2008-04-08 15:40:28
Wales entdeckt wie ganz Großbritannien den Soul neu. Duffy, 23 Jahre jung und mit kräftiger Stimme ausgestattet, ist die neue Fee des Pop. Ob die süße Blondine mehr zu bieten hat als die kecke, um Gnade bittende Single 'Mercy'?
Es herrscht derzeit eine Hochsaison im Popbiz.
Wie schon lange nicht mehr haben die weiblichen Stimmen eine derzeitig blühende Hochkonjunktur im Mainstream. Vor allem die britischen Ladies sind es, die immer mehr aufblühen, schneller hochgejubelt werden und vehement um Käufer- und Kritikerschaft buhlen. Es dauert also nicht lang, bis sie zu uns überschwappen.
Jede Woche neue unverbrauchte Stimmen, die reifer und älter klingen als sie sein können. Auch Duffy ist so ein Fall.
Nicht nur optisch erinnert sie an Dusty Springfield und Konsorten, sondern auch stimmlich röhrt sie wie die altwürdigen Damen aus alten Tagen.
A Ferry Tale
Der namensgebende Titeltrack Rockferry, lose nach einem Örtchen in England benannt, eröffnet das Album. Getragen von Pianomelodien bleibt der Song verblüffend entspannt, schraubt sich aber immer mehr in weite Höhen. Eine Selbsterkenntnis findet Einzug: A bag of songs and a heavy heart, won't make me doubt, I give it all my strength and my mind, I'll make this decision, win all the fights, dazu schwingt die Gitarre leise mit.
Vielleicht sind damit mühsame Studiodiskussionen mit Produzent Bernard Butler gemeint, der sie und ihre Stimme in die richtige Richtung lenkte.
Das erforderte Zeit. Danach heißt es erst mal frische Luft schnappen. Um einen klaren Kopf aus Liebesangelegenheiten zu bekommen und für klare Entschlüsse zu sorgen, geht Warwick Avenue auf der Straße spazieren, wo schon Norah Jones mit leisen Schritten ihren Weg gegangen ist. A joke on my expense, in front of all your friends, all the time - Serious will mit männlichen Machoismen aufräumen und fordert im gleichen Atemzug ernsthafte, nüchterne Liebe.
Drei Songs am Anfang, die alle nicht durch die Decke gehen.
Das haben wir uns irgendwie anders vorgestellt. Stepping Stone ist dann das erste Mal, dass Spannung und dramatisches Feuer erzeugt wird, obwohl das Arrangement noch immer nicht genug Antrieb entwickelt um nicht als Fußabtreter herhalten zu müssen.
Dafür ist das Gefühl da.
Die sprichwörtliche Süße im quäkig gesungenen Syrup & Honey liegt dann in der Folge doch schwer in der Magengegend herum.
Entstaubte Quintessenzen
Ausbalanciert ist Rockferry nicht.
Zu sehr in sich gekehrt, lässt Duffy weniger Facetten zu als sie könnte.
Die Kraft, die Power, die Motown-Atmosphäre, wo sind sie geblieben?
Den lasziven Blick, den sie mit Mercy suggeriert, sucht man vergebens.
Dafür zartes Schlagzeug, feinfühlige Streicher und vorwiegend sanfte Gitarrenakkorde im Überfluss.
Wenn sie sich mal traut, dann entstehen offene Songs mit mehr Mumm, wie das abschließende Distance Dreamer, die letzte große Geste, die sogar Abba Stolz gemacht hätte.
Bernard Butler hat zwar soundtechnisch einen guten Job erledigt und die Aura der 60er eingefangen, die Abwechslung ist ihm aber abhanden gekommen.
Wir flehen Aimee Ann Duffy hiermit um Gnade an, auf ihrem Zweitwerk doch bitte stilistischer vorzugehen.
Dann wird das noch mal was mit dem 'Rock' in der 'Ferry'.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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