2008-01-21 22:46:50
Der Salon5 in der 5hausgasse 5 im 5zehnten Wiener Gemeindebezirk ist Schauplatz der Welturaufführung von Joey Goebels Roman "Vincent". Anna Maria Krassnig adaptierte und inszenierte das Stück für ihr neues Theater... loft.
Salon und Loft. Aperitif und Tapas. Weltoffene Menschen und coole Musik. Die Theatererfahrung rund um Vincent ist nicht ohne das Konzept des neuen Salon5 zu beschreiben: Hier wird dick aufgetragen, großstädtisch und die blühenden jüdischen Gemeinden (mit all ihren positiven Vor-Urteilen) zum Vorbild. Bei Gott nicht unsympathisch, aber verdächtig. Findet hier Erneuerung statt?
Der Inhalt
Das erste Stück auf der neuen Theaterbühne (und ein bisschen mehr) wurde sehr gut ausgewählt: Beinharte Kritik an Medien, Konsum und Medienkonsum. Die Story dreht sich um den Wunsch des Medienmoguls Foster Lipowitz, dem seine seichte Unterhaltung selbst schon zum Hals heraushängt: Unterhaltung auf höchstem künstlerischen Niveau. Ein Elite-Programm (nicht mit den dazu passenden Schulen und Universitäten zu verwechseln) soll aus hochbegabten Kindern zukünftige Genies formen, die Popsongs und Drehbücher der Superlative schreiben.
Die Pointe der ganzen Geschichte: Lipowitz glaubt an die Philosophie, dass sich wahre Kunst aus dem Leid des Künstlers nährt. Sein Opfer ist der 7-jährige Vincent, eins von vielen Kindern einer Hure. Ausgesucht wird er von Harlan, dem an der Industrie zerbrochenen Ex-Musiker, Mentor und Schutzengel für die bösen „Geschichten“. Er zieht im Hintergrund die Fäden, damit Vincent ordentlich leidet: er vergiftet den Hund, brennt das Elternhaus ab. Junge Frauen, die Vincent zu nahe kommen werden bestochen. So erkauft sich Harlan das Un-Glück seines Schützlings. Das junge Genie leidet einsam und produktiv.
Die Inszenierung
Die Schauspieler Daniel Frantisek Kamen (als kindlicher und junger Erwachsener Vincent, außerdem als Lipowitz' rechte Hand), Jens Ole Schmieder (als Harlan) und Isabella Wolf (ständig in der Garderobe ihre Figuren wechselnd und meist via Kamera zugeschaltet) spielen äußerst souverän. Der erste Teil gestaltet sich inhaltlich etwas aufgesetzt. Die ständigen Figurenwechsel, Gespräche mit Bildschirmen und musikalischen Untermalungen lassen kaum Raum für vertiefende Charakterdarstellungen. Stattdessen steht die Geschichte im Vordergrund, aufgetragen mit viel zu viel Rouge. Die angeblich so unterhaltenden und künstlerisch niveauvollen Songs müssen in der Darstellung einfach scheitern. So auch eine „geniale“ Idee Vincents: einen Fernsehkanal nur für Gemälde (Rembrandt, Rubens, Van Gogh, Picasso, egal) im Zweiminutentakt erweist sich nach kürzester Überlegung als Griff in die Kloschüssel.
Leider wird auf leise Töne und offene Fragen mehr oder weniger verzichtet. Einige witzige und weniger witzige Einfälle und ein wesentlich lebendigerer zweiter Teil sorgen für geradlinigeres Theater mit mehr Substanz. Dies wird auch durch den Schauplatzwechsel erreicht, vom Loft geht es runter in den Salon. Auch wenn der ganze technische Schnickschnack scheinbar zu dieser kapitalistischen Utopie passt, bleibt eine alte Weisheit bestehen: Weniger ist oft mehr! Letztlich lebt das Stück nur vom klugen Einfall, Genialität über Leid produzieren und erkaufen zu können. Ebenso wie Lipowitz Idee scheitern muss, muss das Theater an der Zurschaustellung von inszenierter Genialität scheitern.
Mehr
Rot- und Weißwein (durchschnittlich!), sowie Prosecco (natürlich!) um zwei Euro, dazu kostenlose Tapas (lecker!), eine überaus ansprechende Atmosphäre und eine Theateridee, die auch vom Publikum und seinen Ansprüchen lebt, gibt es am 24., 25., 30. und 31.1. sowie am 8., 9. und 14.2. im Salon5.
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