schwarz-Weiß abgebildet. Das Cover soll wohl das Kitschige – und demnach Lustige in einer schwarz-weiß karierten, hoffnungslosen Welt darstellen. Die Texte von Stereo Total als markanter, rosarot glitzernder Anhaltepunkt in einer von Neurosen oder Anorexie geplagten Gesellschaft? „Wir wollen mit unseren Texten provozieren und Probleme ansprechen, jedoch nicht so superdramatisch ernst, sondern mit Witz. Ein bisschen ironische Distanz kann helfen!“ Im Lied „Hunger“ spricht Francoise die Problematik von Anorexie an: „In meinem Freundeskreis gibt es viele Leute, die an Essstörungen leiden. Daran sind vor allem die Medien schuld, die in den idiotischen Frauenzeitschriften diese spindeldürren Models abbilden – das ist ein Skandal!“ „Stereo Total“ sind mit ihrem neuen Album, das im Februar erschienen ist, sehr zufrieden. „Auf „Musique Automatique“ gab es Lieder, die mich total zum Ausflippen brachten und andere wiederum, die nicht so toll waren. Die Songs auf „Do The Bambi“ jedoch, fügen sich zu einem Ganzen zusammen – sie verschmelzen ineinander.“ Das Lied, das Francoise am meisten gefällt, ist „Das erste Mal“. Live spielt sie es jedoch nicht so gerne, weil sie die obszönen „JAAAAAAAAAA“-Schreie in Verlegenheit bringen, welche das Lied in ein lächerliches Licht rücken sollen.
Herumbasteln vs. Spontanität
Brezel – der für die musikalische Begleitung und somit auch für das Technische verantwortlich ist – schildert uns, wie so ein Lied entsteht: „Wir verwenden eigentlich selten den Computer und spielen alle Instrumente selber ein. Ich arbeite viel mit alten Synthesizern und mache auch analoge Elektronik. Oft bastle ich an den Liedern herum und füge die zerschnippselten Teile wieder zusammen, verschiebe sie, etc. Die besten Stücke jedoch sind die, die spontan entstehen. ‘Ich bin nackt’ haben wir zum Beispiel innerhalb von 20 Minuten komponiert und aufgenommen. Als ich danach noch etwas ändern wollte, kam ich nicht mehr in diese ursprüngliche, energetische Stimmung und habe es deshalb so gelassen, wie es ist.“
Sprachenwirrwarr in Françoise Kopf
Françoise – die nicht nur für „Stereo Total“ Texte schreibt, sondern auch bereits vier Bücher (kürzlich erschienen „Neurosen zum Valentinstag“ beim Verlag Rowohlt) geschrieben hat – kann sich nicht entscheiden, in welcher Sprache sie schreibt:
„Ich liebe die deutsche Sprache. Sie ist direkt und wegen meinem beschränkten Wortschatz, kann ich auch kürzere, aussagekräftige Sätze bilden. In meinem Kopf ist ein „Mischmasch“ aus Deutsch und Französisch und ich schreibe sowohl meine Texte als auch meine Tagebücher in beiden Sprachen. Damit ich merke, dass etwas Geschriebenes zum Beispiel nicht so künstlich wirkt, lese ich es laut vor. Auch Brezel hilft mir, meinen Ausdruck zu verbessern.“ Hier wirft Brezel ein: „Was dir wahrscheinlich noch nicht aufgefallen ist, dass du oft total komische, deutsche Wörter aufschnappst. Ein Deutscher würde zum Beispiel nie ‘Kabuff’ für ‘kleines Zimmer’ verwenden.“
Natürlich- und Ausdruckslosigkeit als Geheimnis stetigen Bühnenerfolgs?
Wer die Zwei schon einmal live erlebt hat, weiß, dass dieses Paar vor Energie und guter Laune nur so sprüht (oder übergeht, aber nicht übersprüht!) – doch wie ist es möglich, permanent positive Stimmung zu verbreiten? „Es war schon immer unser Traum, auf der Bühne zu stehen. Wenn du den Sound in dieser wahnsinnigen Lautstärke hörst, dann fühlt sich das wie Energiestöße an, alles macht totalen Spass. Du denkst nicht mehr darüber nach, was du machst, sondern du reagierst einfach darauf. Das ist ein toller Zustand.“
„Üben“ - das ist Francoise ein Gräuel, jedoch liebt sie es auf der Bühne zu stehen, da mit dem Publikum eine bizarre Art von Kommunikation entsteht.
Françoise gibt sich auf jedem Konzert so natürlich wie möglich - und wenn sie einmal ihren Text vergessen hat, dann blättert sie eben in ihrem Textbuch und schaut nach, denn „Nobody is perfekt – ich auch nicht!“ Ein Konzept – wie sie sich auf der Bühne geben – hat nur Brezel: „Ich versuche mir vorzustellen, ich wäre eine Maschine. Zum Beispiel, wenn ich auf einem Keyboard spiele, soll das nicht so dynamisch und harmonisch klingen, wie auf einem Klavier, sondern eher abgehakt. Oder auch bei einer Gitarre – so total NONEXPRESSIV – das find’ ich super!“
„Nonexpressiv“ sind die beiden auf gar keinen Fall und sie brachten uns nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei diesem Interview zum Lachen.
Ich bin nackt - na und!
Es brodelte und kochte an diesem Abend. Eine beinahe endlos scheinende Menschenschlange schlängelte sich in den kleinen, etwas desolaten Vorgarten des Flucs und danach weiter in die Tiefen des Mensa-Schlundes, der mich bereits allzu oft erst am Morgengrauen wieder ausspuckte.
Stereo Total betrat die Bühne mit einem sirenenartigen Sound, der an diesem Abend noch öfter zu hören war. Denn er leitete entweder eine charmante Ansage von Brezel und Françoise ein oder kündigte einen neuen Song an. Gespielt wurden neue Lieder aus dem Album „Do the Bambi“, aber auch altbewährtes Material a là „Liebe zu dritt“ oder "Wir tanzen im 4-Eck“ wurde zum Besten gegeben. Der Versuch nach vorne zukommen und Fotos zu machen, wurde bereits im Ansatz im Keim erstickt. Und somit sind auch die wenigen und schlechten Live-Fotos entschuldigt.
Nach dem gelungenen Auftritt von Françoise und Brezel verließ der Großteil der Leute die Fluc Mensa – und das wohl für eine längere Zeit. Der restliche Abend verlor sich dann in der von Alkohol und Nikotin geschwängerten Atmosphäre…
Das letzte was bleibt, ist wie so oft die Erinnerung. R.I.P – liebe Fluc Mensa.
Mein Leben befindet sich zurzeit in Bearbeitung. Ich bitte deshalb um etwas Geduld. Danke.
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