Eine Nachbetrachtung zum Social Club am 25.10 im Planet Music Wien. fm5 und vöm feierten für Ute Bock mit netten Menschen und richtig schweinegeilen Musikern. Vom Veitstanzblues zu Lambrettapop. Auf mehr im Pornokino.
Halb neun. Am morgen? Ich schreibe von halb neun Uhr abends. Damals noch am Klo, sinniere über den möglichen Vergleich von Gästen und rinnenden Spülkästen. Ähnlich tröpfelnd wie die Klomuschel mit Wiener Hochquellwasser füllt sich auch das Planet Music. Es schaut gut aus, die Besucher rotten sich in verschworenen kleinen Grüppchen zusammen, Bandeltern, Utes Böcke, Fans und Freunde.
Wie üblich - ich diskutiere das intensivst mit dem fm5-Fotografen aus - platzieren sich die Menschlein am Rand oder exakt, dort wo es am engsten ist. Dieses Phänomen der Zusammenballung an kleinstmöglichsten Plätzen gehört unbedingt untersucht. Gerade als ich anfange ein Positionsdiagramm der Anwesenden zu skizzieren, stopft Milk+ ihren Sound in unsere Ohren. Ich bin augenblicklich begeistert, da ich Musiker, die Musik noch für sich selber machen, einfach bemerkenswert finde. Die Band ist sperrig, aggressiv und trotzdem nicht dumpf und dröge. Auch die teils verständnislosen Publikumspausbäcklein gefallen mir. Eine Band wie sie öfters erfunden werden sollte. Kleine Sekten, Fans und Führer in einem. Großes Kino. Ich frage mich wie hierzu getanzt werden könnte, finde als einzige mögliche Alternative den Veitstanz, traue mich dann aber doch nicht. Zu exponiert liegt der Merchandisestand, mein Arbeitsplatz, der heute noch überrannt werden soll.
Irritiert verfolge ich die nun laufenden Kurzfilmartigkeiten, nach der Milk+ Session ein merkwürdig eindimensionales Erlebnis. Nicht das die Werke schlecht wären, nein! Handwerklich wirken sie wie gelungene Kunst, doch kratzen sie nur an der Oberfläche von gerade Gehörtem. Im Laufe des Abends werden die Filme praktisch verwendet um Bandumbaupausen zu verkurzweilen. Gute Sache, das. Ein weiterer fm5-Mitarbeiter taucht auf, er will tanzen. Die Band die gerade ins Achziger Genre gewechselt ist, scheint ihm zu liegen, auch das Publikum zollt Respekt. Anfänglich begannen Data Hero mit sprödem - mir unverständlichen deshalb vermutetem - deutschem Gesang und Toco-Frisuren. Sie spielen hörbar gut, tanzbarer und in ganz anderer Musik als ihre Vorgänger. Der Mitarbeiter tanzt, das Publikum auch, die Band gibt richtig was her - von sich und ihren Gitarren. Der Kontrast ist schön groß und breit, ein Ozeanliner könnte wunderbar durchschippern, ohne mit den Rettungsbooten die Klippen zu streifen. Ich glaube Depeche Mode zu hören, auch der Tanzende erwähnt den Namen. Schön, denke ich mir, und streife zufrieden mein hungriges Bäuchlein glatt. Es knurrt ganz leise.
Der Fotograf ist wieder da, erzählt mir von seinem Kampf vor der Bühne um gute Fotos und präsentiert diese auch. Schön visuell, die Fotos, auch der Bandfilm der gerade durchgedreht wird, ist wohlwollend anzuschauen. Er gehört zu Roter Stern Silberstern, alleine für den Namen sei die Band, die verdammt knackig klingt, gelobt. Ein tolles Schlagzeug - Bass Duo spielt mit einem energetischen Sänger - Gitarrenstücke ihres neuen Albums. Mir war das alte nicht geläufig, alles wäre heute neu für mich. Anerkennend nickt mir mein Chef zu, er scheint die Band zu lieben. Ich verstehe ihn, habe aber auch die Nachsichtfunktion der Kamera entdeckt und sichte das Publikum nach Essbarem.
Da es sich rhythmisch bewegt und Spaß durch Musik hat, gelingt mir kein Nightshot, was ich dann bei Christoph und Lollo nachhole. Frenetischster Applaus und Freudengejuchze ertönen bereits für die beiden Herren. Ich würde gerne Musikerkabarettisten schreiben, Vergleiche zu Hannes Vader ziehen und noch zwei Bier trinken. Aber vielleicht mögen die zwei keine Vergleiche und Schubladen. Das Volk ist gut gelaunt, hat die zwei Bier schon intus und feiert. Ute Bock, sich selbst, die Band, alles ist erlaubt, ich gehe kurz nach oben zum Eingang und schaue in die Nacht. Die letzten Busse rollen weg, Zuschauer eilen auf die letzte U-Bahn. Blöd für alle denn es spielt noch eine Formation. Ich stoße mich etwas am Namen O5, die widerständigen Österreicher als Bandname. Ich moralisiere leise über den Ernst dieses Codes vor mich hin, während ich wieder in den Musikkeller zurück steige. Die Band klingt verdammt nach Sex. Ich verstehe das O5 erst recht nicht mehr. Die sind wirklich gut, machen soliden Sound, auch hier Kraft auf der Bühne, leider nicht im Keyboard. Drei Songs werden vorgegeben, weil das Werkel nicht mehr will. Der Name sei Geschichte (die Männer werden sich schon was dabei gedacht haben) und versöhne mich mit mir selber.
Die Anarchistin welche den O5 Shop betreut, erklärt mir eines ihrer Tattoos zum adretten Pop ihrer den Abend beschließenden Gruppe. Britisches Fliegerwappen und Niederbund rasseln nochmals heftig im Saal. Der Tanz ist zu Ende, wie auch das Kartonbehältnis in welchem die Restbestände von T-Shirts und Feuerzeugen liegen. Wir räumen ab, der Fotograf ist verschwunden der tanzende fm5-Schreiber müde. Ich krieche noch am Boden herum, auf der Suche nach Essbarem, irgendwo liegt ein Rucksack mit Kuchen, Rotwein und Blumen drinnen. Ich frage den Wolf ob er was abgibt, er meint lakonisch ich sei betrunken und solle bitte noch mit ausgehen. Da ich Märchenfiguren nie widerspreche setzte ich mich mit zwei Vorstandsmitgliedern und einem Fan in ein Taxi. Alles wird gut.
Nachtrag der Redaktion:
FM5 bedankt sich recht herzlich bei allen KünstlerInnen für die wertvolle Unterstützung des Social Clubs zugunsten von Ute Bock. 1.000 Euro konnten auf diesem Wege Frau Ute Bock übergeben werden. Wir sagen danke!