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Ein Buch genannt „Ein Land genannt die DDR“

2007-04-02 00:10:43

Just, als es von Seite des bayrischen und brandenburgischen Ministerpräsidenten, Edmund Stoiber und Matthias Platzeck, rassistische Kritik auf den Osten Deutschlands, die Ex-DDR, hagelte, erschien, deswegen wohl zum richtigen Zeitpunkt, ein Buch von Ulrich Plenzdorf und Rüdiger Dammann, das Nachhilfe schaffen soll: „Ein Land genannt die DDR“.

Es gibt sie noch, die DDR
Zu dem Befund kommt der Herausgeber Rüdiger Dammann, der zurzeit u. a. Redakteur der Zeitschrift Kafka. Zeitschrift für Mitteleuropa ist, gleich zu Beginn im Vorwort Ballast der Republik. Nicht als Land natürlich, aber als Prägung, sie steckt in den Menschen, als Summe gelebten Lebens. Und über dieses Leben wissen die Westdeutschen und mindestens die nach 1989 Geborenen herzlich wenig. Das von Ulrich Plenzdorf, Autor der berühmten Geschichte Die Leiden des jungen W., und Rüdiger Dammann herausgegebene Buch Ein Land genannt die DDR ist in acht den Mythos (der) DDR erklärenden Kapiteln unterteilt, in denen jeder Autor (Claus Leggewie, Holde-Barabara Ulrich, Erich Loest, Daniela Dahn, Alfred Roesler-Kleint, Peter Ensikat neben den Herausgebern Rüdiger Dammann und Ulrich Plentzdorf) mit einer teils objektiven – was die Geschichte bzw. den historischen Hintergrund betrifft - , teils subjektiven – was die anekdotenhaften Teile der Geschichte betrifft – Geschichte seinen Teil zum Buch dazu gibt.


Historischer Hintergrund, untermalt mit Anekdoten
Die Frage, warum Deutschland geteilt wurde, soll deshalb nach sechzig Jahren noch einmal gestellt werden, weil in der Antwort die Gründe dafür zu finden sind, warum der eine deutsche Statt nicht erfolgreich sein konnte und nach vierzig Jahren in einer friedlichen Revolution unterging. Das meint der mit dem Einganskapitel Die ehemalige Zukunft oder Warum Deutschland geteilt wurde aufwartende Claus Leggewie, Jahrgang 1950 (was so ziemlich der Durchschnitt der Autoren ist), bevor er in die Geschichte der DDR eintaucht. Positiv zu deuten ist, dass er seine Geschichte mit dem Ende des 2. Weltkrieges verwickelt, weil das ja ausschlaggebend für die Teilung des Staates Deutschland in DDR und BRD war. Danach unterscheidet er die bürgerliche von der sozialistischen Revolution im folgendem Satz: In einer bürgerlichen Revolution erkämpfen, kurz gesagt, Bürger ihre Freiheit gegen Adelige und Kirchenfürsten und deren Privilegien, in der sozialistischen Revolution kämpfen Arbeiter und Bauern gegen die Bürger, die sich ebenfalls Privilegien verschafft haben. Die von ihm gestellte Unterscheidung ist deswegen wichtig, weil anfangs, das heißt im Jahre 1945 - vor der DDR-Gründung also – vonseiten der KPD immer von einer bürgerlichen Revolution“ gesprochen wurde und erwähnt wurde, dass die sozialistische Russische Revolution von 1917 nicht nachgeahmt werden soll, sondern die abgebrochene bürgerliche Revolution von 1848 nachgeholt werden soll.

Und schreibt nachher, warum die Teilung Deutschlands in BRD und DDR von Anfang an ein Fehler bzw. eine Tragödie war: Die spätere Bundesrepublik und die spätere DDR verfolgten zwei völlig unterschiedliche und letztlich unvereinbare Wege. Im Osten etabliert sich binnen zwei Jahren eine zentralistische, von Berlin aus regierte „Volksdemokratie“ nach sowjetischem Muster, in der die kommunistische Partei die absolut führende Rolle spielt und abweichende Positionen zunehmend unterdrückt werden. Im Westen richten die Besatzungsmächte eine parlamentarische Demokratie und starke Ländern ein, viele Weltanschauungen und Parteien stehen im Wettbewerb, darunter auch Kommunisten, die dieses System eigentlich ablehnen und zunehmend bekämpfen – bis sie zuletzt doch verboten werden. Und: Überdies taucht am Horizont das strahlende Gegenbild des „freien Westens“ auf. Das wirkt zwar weit günstiger, als es in der Wirklichkeit in den westlichen Besatzungszonen ist, aber vor allem nach der Währungsreform von 1948, als die D-Mark die wertlose Reichsmark ablöst, stellt sich der wirtschaftliche Erfolg ein, der der DDR immer fehlen wird und sie in ein immer ungünstigeres Licht taucht. Hier sind Schaufenster mit Waren voll, dort herrschen Knappheit und Leere.


Wenig später erklärt Claus Leggewie den signifikanten und von vielen leider nicht verstandenen Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus bzw. der DDR, weil eine beträchtliche Anzahl von Menschen die Ideologie des Kommunismus bzw. der DDR mit der des Nationalsozialismus gleichsetzen: Heute versuchen manche, die rote mit der braunen Diktatur gleichzusetzen, und sie übersehen dabei einen wesentlichen Unterschied. Er steht nicht in der Zahl der Opfer, sondern in den Absichten derjenigen, die die Diktatur errichtet haben. Der NS war eine zutiefst menschenverachtende Ideologie der Ungleichheit zwischen Völkern und Rassen, der Kommunismus war wenigstens im Ursprung eine auf die Verbesserung de Menschen setzende Ideologie der Gleichheit und Gerechtigkeit. Dieser Gedanke ist im Stalinismus jedoch völlig ins Gegenteil verkehrt worden. Die DDR ist weder gleich noch gerecht, und der in ihr proklamierte Antifaschismus wird zum Werkzeug dieser Perversion: Er dient als Herrschaftsmittel eine Diktatur, auch als Mittel der Abgrenzung vom Westen Deutschlands, der bis 1990 unter „Faschismusverdacht“ stand.

DDR verdreht…
Ein alles entscheidendes Wort, das Anhängern der DDR – auch liebevoll Ostalgiker genannt – die die DDR aus verschiedenen Gründen wieder herbeisehnen, sofort den Wind aus den Segeln nimmt, kommt in der Geschichte von Holde-Barbara Ulrich vor. Holde-Barbara ist seit 1991 freie Autorin und Redakteurin für Die Zeit, Spiegel, Elle und Brigitte. Ein Teil ihrer Geschichte Good bye Stalin - eine Parodie auf Good bye, Lenin?! - : In ihrem Wohnort existierte, vor der DDR, ein Geschäftsladen namens Kolonialwarenladen, der ein paar Jahre nach Bestehen der DDR in Konsum umgetauft wurde. Eine Ironie der Geschichte?...

Faschismus? Diktatur? DDR!
Das klingt wohl zu sanft. Zu sanft für die Geschichte von Erich Loest, der 1926 im sächsischen Mittelweida geboren war und seither wie ein Wilder für Zeitungen schreibt, z. B für die Leipziger Volkszeitung.; aber auch Bücher namens Es geht seinen Gang (Roman –wurde so weit wie möglich vonseiten der DDR eingestellt) schrieb er. In seiner Geschichte Die letzte Lüge oder Das dicht gesponnene Spitzel-Netz schildert er die Schattenseite der DDR. Dass er, z. B., von 1957 bis 1964 im Gefängnis saß. Wegen konterrevolutionärer Gruppenbildung. Oder dass sein Roman Es geht seinen Gang 1981 zensiert wurde. Das alles führt dazu, dass Erich noch im selben Jahr die Ausreise nach Osnabrück tätigte. Seine Frau, seine 3 Kinder und seine 3 Schwiegerkinder folgten nach. Das Schrecklichste aber, das in einer ähnlichen Form gewiss in jedem anderen Staat auch stattfinden hätte können, war Erich `s Freund Walter, der ihn zwei Mal schlimm betrog: 1.: Walter hatte Erich nicht erzählt, dass er einst – vor 1945 natürlich – ein SS-Mitglied war. 2.: Erich wurde von Walter auch nicht mitgeteilt, dass Walter auch Stasi-Mitglied war. (Die Vorgeschichte dazu sollte am besten selbst nachgelesen werden).

Aus diesen Geschichten lässt sich schon ein Großteil der Verbrechen des DDR-Regimes an unliebsamen, konterrevolutionären Gruppenmitglieder ablesen. Das Buch, das auf fast jeder Seite kleine rote Kästchen für die geschichtlichen Hintergrundinformationen platziert hat, bietet noch mehr Geschichten von renommierten deutschen Schriftstellern bzw. Autoren und sollte daher als ein ergänzendes Geschichtsbuch in den Bücherregalen stehen. Damit weder die DDR mit NS-Deutschland gleichgestellt wird, noch die DDR verharmlost wird.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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