2007-06-29 11:41:01
Mit dem spanischen Film Dunkelblaufastschwarz (Azul oscuro, casi negro) liefert Daniel Sánchez Arévalo ein überzeugendes Drama über den Kampf gegen die Unsicherheiten im Leben.
Ungewissheit
Jorge (Quim Gutiérrez) träumt davon, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Noch kann er jedoch das Objekt seiner Begierde - einen dunkelblauen, fast schwarzen Anzug - nur in der Auslage einer Boutique betrachten. Dieser verkörpert für ihn die Welt, zu der er gehören möchte bzw. zu wollen glaubt. Trotz zahlreicher Bewerbungsgespräche steht kein Job in Aussicht. So versucht der BWL-Absolvent durch die Pflege seines Vaters die Schuld an dessen Unfall zu verkraften. Nebenbei jobbt er als Hauswart. Auch die Beziehung zu seiner Freundin Natalia (Eva Pallarés) scheint ihn nicht zu erfüllen. Ihren Erwartungen kann er nie entsprechen, zudem wirken sie bereits emotional sehr von einander entfremdet.
Durch seinen inhaftierten Bruder Antonio (Antonio de la Torre) lernt Jorge die hübsche Paula (Marta Etura) kennen. Paula und Antonio sind ein Paar und eigentlich recht glücklich. Doch Paula wünscht sich von Antonio ein Kind, um durch die Aufnahme in der Mutter-Kind-Station den Schikanen ihrer Gefängniskameradinnen zu entkommen. Da Antonio jedoch zeugungsunfähig ist, bekommt Jorge bald ein unmoralisches Angebot: Er soll für Antonio einspringen und seine Freundin schwängern. Anfangs etwas verunsichert willigt Jorge schließlich ein. Die Begegnung mit der vom Schicksal gebeutelten Paula ändert sein Leben. Es entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte. Jorge fühlt sich endlich nicht mehr für alles im Leben verantwortlich. Er weiß, dass er nicht immer den Erwartungen anderer entsprechen muss, sondern seinen eigenen Wünschen nachgehen muss, um glücklich zu werden. „Dunkelblaufastschwarz ist ein Seelenzustand, eine ungewisse Zukunft, eine Farbe: Eine Farbe, die wir nicht sofort erkennen und die sich abhängig von Licht, Medium und Stimmung verändert.“
Hinter einer Glasscheibe
Dunkelblaufastschwarz ist eine „Geschichte über Menschen, die gegen ihr Schicksal kämpfen, gegen das, was in den Sternen steht“, sagt der Regisseur Daniel Sánchez Arévalo über seinen Film. So will Jorge ein anderes Leben führen, als das seinige, er will jemand sein, der er nicht ist, aber gleichzeitig ist er auch unsicher darüber, was er eigentlich will. Auch die anderen Personen hängen emotional in den Seilen. Sein bester Freund will beispielsweise nicht wahrhaben, dass er homosexuell ist, zudem erpresst er seinen eigenen Vater. Antonio hingegen möchte mit Paula einfach nur glücklich sein, befürchtet aber, sie nicht halten zu können. Paula, die eigentlich unschuldig ihre Strafe absitzt, wünscht sich ein Kind, um den Quälereien zu entkommen. Doch die Charaktere sind „jenseits einer Glasscheibe gefangen, dessen Glas so dünn ist, dass man es kaum sieht, fast unsichtbar, aber unmöglich zu ignorieren. Eine Glasscheibe, die sie von ihren Träumen trennt - in die sie ständig hineinlaufen und die sie täglich vergessen.“ Jeder versucht so gegen seine eigenen Unsicherheiten anzukämpfen und das Schicksal entweder zu akzeptieren oder etwas daran zu ändern.
Sehenswert
Daniel Sánchez Arévalo zeigt den Kampf der Figuren mit sich selbst und der ihnen umgebenden Welt sehr einfühlsam. Die Art und Weise des Erzählens sowie die Figurenzeichnung erinnern oft stark an die Filme von Pedro Almodóvar, der Film behält aber dennoch seinen eigenen Stil und Charme. Mit Leichtigkeit und Melancholie verknüpft Arévalo die einzelnen Schicksale und trifft den Zeitgeist vieler Großstadtmenschen punktgenau, zeigt eine Generation, die mit widersprüchlichen Anforderungen und täglichen Verunsicherungen mit einer Welt zu kämpfen hat, die immer unüberschaubarer und komplexer wird.
Kinostart: 29. Juni 2007
Sorge dich nicht um das was kommen mag, weine nicht um das was vergeht, aber sorge, dich nicht selbst zu verlieren, und weine, wenn du dahintreibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen. (Friedrich Schleiermacher)
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