2011-03-30 23:53:59
Von Johanna Adorján bis Hanns Zischler: Das von Elke Heidenreich herausgegebene Buch Ein Traum von Musik enthält 46 Liebeserklärungen prominenter Persönlichkeiten an die tönende Kunst, die aber leider größtenteils enttäuschen.
46 Liebeserklärungen an die Musik - das hört sich nicht nur
vielversprechend, sondern auch vielfältig an. Ob Musiker, Dirigent oder
Komponist, ob Schauspieler, Kabarettist oder Regisseur, ob Politiker oder
Schriftsteller: Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen haben sich in
diesem Buch vereint, um ihre ganz persönliche Beziehung zur Musik darzustellen.
Herausgekommen ist dabei allerdings ein sehr zähes
Gesamtwerk, das vor allem durch ständige thematische Wiederholungen langweilt.
Nun ist es den Autoren nicht vorzuwerfen, dass sie während ihrer musikalischen
Sozialisation ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Doch Herausgeberin Elke
Heidenreich hätte erkennen müssen, dass es für den Leser nicht besonders erquicklich
ist, zum x-ten Mal etwas über den Klavierunterricht bei einer älteren Dame, von
den Erlebnissen mit dem ersten Radio im Haushalt oder von der Gottähnlichkeit der
Musik Johann Sebastian Bachs zu erfahren.
Klassik ist Trumpf
Überhaupt ist es befremdlich, dass fast ausschließlich über
die klassische Musik gesprochen wird. Größen der populären Musik kommen – wenn
überhaupt – nur am Rande zur Sprache, sieht man einmal von Roger Willemsens
rühmlicher Ausnahme ab, die sich mit der Jazz-Sängerin Billie Holiday
beschäftigt und mit zum Besten gehört, was das Buch zu bieten hat. In der Regel
wird über Mozart, Beethoven, Schubert und Schumann, also über die üblichen
Verdächtigen der "ernsthaften" Musik referiert und das keineswegs in einer
belletristischen Weise.
Um einige der Aufsätze überhaupt verstehen zu können, müssen
schon musikwissenschaftliche Grundkenntnisse mitgebracht werden. So legt etwa
der Dirigent Enoch zu Guttenberg (Vater des mittlerweile bestens bekannten
deutschen Verteidigungsministers a. D.) eine Analyse der Großen Messe in c-Moll von Wolfgang Amadeus Mozart vor, die unter anderem auf Taktzahlen verweist und
auch ansonsten eine genaue Kenntnis des Werks voraussetzt, um das Geschriebene
überhaupt verstehen zu können.
Friedhelm Wer?
Noch verstörender wirkt der Beitrag des wahrlich nur
Insidern bekannten Komponisten Friedhelm Döhl, der unter dem Titel Musik meines Lebens weitgehend
Selbstmarketing betreibt, indem er sein Oeuvre und dessen
kompositorisch-philosophischen Hintergrund in höchst verklausulierter Sprache vorstellt.
Beispiel gefällig? Über seine Symphonie für Cello und Orchester schreibt er: "Aus dem
symphonischen Keim, dem Stammeln der aus dem Urschlaf geweckten Kundry (bei
Wagner eigentümlich ausgedrückt in sechs chromatisch isolierten Einzeltönen »ach!
ach! tiefe Nacht … Wahnsinn …«), erwachsen im Verlauf der »Kundry-Symphonie« mannigfache
Beziehungen bis hin zum kanonischen »Canto amoroso« im Finale, kulminierend in
dem – aus Kundrys Einzeltönen multiplizierten – Tutti-Akkord (dem
»Mutterakkord« der Symphonie)."
Geschichte vs.
Geschichten
Doch nicht alle der "Liebeserklärungen" sind derart sperrig.
Neben der peniblen Dokumentation von persönlich erlebter Geschichte finden sich
auch einige literarisch angehauchte Geschichten mit persönlichem Hintergrund,
die in einer gefälligeren Art und Weise erzählt sind. Besonders hervorzuheben
ist in dieser Hinsicht der Beitrag der Regisseurin Vera Nemirova, die den Fall
der Mauer während einer Opernaufführung von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos erlebt hat. Ihr gelingt es, ihre persönliche Situation und das historische
Ereignis dramaturgisch derart gut zu verweben, dass man sich wünschte, sie
hätte mehr als sieben Seiten zum Buch beigetragen.
Fazit
Letztlich hinterlässt die Lektüre einen zwiespältigen
Eindruck. Obwohl Ein Traum von Musik mit einigen erfrischenden Geschichten und Erlebnissen aufwarten kann (besonders
erwähnt seien noch die Bekenntnisse eines
Unmusikalischen des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude), besteht der
Großteil des Buches aus kopflastigen, teils sehr belehrenden Auseinandersetzungen
mit dem Thema (einzigartig in dieser Hinsicht: Die wahre Welt ist Musik der deutschen Bundesministerin für Arbeit
und Soziales Ursula von der Leyen). Empfohlen werden kann dieses Buch daher nur
Kennern und Liebhabern der klassischen Musik, die gerne einmal etwas tiefer in
die Materie eintauchen möchten.
Ein Traum von Musik –
46 Liebeserklärungen
herausgegeben von Elke Heidenreich
erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, August 2010
Gebunden, 384 Seiten, EUR 20,60
Nobody knows the trouble I've seen.
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