2010-07-25 01:40:16
In ihrem Debutroman Spaltkopf zeichnet Julya Rabinowich ein vielschichtiges Bild vom Leben einer aus der Sowjetunion emigrierten Familie.
Ein kleines Mädchen tanzt auf einer Hochzeit, es scheint glücklich zu sein. „Ich habe ihr den Boden unter den Füßen geschenkt“, denkt die Mutter. Es ist einer von wenigen Momenten der Zuversicht und des Selbstvertrauens in dem von Unsicherheit und (Selbstmit-)Leid geprägten Leben, das Julya Rabinowich in ihrem Debutroman Spaltkopf in achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen schildert.
Kein einfaches Leben
Geboren in der Sowjetunion emigriert die Protagonistin Mischka als Kind mit ihrer Familie nach Wien. So wird sie zwar von allerlei schrulligen Verwandten und nicht immer wohlmeinenden Kommunalwohnungs-Mitbewohnern erlöst, dafür macht ihr aber eine ungewohnte Umwelt zu schaffen. In späteren Jahren lässt sie das Gefühl der Entwurzelung in Fettleibigkeit, in eine Punk-Phase und in eine schwierige Beziehung zu einem mehr als nur latent schwulen Mann flüchten.
Dass der autobiographisch angehauchte Roman bei der Schilderung all dieser Probleme nicht in Selbstmitleid und Betroffenheit versinkt, ist vor allem Rabinowichs lapidarem und ironischem Tonfall zu verdanken, der auch eine allzu starke Verklärung „großer“ Momente verhindert: „Wir nähern uns dem gelobten Land, die Nase des Flugzeugs senkt sich der Milch und dem Honig entgegen. Ich kotze verschämt Schnitzelreste in meine Papiertüte.“
Mitgefühl und Witz
Auch bei der Beschreibung des Russland der 70er Jahre kann Rabinowich ihren bissigen Humor ausspielen – etwa, wenn bei einer Ausstellung moderner Kunst in St. Petersburg Zuschauer und Künstler voneinander getrennt werden sollen: „Der Milizionär schwitzt, schreit, pfeift und löst unabsichtlich beinahe eine Massenpanik aus. Sein harmlos auf die Inneneinrichtung bezogener Ordnungsruf lautet: ‚Zuschauer hinters Gitter, Künstler an die Wand!'“
Viel Spannung bezieht der Roman aus seiner eigenwilligen Perspektive: Das erlebende Kind und die erwachsene Erzählerin verschmelzen im erzählenden Ich. Auf eine nie bösartige, immer mitfühlende Weise blickt die Protagonistin selbstironisch auf eine Zeit zurück, in der ihr vieles rätselhaft erschien. Weitere Stimmen schalten sich ein und erzählen von Mischkas Familiengeschichte, allem voran von ihrer Mutter und ihrer Großmutter Ada, auf deren Leben ein altes Geheimnis seine Schatten wirft.
Im Bann des Spaltkopfs
Diese beiden Frauen sind es auch, die Mischka mit dem titelgebenden Spaltkopf drohen: einer Gestalt aus dem russischen Mythos, die die Gedanken ungehorsamer Kinder fressen und deren Seelen aussaugen kann – und die, wie die Autorin in Interviews offenbart hat, von ihr selbst erfunden wurde. Unbarmherzig zieht der Spaltkopf ein weibliches Familienmitglied nach dem anderen in seinen Bann; und ebenso schonungslos nimmt der Spaltkopf seine Leser gefangen.
Julya Rabinowich
Spaltkopf
Deuticke, Wien 2009
Broschiert: 188 Seiten
12,30 Euro
Wissenschaftlert literarisch und theatral, schreibt, spielt schau, denkt, lacht, sucht, träumt.
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